Anatolischer Ritus

Migration „Antike Mythen sind frühe Formulierungen kollektiver Erfahrungen.“ Heiner Müller
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Die Zitadelle von Mardin nennt man von jeher den „Adlerhorst“. Elif wuchs im magischen Schatten der Festung auf. Das antike Fort erhebt sich über einer Stadt, die es schon zur Zeit der Hurriter dreitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung gab. Die Hurriter machten sich als Streitwagenfahrer bemerkbar. Sie pissten auf die Schweife der Vorgespannten. So expandierten sie bis nach Ägypten und kolonisierten unterwegs die Levante. Unter dem babylonischen Mond bestimmten die kulturellen Leitfäden der Gottkönige von Kiš die Alltagsagenda in Mardin. In ihrem Weichbild lösen nun auch schon wieder seit Jahrhunderten osmanisch-türkisch-kurdische Begriffe das arabische Gepräge Mesopotamien ab. Hier fand Elifs Kindheit ihre Schauplätze; als Tochter einer Aktivistin, die Gedichte liebte; auf einem Boden, der Elif heilig ist. In gewisser Weise entsteht ihre Kunst aus der Erde von Mardin. Schamanische Spiritualität & Gelächter so wie bizarre Verknüpfungen von europäischer Moderne & Tausendundeiner Nacht wirken sich auf den Ton aus.

Geschriebene Sätze bergen viele nicht geschriebene Sätze

Elif liest in unserer Samisdat-Runde. In ihrer Geschichte kreisen Initiierte, die nach einem anatolischen Ritus eingeweiht wurden, einen Baum ein, um sich den Frevel seiner bevorstehenden Abholzung vergeben zu lassen. In dem naturreligiös-animistischen Vorgang überlebt auch der okzidentale Schauder vorchristlicher Zeugen, die mit der Erwartung eines haltlos einstürzenden Himmels, zusahen, wie Missionare sich an ihren Eichen gewaltig zu schaffen machen. Solche aus der Natur (letztlich in die Stadt) führenden Übergriffe erzeugten einen transkontinentalen und transgenerationellen Widerhall. Sie hinterließen Spuren im Gedächtnis der Menschheit. Schriftsteller*innen sind auch Fährtenleser*innen. Sie erkennen Stellen in Überlieferungen, wo ein tausend Jahre alter Schmerz oder Gott sich verwandelt niedergelassen hat. Elif erzählt von Kassibern der Geschichte in Mythen und Märchen. Oder um es mit dem alten Zauberer Heiner Müller zu sagen: „Antike Mythen sind frühe Formulierungen kollektiver Erfahrungen.“

Elif kolportiert Sagen aus dem Weltfundus. Sie errichtet narrative Kreuzungen zwischen altjapanischem und uramerikanischem Hörensagen. Die ozeanischen Abenteurerinnen unter unserer AhnInnen, die Argonaut*innen der Flößerinnen - und Einbaumfahrerinnen-Ära, murmeln immer noch mit in den Geschichten, die heute erzählt werden. Das literarische Jetzt bezieht seine Gültigkeit von Daher. Elifs Prosagedichte legitimieren sich als Gedächtnismaschinen.
Elif entdeckt die große Versöhnung im Einklang der Natur mit der Dichtung.

Gleich mehr.

08:17 24.01.2021
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