Jamal Tuschick
11.03.2017 | 10:12

Erinnerungen sind Geschichten

Literatur Der libysche Schriftsteller Hisham Matar erzählt die Geschichte seiner zwischen Exil, Gefangenschaft und Revolution eingespannten Familie

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Jamal Tuschick

“Ich schulde dir eine Universitätsausbildung, danach musst du für dich selbst sorgen.”

Die väterliche Feststellung signalisiert den Kurs einer Existenz in einem Kreis von Existenzen. Sie spiegelt Erwartungen, die eine Führungspersönlichkeit in sich gesetzt sieht. Jaballa Matar, Bayern München-Fan und Kopf einer Anti-Gaddafi-Miliz, begreift sich als connecting link zwischen den Generationen. Nach seinem Ideal trägt jeder Libyer die Geschichte eines Stammes in die Zukunft. Das ist seine Aufgabe auf der ersten Stufe. Alle Schulungen richten ihn dafür ein. Wer zu Größerem befähigt ist, steigt zwangsläufig auf. Keiner hat das Recht, hinter seinen Möglichkeiten zurückzubleiben.

Hisham wird 1970 in New York geboren, er wächst in Kenia, Ägypten und England auf. Sein Bruder Ziad geht in der Schweiz zur Schule. Der Kosmopolitismus ist zuerst der Diplomatenkarriere des Vaters und dann Verlegenheiten des Exils geschuldet. Das Exil verurteilt Hisham dazu, alles für vorläufig halten zu müssen. Er verliebt sich in den englischen Nebel und in die Zauberstimmungen keltischer Landschaften. Daheim in Kairo lernt Hisham von Britannien reiten, schießen und schwimmen. Die Grundausbildung für höhere Söhne absolviert er “hinter den Pyramiden von Gizeh”. Es fehlt nur noch Indiana Jones vor dem Feuerball einer unbarmherzigen Sonne. Nicht, dass Hisham Matar zur Schwelgerei neigt. Er schreibt sachlich. Trotzdem steckt Hitze im Text.

Einmal beobachtet der Vater, wie Hisham Münzen erst zählt, bevor er sie einem Bettler gibt. Matar verlangt: “Das nächste Mal machst du keine Vorführung daraus ... Gib so, als würdest du nehmen.”

Wir brauchen einen Vater, gegen den wir uns auflehnen können, schreibt Hisham. Der fehlt ihm. Gaddafi lässt den guten Mann 1990 entführen und macht ihn zu seinem Nachbarn in Tripolis. Sechs Jahre sitzt Jaballa Matar nachweislich in Abu Salim. Danach verliert sich seine Spur. Im Gefängnis bleibt er isoliert. Trotzdem findet er Wege der Kontaktaufnahme zu inhaftierten Verwandten. Nach Gaddafis Sturz besucht Hisham einen Onkel, der einundzwanzig Jahre in Abu Salim eingesperrt war, wo er den Bruder bis Sechsundneunzig zwar nicht sehen, wohl aber hören konnte - als Rezitator von Gedichten. Wer ein Buch auswendig kennt, trägt ein Haus in seiner Brust.

Nach Matars Entführung zeigt sich kein Befreiungskämpfer der eingeschworenen Truppe und auch sonst kein Dissident den Verzweifelten. “Es war, als hätte uns eine ansteckende Krankheit befallen.” Die Finanzierung der Freischar verbrauchte ein Privatvermögen von sechs Millionen Dollar. Die Mutter, “die ihr ganzes Leben nicht einen Tag für Geld gearbeitet hatte”, steht mittellos da. Hisham ist wie gelähmt nach all den altruistischen Lektionen. Er entgleitet der Erstarrung im Merhamet (Großherzigkeit) der Umma (Gemeinschaft). Erst im befreiten Libyen kommt er wieder zu sich in der beduinischen Stammesgemeinschaft. Sie hat Plätze für ihre Gedichte, Orte der Kontemplation und der Feste. Sie hat die Wüste, auch als Metapher. Hisham gedenkt eines (im letzten Häuserkampf) gefallenen Cousins, für den der Befreiungskampf direkt vor der eigenen Haustür begonnen hatte. In Schlappen war der angehende Bauingenieur Izzo in den Kampf gezogen - gegen Panzer, die Bengasi (die andere Stadt, von Tripolis aus gedacht) planieren sollten. Das Fazit stand schon auf Plakaten: Hier war Bengasi. Sich auf einem Schlachtfeld überhaupt erst mit schweren Sachen zu bewaffnen, war für Izzo und seine Freunde nicht ungewöhnlich gewesen.

Erinnerungen sind Geschichten, die eine Existenz beglaubigen, schreibt Hisham Matar. Die Qualen seines Vaters werden erst mit dem Tod des Sohnes enden. Die Suche nach der Wahrheit, die Frage, was geschah Jaballa Matar im Kerker, untergräbt das Leben des Autors. Er redet mit einem Leser, er antwortet seiner amerikanischen Frau Diana, er bestellt in einem Restaurant Riesengarnelen ... immer mit der Anstrengung, sich von den Tentakeln der Folter, der sein Vater unterworfen war, nicht aus dem Alltag ziehen zu lassen. Er spürt sie wie Fesseln, die den Körper immer erpresserischer einschnüren. Er kann nicht Hamlet sein und (einer See von Plagen) erliegen. Er muss das Zeugnis seines Vaters ablegen.

Tripolis ist längst gefallen, als Hisham Matar 2012 die Lage peilt. Er sondiert in einem Land der Milizen. Wer das Abenteuer nicht sucht, hält die Fensterläden geschlossen. Während über Afrika die Sonne durchdreht, glimmt in den Häusern künstliches Licht.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.