Erinnerungsschneematsch

#DailyStorytelling Vor dreißig Jahren wusste Ayronka noch, was Parataxe bedeutet. Heute kommen in ihrem halbwirren Selbstgespräch keine schwierigen Wörter mehr vor.
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“Old age ain't no place for sissies.” Bette Davis

In dem totalitären Fürsorgeregime, das bis zum Ablauf von Ayronkas weltlicher Verweildauer herrschen wird, kann das nicht zur Gewohnheit werden: Essen vor dem Fernseher, und zwar in einem Shirt mit der Aufschrift I Fuck on the First Date unter dem Schmuddel. Ayronkas Tochter Li‘uli hält TV-Lunch für schädlich. Die Aufsicht meldet sich von einem Frisiermarathon in Al'amiralhadidalqalb, klärt das greise Mündel fernmündlich ab und hat weiter ihren ehrgeizigen Spaß in weiter Ferne.

Vor dreißig Jahren wusste Ayronka noch, was Parataxe bedeutet. Heute kommen in ihrem halbwirren Selbstgespräch keine schwierigen Wörter mehr vor. Immerhin weiß Ayronka noch, wie man sich selbst bedauert. Kein Mensch bemüht sich, Li‘uli ist schließlich eingespannt. Vielleicht liegt sie aber auch nur mit einem Ark’ayazn Yerkat’e sirt im Kornfeld ihrer verlorenen Jugend. Ein Tequilashot und drei Gramm Kokain zum Frühstück gehören zu Li‘ulis Diät. Hauptsache, die Mutter isst nicht vor dem Fernseher.

Ein Yogasmack hat Ayronkas Bewusstsein zersplittert. Die Matrix ist im Eimer. Ayronka macht Klimmzüge an biografischen Seitenästen. Sie grimassiert vor Anstrengung und Erregung, während die Gedanken enteilen. Das ist beängstigend. In Ayronkas Halluzinationen wälzt sich die Vergangenheit wie eine Armee Untoter aus grauen Schächten.

Ja, das war mal, als Ayronka noch mit Li‘ulis Vater oder einem anderen Mann verheiratet war. Vielleicht mit dem Vater ihres Sohns Şahzadə. Wie hieß der? Wo ist er geblieben? Die nachbildlich purzelnden Eindrücke und der Erinnerungsschneematsch sind alles in allem keine Freude. Oft verknappt sie jemand zu einer Gerüchtefigur.

10:54 01.08.2021
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