Enormer Schauwert

#DailyStorytelling Lara hat einen enormen Schauwert. Ihre Schichten sind ausverkauft.
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Im Nu der Trinkgeschwindigkeit

Als Kellnerin hat Lara einen enormen Schauwert. Ihre Schichten sind ausverkauft. Das Publikum applaudiert stehend. Es besteht überwiegend aus alleinstehenden Männern, die gern »Partnerinnen« hätten, und aus Verheirateten mit Familienstolz- und sorgen. Man bewegt sich auf dem Humorniveau von »Die besten Jahre kommen, wenn die guten vorbei sind«.

Alle sind in Lara verliebt.

Ein Bäcker, der Bäcker heißt, verkehrt seit siebenunddreißig Jahren in der Burg. Er erwartet, dass man weiß, was er will. Goya klärt Lara auf. Bäcker hat sein eigenes Glas, das sieben Mal zu füllen ist im Nu der Trinkgeschwindigkeit. Dann hat man zu wissen, dass zur letzten Neige abrupt gezahlt wird. Trinkgeld gibts nicht.

Von reichen Leuten kannst du sparen lernen. Bäcker hat seine Schäfchen im Trocknen. Er lacht wie ein trockener Husten. Otto lacht genauso. So hustet die Macht im Nordend.

Bäcker singt im Bäckerinnungschor. Der Chor kommt jeden Donnerstag im Saal zusammen. Danach stinkt es da nach alten Meistern. Junge Meister singen nicht.

Die Bäckergreise sind zwanghaft anzüglich, die Zoten fallen wie aus einer Automatenklappe. Die Zoten haben mit dem inneren Geschehen nichts (mehr) zu tun. Herrschaft wird so ausgeübt (und trainiert), das funktioniert bis zum Schluss.

Die intelligenten Idioten erkennen Laras Sonderstellung. Wundert sich dann einer über vertraulichen Umgang mit Lara, heißt es: »Wir haben das klargestellt«.

»Wir haben das klargestellt«, sagt Bäcker mit deklassierendem Seitenblick für einen Mann, der keine Geschäfte macht, also im Prinzip in der Burg nur dumm rum steht. Bäcker schenkt seine gefällige Aufmerksamkeit den Broten und Brötchen hinter dem Buffet. Alle von ihm. Wie die Dinge zusammenspielen. Wie alles mit allem verzahnt ist. So wunderbar wie die Schöpfung selbst.

Auch der gelernte Metzger Bernd Kranich, wohnhaft bei der Oma in der Lenaustraße, kommt so zur Sache. Blutwurst-Berd liefert Fleisch an die Hintertür. Mit seinem Benz klappert er die Gasthäuser der Gegend und des Umlands ab und verscherbelt, was der Kofferraum hergibt unter der Hand. Das ist ganz leicht. Leicht verdientes Geld ist das.

Deshalb versteht Blutwurst-Bernd nicht, wieso jemand kloppen geht. Wieso sich das einer antut.

Ist doch nicht nötig.

Blutwurst-Bernd trinkt Kristallweizen und versteht nicht, wie einer Hefeweizen trinken kann. Jemand sagt, »ehrlich währt am längsten«. Lara denkt, dass sich die Leute mit Klosprüchen gerade halten.

»Sei ehrlich«, wünscht sich Blutwurst-Bernd von Lara. »Du bist doch hier in der Feldforschung tätig. Du machst nen Buch aus uns Deppen«.

Blutwurst-Bernd will alles verstehen und begreifen. Das ist seine Macke. Er ist ein »interessierter Mensch«, nicht bloß stumpf wie die anderen. Was ihn gar nicht interessiert, ist die eigene Abhängigkeit. Das unerwachsene Leben in großmütterlicher Obhut. Die überall durchscheinende Omnipotenz der Oma.

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