Enzyklopädischer Allesfresser

Adrien Proust - Seine Expertisen sind Expeditionsresultate. Das geistige Wasserzeichen und die akademische Signatur ergeben sich in Kombinationen aus Klassiker:innenzitaten ...
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Geistiges Wasserzeichen

Adrien Proust erscheint als polyhistorischer Gesellschaftslöwe. Der Chefarzt Frankreichs wechselt zwischen Safarikhaki und Smoking. Seine Expertisen sind Expeditionsresultate. Das geistige Wasserzeichen und die akademische Signatur ergeben sich in Kombinationen aus Klassiker:innenzitaten, präzisen Analysen und überheblichen ethnologischen Arrondierungen.

Lothar Müller, „Adrien Proust und sein Sohn Marcel. Beobachter der erkrankten Welt“, Verlag Klaus Wagenbach, 22,-

Auf dem Weg von einem Pariser Ball zu einem Feld des Globalen Südens tauscht die Koryphäe den Zylinder gegen einen Tropenhelm ein; während in den häuslichen vier Wänden das Regime der Schwäche den Ton angibt. Lothar Müller untersucht, wie Adriens Aufsaugorgien von „Theoriefragmenten, Begriffen und Verzeichnissen der Wissenschaften ... die im Fin de Siècle und im frühen 20. Jahrhundert kursieren“, bei dem nachfolgenden Genie in Auteil ankommen. „Die hierarchischen Ordnungsmuster, die in den Schriften … des enzyklopädischen Allesfressers die Suggestion der Überschau erzeugen“, gäbe es in Marcel Prousts Recherche nicht.

Marcel Proust bestimmt den eigenen Standpunkt sowie die Register der Gesellschaft auch in einer modellhaften Übernahme des Kasten-Systems als Ordnungsmodell. Das ist ein Beispiel für Cultural Appropriation.

„Die Abgeschlossenheit der Hindu-Kasten war ein bekanntes Motiv in der Anthropologie des späten 19. Jahrhunderts.“

„Die Übertragung des Kastenbegriffs auf die westliche Kultur geht … eine enge Beziehung“ mit den Aufladungen des Klassenbegriffs nicht allein ein. Auch „Rasse“ taucht im sozialen Kontext auf; Marcel Proust gehört infolge einer eigenmächtigen Anhebung des Großbürgertums der noble race an; so wie sein Alter ego sich zur Kaste von Combray zählt.

Es gibt den „L’esprit de caste, den Kastengeist“.

Der Fortschritt vollzieht sich im Einklang mit Vorurteilen und anderen Haltlosigkeiten.

Müller variiert Stuart Halls „verhängnisvolles Dreieck aus Rasse, Ethnie, Nation“. Er macht daraus ein Dreieck aus „Kaste, Klasse und Rasse“. Marcel Proust arbeitet mit diesem Schema auch auf der Linie Homophobie und Antisemitismus. Er verwendet den Begriff „Rasse“ im Zusammenhang mit Homosexualität.

„Wie die Juden sind die Homosexuellen versammelt mit ihresgleichen durch das Scherbengericht, das über sie verhängt wird.“ Dies im Licht der Dreyfus-Affäre. Die Kastenzugehörigkeit offenbart sich im Katalog der Ressentiments. Einem französischen Aristokraten ist es, nach dieser Logik, verboten, für Dreyfus Partei zu ergreifen. Man fällt unter seinen Stand, tut man es doch. Zugleich entspricht die Wahrung der fiesen Form der Fütterung eines Popanzes, da der Stand selbst längst hinter all seinen historischen Bedeutungen zurückgefallen ist.

Erst jetzt fällt mir auf, wie großartig Marcel Proust das Phänomen der glänzenden Leere beschreibt.

Seuchen-Topografie

Adrien Proust interpretiert „Darwins Lehre als Nachweis des Heraustretens der zum Fortschritt befähigten und verpflichteten Menschheit aus dem Tierreich“.

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Was Europa pandemisch bedroht, ist angeblich ein Mangel an Hygiene im Nahen und Mittleren Osten so wie in Asien: auf dem Sockel dieser Überzeugung versieht Adrien Proust sein Amt als Chefarzt Frankreichs. Borniertheit, rassistische Vorurteile und akademischer Aberglaube halten ihn nicht davon ab, auch richtige Schlüsse zu ziehen. Ein Mann wie Adrien Proust lässt sich nicht allein aus dem Epochengeist erklären, da er stürmisch über seine Zeit hinausgeht. Sein Rassismus ist keine Gedankenlosigkeit, sondern mutwillige, turbomäßig hochgefahrene White Supremacy Ideologie.

Das orientalische Desaster

Ich sage es nicht gern. Die Rassenlehre ist ein Aufklärungsprodukt. Das imperiale Europa entwirft einen hierarchischen Begriff von Ethnien und lädt „ihn mit dem Sendungsbewusstsein der westlichen Zivilisation auf“. Adrien Proust erscheint als Repräsentant des akademischen Ressentiments. Ausgerechnet die „linguistische Paläontologie (erklärt er) zur Königsdisziplin seiner allgemeinen Anthropologie“.

„Ihre Fossilien sind die Worte und ihre Wurzeln ... Die arischen Sprachen, in denen die Worte konjugiert und dekliniert werden, sind kraft der Flexion in der Lage, alle Nuancen und Delikatessen des Denkens in sich aufzunehmen. Die semitischen Sprachen haben mit ihrer geringeren Flexibilität demgegenüber geringere Ausbreitungschancen.

Das ist Rassismus. Als Seuchenmeister seiner Nation argumentiert Adrien Proust im Einklang mit den Vorurteilen der Epoche. Die nordafrikanischen Gesellschaften hält er für unfähig, „den Bestimmungen des Menschengeschlechts gerecht zu werden“. Verstehe ich das richtig, dann macht der große weiße Medizinmann, um es einmal wie Karl May zu sagen, einen Mangel an Ordnung für das orientalische Desaster verantwortlich.

Wir reden nicht über Peanuts. Für Adrien Proust ist der afrikanische Korridor ein Seucheneinfallsgebiet; auch deshalb, weil sich da keine Hygienemaßnahmen durchsetzen lassen.

Bedenkt man das Ausmaß, in dem die Beachtung der Aha-Formel die Grippe aktuell zurückdrängt, erkennt man die Bedeutung und die Dringlichkeit von Adrien Prousts Vorfeldmission. Die seuchenpolitische Lethargie der Fatalisten auf den königlichen Sitzkissen verstimmt den im Geist der Aufklärung Agitierenden.

Gröber gesagt, Adrien Proust weiß, wie es geht, kriegt es aber nicht hin. Er scheitert am hinhaltenden Widerstand jener, die die Stunde ihres Todes für einen in ihrer Geburtsstunde festgelegten Termin halten.

Staaten und Regionen schreibt Adrien Proust eine „Treibhaus-Rolle“ im Hinblick auf die pandemischen Ausbreitungen zu.

Seuchen-Topografie

In seinen Analysen geht Adrien Proust vehement über die Schranken der Medizin. Er mischt die Disziplinen in seinem eurozentrischen Kartenhaus. Seine Hygiene-Kartografie basiert auf Geografie, Geschichte, Psychologie, Soziologie, Anthropologie, den Sagen des Altertums, der „Odyssee“ und eben auch der Medizin.

Adrien Proust ist Rassist, ohne Antisemit zu sein.

„Es sind die Arier, an die sich Europa direkt anschließt … (von den Ariern hat es seinen) durch ein angemessenes Gespür für das Wirkliche gemäßigten Idealismus, die charakteristischen Eigenschaften seines Genius.“

„Adrien Proust zitiert ... den Linguisten und Mediziner Émile Littré, den Autor des großen Wörterbuchs der französischen Sprache. Der vergleichenden Sprachwissenschaft verdankt er sein Bild der arischen Rasse.“

Der Gelehrte gelangt von der Philologie, zumal von der Paläolinguistik zu Darwin, in dem er einen gnädigen Erklärer und keinen Weltbildzertrümmerer sieht. Adrien Proust ist ungeheuer modern und außerdem ein Herkunftssnob von seltener Güte.

Adrien Proust fragt: Wie kann ein Mensch kein Franzose sein?

Die Völker des Orients findet der erste Arzt Frankreichs in seiner Paraderolle als Expeditionsleiter zu den Quellen der Cholera schlaff und erbschuldig-untüchtig. Als Referent erklärt er den Pariser:innen, das fucking Klima und die zersetzenden Sitten stünden einer Entwicklung zum Guten totalitär im Wege. Deshalb könnten die Zurückgebliebenen in Nordafrika nicht zum europäischen Hygienestandard aufschließen.

Der erste Arzt Frankreichs und das erste Haus von Paris

Im Mai 1883 spricht Adrien Proust vor einem erlesenen Auditorium beim Festbankett der 1859 von Paul Broca gegründeten Société d’anthropologie im Hôtel Continental. Das erste Haus der Stadt entwarf Henri Blondel. Es übertrifft an Luxus alles auf der Meile eines Straßenzugs.

„Mohammedanischer Fatalismus“

Adrien Prousts Sicht auf den Orient basiert auf einer antiromantischen Anschauung, fern den Sehnsuchtskulissen und der Odalisken- und Haremspoesie, die nicht erst das europäische 19. Jahrhundert tapeziert. Den exotischen Ausstattungsfetischismus findet man bereits bei Rembrandt.

Adrien Proust betrachtet „eine Zivilisation der Unveränderlichkeit“ und diagnostiziert „mohammedanischen Fatalismus“. Der Chefarzt Frankreichs und Vater eines leidend auf die Welt gekommenen Stammhalters, sowie Ehemann einer die Hyperempfindsamkeit ihres ältesten Sohnes feiernden Gattin, freut sich vermutlich, dass jene naturwissenschaftliche Nüchternheit, die in seinen eigenen vier Wänden so wenig verfängt, auf der freien Wildbahn der Pariser Salons und Bankette als Signatur des Fortschritts gewürdigt wird.

Adrien Proust bezieht sich auf Montesquieu, wie er überhaupt in seinen Arbeiten, die alle Essai sur l’hygiène heißen könnten, erstklassige Quellen zu einem Meer der elegant komponierten Kompetenz unter rassistischen und eurozentrisch-bornierten Vorzeichen zusammenfließen lässt.

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Adrien Proust tritt im Orient als Feldforscher und Polyhistor auf. Seine Brillanz erschließt sich einen großen Raum.

Adrien Proust studiert „die Gangart, den Körperbau, die Essgewohnheiten und die Hygienepraxis der Bevölkerung … zumal wenn es ihm (gelingt) … Frauen zu untersuchen, oder wenn er arabische Männer auf Symptome der Impotenz (anspricht)“, wird er zum Ethnologen.

14:08 04.09.2021
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