Ergraute Blaumeisen

Literatur “Außer uns spricht niemand über uns” - In Wilhelm Genazinos jüngstem Roman ist der Held ein namenloser Sprecher
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Inzwischen erinnern Genazinoromane an Gegenstände, die nicht mehr in der Selbstverständlichkeit des Gebrauchs verloren gehen können. Ich denke an Einweckgummiringe und an die Klemmen, mit denen Fahrradfahrer ihre Hosenbeine vor der Kette schützten. An die (Familien dynastisch ansprechenden und aufrufenden) Namen von Haushalts- und Eisenwarengeschäften, die nur noch in exotischer Singularität bestehen. In der Genazinowelt besteht ein Frankfurtgefühl fort, das Nachkriegsstimmungen in Fliederfarben zeichnet. Man wird zur Oma vor Sentimentalität. Überhand nimmt das Bedürfnis zu seufzen angesichts der Verluste überall.

Genazinos namenloser Held, wieder ein Kulturwicht mit erodiertem Ehrgeiz und einem beruflichen Unterschlupf beim Radio so wie einer Zubrotgarantie im ruralen Modenschaubetrieb, bemerkt im Stadtdreck ergraute Blaumeisen. Die Beobachtung verknüpft sich mit einer Rasurverletzung des Rundfunksprechers und der unsagbaren Schreibschwäche seiner Mutter.

Alles verlangt den kleinen Anlauf eines Entschlusses. Der Sprecher muss sich zuerst fassen, bevor er die Flussseite wechseln kann. Die Zögerlichkeit wirkt wie eine Erkennungsmelodie. Genazinos Protagonisten sind Zauderer von jeher. Sie können nichts Großartiges und zucken sogar zurück, wenn in ihrer Nähe jemand großartig zu werden sich anschickt. Dann suchen sie förmlich Deckung.

Sie sind bedächtig, aber borniert-bedächtig. Der Routinier erkennt in jedem Titel des Autors durch alle Verblendungen eine Lebenslauffortschreibung. Genazino erfindet unauffällige, von Peinlichkeitsregungen regierte Angestelltenavatare, auch in der Spezialform prekärer Selbständigkeit, die ihren Urheber gleichermaßen verbergen und ausliefern. Sie sind Stromer mit geringem Radius, vereint in trolliger Sexualität.

Ihre Blicke suchen Ausschnitte. Die weibliche Brust ist ein Knotenpunkt ihrer Existenz. Stets drohen sie zu vereinsamen.

Genazinos amtierender Observer gleicht einem Obdachlosen mit Wohnung. - Einem überdachten Nomaden mit der Absonderungsemblematik des Parkbankbewohners. Er befindet sich auf einer langen Einfahrt. An ihrem Ende wird er angekommen sein “in einem härter werdenden Mangel”. Er leistet sich das Vergnügen, in musealen Räumen die eigene Vergangenheit zu entdecken. Er erinnert sich an “lauter erfolglose Kriegs- und Nachkriegsverlierer”. Man fragt sich, wo die erfolgreichen Nachkriegsverlierer geblieben sind. Eine Pizzeria aus der Gastarbeiterzeit entfesselt Empfindungen, die mit der Tageskarte nichts zu tun haben. Doch hilft kein Tauchgang im Siebzigerjahretank. Die antiken Dinge erscheinen genauso erschöpft wie alte Menschen. Sie sind Spiegelbilder der verlorenen Zeit.

Der Sprecher lebt in Genazinos Geburtsstadt Mannheim seit langem mit einer deutlich jüngeren, beruflich unterforderten Speditionsangestellten zusammen. Ungenau synchronisiert Genazino die Liebesmüdigkeit des Sprechers mit Carolas Wünschen. Widersprüche hemmen die Folgebereitschaft des Lesers. Da stimmt einiges nicht. Carolas - den Rücken komplett abdeckende - Tätowierung wird für den Sprecher zur ekelhaften Überraschung. Der Text suggeriert eine unmögliche von jetzt-auf-gleich-Herstellung. Der angeblich paritätischen Unlust zum Trotz lädt Carola den Sprecher zu einem Tittenfick als neuer Spielart und Abschied von der Tranigkeit ein. Sie absolviert einen Marathonlauf ohne Ankündigung und richtigem Training. Kurz gesagt, Genazino schildert Carola als undurchsichtige Totalität mit allen Sehnsüchten einer gewöhnlich alternden Frau.

Endlich trennt sie sich vom Sprecher, indes an ihm despotisch festhaltend. Carola geht gegen eine kaum noch schleichende Verwahrlosung vor. Sie schreitet ein und erkennt: “Ich bin dir bei weitem nicht so nah wie deine Gewohnheiten.”

Im nächsten Erzählaugenblick verwandelt sich Carola in eine Abwesende, bis ihr Selbstmord von unserer “verquatschten Fernsehgesellschaft” in den Orkus pietätloser Erörterungen gezogen wird. Sie stirbt als eine andere, kein Nachruf klingt wie ein Echo des narrativen Vorlaufs. Das Andenken macht aus ihr eine Alkoholikerin ohne Abitur. In der übertriebenen Missachtung stirbt sie noch einmal, während es dem Sprecher noch einmal gelingt, seinen Untergang aufzuschieben. Als Erfüllungsgehilfe kommt er auf seine Kosten. Jetzt kennt er sein Schicksal. Es heißt Schrulligkeit.

Wilhelm Genazino, Außer uns spricht niemand über uns, Roman, Hanser Verlag, 154 Seiten, 18 ,-

09:27 27.07.2016
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