Erodiertes Fundament

Angst „Die Wahlmöglichkeiten, die uns Kultur und Technologie in Massen bescheren, unterwandern das Leben.“ Roland Paulsen
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„Fast ein halbes Jahrtausend bevor in der kognitiven Psychologie das Konzept des kontrafaktischen Denkens aufkam, begriff Montaigne, dass uns die Gedanken an die Gefahr viel stärker belasten als die Gefahr selbst.“

„Wir Menschen sind ... kognitiv ... weiter als ... unsere Biologie. Trotzdem spüren wir die Auswirkungen der neurophysiologischen und hormonellen Grundlagen des Fight-or-Flight-Geschehens, denn sie sind in uns veranlagt.“

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„Wir ... (erleben gleichzeitig) widersprüchliche Gefühle und Impulse ... Bei uns ist (es) komplexer als beim Hund, dem nicht klar ist, ob er aus Angst oder Wut bellt.“

Aus „Burn On: Immer kurz vorm Burn Out. Das unerkannte Leiden und was dagegen hilft“, von Bert te Wildt und Timo Schiele

Ohrenbetäubende Gedanken

„C.G. Jung begründete mit Jean Gebser die Vorstellung, dass die ersten Menschen in Ekstase badeten, und dass dieser transzendente Sinneszustand der wahre und natürliche sei.“

Glück setzt Mangel voraus, während Angst oft aus einem Überfluss kommt.

„So pendeln Angstgedanken ... zwischen Obsession (Fixierung auf etwas Unangenehmes) und Compulsion (der Versuch, das Unangenehme zu neutralisieren).“

Roland Paulsen, „Die große Angst. Warum wir uns mehr Sorgen machen als je eine Gesellschaft zuvor“, aus dem Schwedischen von Ulrike Brauns, Ricarda Essrich, mosaik, 20,-

„Dieses Buch zeigt, wie das soziale Fundament der Gegenwart erodiert ist.“

Zweihunderttausend Jahre lang kannten wir kaum eine Form der Vorratswirtschaft, heute eröffnen wir Sparkonten für Ungeborene. Wir Wohlhabenden müssen bei der Wahl des Essens täglich viele Entscheidungen treffen, die uns lange der Mangel abgenommen hat.

„Die Wahlmöglichkeiten, die uns Kultur und Technologie in Massen bescheren, unterwandern das Leben.“

Aus einem Verlagsinterview

Lieber Herr Paulsen, können Sie bitte kurz beschreiben, worum es in Ihrem Buch Die große Angst geht?

In meinem Buch geht es um ein Rätsel, vor dem Sozialwissenschaften und Medizin gleichermaßen stehen: Trotz des zivilisatorischen Fortschritts verbessert sich unser psychisches Wohlbefinden nicht. Es gibt viele wichtige Gründe, sich dieses Rätsel genauer anzusehen. 2017 meldete die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass das, wovor sie schon lange gewarnt hatte – und was sie noch ein paar Jahre zuvor für das Jahr 2030 prognostiziert hatte – bereits eingetreten ist: Die weltweit führende Krankheitsursache sind nicht mehr somatische Erkrankungen, sondern Depressionen. Innerhalb von zehn Jahren ist die Anzahl der Menschen, die an einer Depression leiden, um fast 20 Prozent gestiegen. Die verschiedenen Angststörungen (die ebenfalls zugenommen haben) übersteigen zusammengefasst sogar die Depressionserkrankungen. Wenn „sich schlecht fühlen“ einfach zum Leben gehört, dann scheint dieser Teil des Lebens aber immer mehr Raum einzunehmen. Man kann die hohen Zahlen mittlerweile nicht mehr darauf schieben, dass wir nach „sozialen Konstruktionen“ messen und auch nur danach über unser Wohlbefinden urteilen. Alle verfügbaren Statistiken weisen in dieselbe Richtung: Es geht uns psychisch immer schlechter. Um dieses Rätsel zu durchleuchten habe ich für mein Buch viele Menschen zu ihren persönlichen Angsterfahrungen befragt und das relevanteste empirische Material aus den Sozialwissenschaften zusammengetragen.

Aus der Ankündigung

Warum fühlen wir uns schlechter, obwohl wir besser leben als je eine Gesellschaft zuvor? Was macht unser Leben heute komplizierter? Und warum sind Angststörungen und Depressionen gerade jetzt auf einem Höchststand? Dem geht der schwedische Soziologe Roland Paulsen in seiner klugen Analyse der Angst auf den Grund. Er zeigt, dass das Vermeiden jeglicher Risiken und die moderne Unfähigkeit, Unsicherheiten auszuhalten, zu einem weit verbreiteten Angstgefühl führen. So erhöht die schiere Menge an Möglichkeiten, die uns in jedem Lebensbereich offensteht, die Wahrscheinlichkeit von Fehlentscheidungen und damit die Angst davor. Überinformation führt nicht zu Beruhigung, sondern zu Verunsicherung und Gedankenspiralen: Was, wenn ... Mit seinem intelligenten Porträt unseres »Zeitalters der Angst« trägt Paulsen dazu bei, dass wir die Welt und uns selbst besser verstehen. Und vielleicht etwas weniger ängstlich auf unser Leben blicken.

Zum Autor

Dr. Roland Paulsen (*1981) ist außerordentlicher Professor für Soziologie an der Universität Lund und vielfach ausgezeichneter Autor. Er ist Fellow des Stockholm Centre for Organizational Research und schreibt außerdem für die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter. Auch in Publikationen wie "The Economist", "The Wall Street Journal", "BBC Radio 4", "Le Monde", "El País", "Süddeutsche Zeitung", "Die Zeit" und "Libération" hat Paulsen bereits veröffentlicht. Paulsens Forschung konzentriert sich auf die Soziologie der Arbeit und Medizin, die Kulturwissenschaften sowie die Bedeutung und Bedeutungslosigkeit von Arbeit. Sein Buch "Vi bara lyder" ("Wir tun, was uns gesagt wird") über die Arbeitslosigkeit in Schweden leitete eine nationale Debatte ein über das bedingungslose Grundeinkommen, kürzere Arbeitszeiten und gesellschaftliche Arbeitsethik. Roland Paulsen lebt in Stockholm.

rolandpaulsen.org

04:37 05.06.2021
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