Eloquente Gespenster

Dichtung und Wahrheit Bemerkungen zu Monika Rincks Lesebuch „Champagner für die Pferde“ und zu James Joyces „Dubliner“
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Man solle ja auch nicht erwarten, dass Glück tröstlich sei. … Sie habe schon vor Jahren gelernt, dass Fortuna nur die entdämonisierte Spätform der Tyche sei.

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Der ozeanische Plastikmüll verwandelt sich in eine „feindliche Lebensform“, während wir hier sitzen. Der Plural ist umstritten. Helene Gala Dmitrievna war kaum volljährig, als sie 1916 nach Paris kam, um Paul Éluard zu heiraten. Sie verkündete: Ich werde alles tun, aber ich werde aussehen wie eine Frau, die nichts anfasst.

Monika Rinck, „Champagner für die Pferde – Ein Lesebuch“, 526 Seiten, 24,-

Max Ernst bewunderte Galas Beischlaftalent. Éluard ermutigte ihn, daran teilzuhaben. Ich erzähle das in Abschweifung von einem Gespräch über Monika Rincks Lesebuch „Champagner für die Pferde“. Gerade geht es um Sprachgewalt. Rinck fragt:

„Hat der Autor, die Autorin die Sprache in der Gewalt? Oder übt die Autorin mit Hilfe der Sprache Gewalt aus?“

Ist es nicht vielmehr umgekehrt? Übt nicht die Sprache mit Hilfe der Autorin Gewalt aus. Wie kann der Text klüger sein als die Autorin, wenn sie ihn in der Hand hat? Zumal Rinck selbst sich widerlegend schreibt: „Das Gedicht … setzt eine Deutung in Gang, die es ohne das Gedicht nicht gäbe. Der Autor, die Autorin haben damit nichts zu schaffen.“

„Wissen zu wollen, wie man gelebt haben wird, macht müde.“

Die Dichterin erkennt eine unternehmerische Logik bei der Produktion von Identität „im Zeitalter des negativen Narzissmus“. Sie fragt: „Hm, ob das wirklich hilft, wenn der digitale Raum sich zusammentut, um eine Person sprachlich zu vernichten?“ Auf den Baustellen von Buenos Aires vermutet sie „eloquente Gespenster, die … anfälligen Leuten sehr gefährlich werden können“.

Wir – sobald es einmal angestoßen wurde – zeigt es sich so oder so ständig. In dem Gedicht „Das Unmögliche“ flaggt es über „dem Flaum von einem Kellner, der so sehr wünscht, was andres zu sein, dass wir ihn auspeitschen müssten, damit er sich, von Dankbarkeit erfrischt, daran erinnerte, was er kann und was nicht.“

Ist das nicht ein Wir im Geist der „anonymen Grobheit eines abgesüßten Schwächlings“ von dem Jean Paul spricht?

Rempelnder Blick

„Verdammt auf eine Zeitlang nachts zu wandern.“ - Vielleicht hatte Biograf Richard Ellmann die Shakespeare-Zeile im Sinn, als er über den zwanzigjährigen Dichter von „Chamber Music“ schrieb: „An den schütteren, verfärbten Faden seiner arbeitslosen Tage und ausschweifenden Nächte hing er seine Verse auf.“

Vielleicht dachte Joyce an Shakespeare, als er 1904 einer Geschichte diesen Anfang gab: „Nacht für Nacht war ich am Haus vorbeigegangen … und hatte das erleuchtete Viereck des Fensters studiert: und Nacht für Nacht hatte ich es auf dieselbe Weise erleuchtet vorgefunden, schwach und gleichmäßig.“

Sicher ist, dass Joyce (1882 – 1941) mit der Niederschrift der „Schwestern“ einer Aufforderung nachgekommen war, etwas „Einfaches, Ländliches … Ergreifendes“ zu liefern und ihn, den finanziell lebenslang Verlegenen, die Aussicht auf das Honorar antrieb.

James Joyce, Dubliner, aus dem Englischen von Harald Beck, Reclam Stuttgart, 337 Seiten

Die Geschichte erschien zuerst am 13. August 1904 im „Irish Homestead“ und führte Stephen Daedalus in der Autorenspalte. Stanislaus Joyce, des Schriftstellers Bruder und „Hüter“, begründet das Pseudonym mit Scham. Ein hochmütiger Debütant habe sich geniert, in dem „Schweineblatt“ zu veröffentlichen. Das ist die halbe Wahrheit. Joyce saß an „Stephen (Daedalus) Hero“, er war sein eigener Held. Zehn Jahre später taktete „Dubliner“ mit den „Schwestern“ auf. Der Band arrangiert einen Zyklus von fünfzehn Geschichten. Joyce verwandelt „das grobe Brot des Alltagslebens in etwas, das ein künstlerisches Eigenleben besitzt.“ Sein Blick rempelt Dublin.

06:34 14.05.2019
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