Erschreckende Gelassenheit

Angela Bubba Alberto Moravia befragt die Auguren seiner Zeit. Er besucht Ernst Jünger (1895-1998), dessen „erschreckende Gelassenheit“ den Gast benommen macht.
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Alberto Moravia befragt die Auguren seiner Zeit. Er besucht Ernst Jünger (1895-1998), dessen „erschreckende Gelassenheit“ den Gast benommen macht. Der beinah neunzigjährige Gastgeber lebt auf einem Gut der Stauffenbergs, im alten Forsthaus, einem Barockbau von 1728. Er ist dabei, beinah ein halbes Jahrhundert da zu verbringen. Jünger hat das Glück der Langen Weile. Daher rührt das Bedürfnis, den übergeordneten Standpunkt einzunehmen und die einordnende Kategorie zu bestimmen.

Angela Bubba, „Alberto, Elsa und die Bombe“, Literarischer Essay, auf Deutsch von Chiara Caradonna, Verlag Das Wunderhorn, 92 Seiten, 18,-

Moravia sagt: Atomzeitalter, oh Graus, und Jünger entgegnet: Sachte Gevatter, immer mit der Ruhe. Es war doch von jeher nie anders, als dass jene, die Maschinen aus der Welt schaffen wollten, die Mechanik nicht beseitigen konnen. Das absurdeste Beinah-Gegenbeispiel beschreibt Noel Perrin in „Keine Feuerwaffen mehr“. Im 17. Jahrhundert fand in Japan ein waffentechnologischer Rückschritt als historischer Sonderfall statt. Die europäische Kriegsführung erschien den Bushi entwürdigend. Deshalb motteten sie ihre Musketen ein, deren Herstellung und Gebrauch ihnen portugiesische Fernfahrer vermittelt hatten. Ich will jetzt nicht über die tieferliegenden Gründe der Enthaltsamkeit reden, sondern lediglich den von Jünger hervorgehobenen Punkt bestätigen. Als im 19. Jahrhundert die Öffnung der japanischen Häfen erzwungen wurde, wehrten sich die Bedrängten mit allem, was sie hatten. Sie holten steinalte Vorderlader aus den Kasematten und siehe, die Apparate funktionierten.

Die Ächtung der Arkebusen beseitigte nicht ihre Mechanik.

Jünger findet andere Bilder, um Moravia zu widersprechen. Ihm erscheint das Atomzeitalter auch nicht als Endpunkt des Schreckens. Jünger bringt bereits die Umweltzerstörung ins Spiel. Er ordnet auch den Pandora-Büchsenöffner Robert Oppenheimer anders ein als der sich selbst.

Angela Bubba steuert den Punkt so aus:

„Es gibt Schlimmeres (als Blut an den Händen)“, fand Harry Truman, nachdem er – unangenehm berührt – zum Zeugen eines seelischen Aufbruchs seines Chefatomphysikers Robert Oppenheimer geworden war. Seinem Kammerdiener Staatssekretär Dean Acheson befahl er, ihm „dieses Individuum“ fortan vom Hals zu halten. Schließlich habe der Wissenschaftler lediglich das Ding gebaut. „Ich (Truman) habe sie explodieren lassen.“ Bubba schildert die Szene im Weißen Haus so phantasmagorisch-angestochen wie eine andere S. Kubrick.

Robert Oppenheimer plagen Skrupel, nachdem das Schlimmste geschehen ist. Er begreift sich als Weltenzerstörer. Ernst Jünger nimmt ihn vom Kreuz und an den Haken der Analyse. Oppenheimer habe bloß eine Tür aufgemacht, als Hiwi im Dienst eines Anführers, dessen Bedenken im Mahlwerk der Entschlossenheit pulverisiert wurden. Im Übrigen seien Wissenschaftler in einem Hohlraum zwischen den soliden Kasten* nicht gut aufgehoben.

*„Der Wissenschaftler habe keine Klassenethik, da er weder Soldat noch Priester sei.“ Zitiert nach Angela Bubba/Aus einem Gespräch zwischen Moravia und Jünger über das Atomzeitalter als finale Epoche. Jünger erkennt das Ende an keinem Anfang.

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Irgendwo sagt Heiner Müller, sobald der Ethnologie Genüge getan wurde, stirbt der erforschte Stamm aus. Auf einen ähnlichen Gedanken stoße ich in Angela Bubbas literarischem Essay „Alberto, Elsa und die Bombe“. Die Autorin zitiert Alberto Moravia so:

„Ich entdecke, dass ich Mitglied einer Art bin … weil die Art bald aussterben wird.“

Bei Alberto Moravia geht es ab einem bestimmten Punkt immer um die Bombe so wie Stanley Kubrick sie im Strangelove Modus sah. Diese apokalyptische Zuspitzung vollzieht sich in der Gleichzeitigkeit des Wettlaufs zum Mond und La dolce vita nach Motiven von Federico Fellini. Die einen schicken Hunde ins All, die anderen steigen zum Beweis ihrer Gleichgültigkeit gegenüber einer Zukunft im atomaren Winter in den Trevi-Brunnen*.

*Wikipedia: „Das süße Leben (Originaltitel: La dolce vita) ist ein Schwarzweißfilm von Federico Fellini aus dem Jahr 1960. In den Hauptrollen sind Marcello Mastroianni, Anouk Aimée, Yvonne Furneaux, Anita Ekberg und Alain Cuny zu sehen. Weltberühmt wurde die Szene mit Ekberg im Trevi-Brunnen.“

Angela Bubba, „Alberto, Elsa und die Bombe“, Literarischer Essay, auf Deutsch von Chiara Caradonna, Verlag Das Wunderhorn, 92 Seiten, 18,-

Bubba schaut sich das Spektakel als Ultraverspätete in ihrem eigenen Cinecittà in Technicolor an. In ihrer Retrospektive werden historische Punkte präzise getroffen.

Die Autorin verlegt Moravia in ein Mausoleum der Angst. Mit hohlen Gebärden kaschiert der Schriftsteller seine Demission. Nicht länger gehört er zu der zwischen dolce & mala vita kursierenden römischen Existenzialisten-Dekadenz.

Auf der anderen Seite der Gleichung oder des Grauens steht die Idee, Hiroshima habe der Menschheit einen übernationalen Plural eingehaucht.

Bubba nimmt Sninzo Hamai beim Wort:

„Lasst alle Seelen hier in Frieden ruhen, dann werden wir den Fehler nicht wiederholen.“

Auf dieses Wir kommt es an.

Am 6. August 1945 fiel die Bombe auf Hiroshima. Siebzigtausend Menschen starben in der Unmittelbarkeit des Detonationsgeschehens. Der Atomblitz sorgte für bizarre Formate. Hundertsechzigtausend Tote zählte man im weiteren Verlauf, bevor der Schleichtot eintraf. Bubba erinnert daran, wie ungerührt der erste Atombombenabwurf, kaum verschleiert als Test, in Amerika gehandelt wurde.

Sieger kennen keine Reue, und wenn doch, fliegen sie aus dem Verband und das Beste, was ihnen dann noch passieren kann, ist eine solide Krankengeschichte. Ein Beispiel liefert der angeblich bereuende, sogenannte „Hiroshima-Pilot“ Claude Eatherly, der mit der Tat unmittelbar nichts zu tun hatte, wie ein Hauptakteur** mit ehrabschneidenden Absichten wiederholt erklärte.

Du kommst hier nicht rein: in den Club der Superkiller.

**Colonel Paul Tibbets, Pilot des Atombombentransporters Enola Gay, bestand darauf, Eatherlys Bedeutungslosigkeit herauszustreichen.

Der Mann hatte nichts zu melden und das war sein Problem.

Eatherly war in stationärer psychiatrischer Behandlung (und zudem kriminell auffällig geworden), als ihn der Philosoph Günther Anders zur Stimme des Gewissens hochjazzte. Er machte aus Eatherly den großen Anderen im Verhältnis zu dem dann vielleicht doch nicht so pflichtpedantisch-banal-bösen Adolf Eichmann.

Der eine empfindet Reue, der andere beruft sich auf sein Amt. Das war schon zum Zeitpunkt des publizistischen Coups, den Anders landete, eine verkitschte Konstellation. Beide Personen der Zeitgeschichte äußerten sich unter den Vorbehalten der Selbstdarstellungsvorteile. Zu fragen ist ferner, ob nicht in Anders‘ Ignoranz von Eatherlys Zwielichtigkeit ein Element ungewollter Relativierung verborgen blieb.

Amerikanische Soldaten konnten auch in der Distanz der Zeugenschaft dazu ermutigt werden, die Einsätze über Hiroshima und Nagasaki als Kriegshandlungen zu bewerten, während sich der Holocaust so nicht deuten lässt.

Bubba verweist implizit auf die Schwierigkeiten der Japaner: in ihrer kalten Kultur*** das Hiroshima-Gedenken nicht im Ritual erstarren zu lassen.

*** Kalte Kulturen beobachtet man in weitgehend herrschaftsfreien Gesellschaften, die so weit wie möglich von der industriezivilisatorischen Norm entfernt bestehen. Claude Lévi-Strauss fiel auf, dass stark vereinzelte Ethnien Systeme zur Vermeidung von Veränderungen vital halten. Um degradierende Bezeichnungen aus der Palette der „Primitiven Völker“ außer Kurs zu setzen, wählen Freund*innen einer gerechten Sprache den Begriff kalte Kultur.

Das trifft zwar alles nicht auf die seit 1853 in einem Nachahmungsfestival furiosen Japaner zu. Trotzdem fürchtet das offizielle Japan kulturelle Kontaminationen und strebt kulturkalte „Reinheit“ an. Diese Vorgabe erzwingt statuarische Formen. Die Formen beweisen bei allen Gelegenheiten Resistenz.

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

Was haben Alberto Moravia, Elsa Morante, Leó Szilárd, Ernst Jünger, Wolf Graf Baudissin, Pier Paolo Pasolini, die Doomsday Clock, Science-Fiction, Stanley Kubricks Dr. Seltsam, der amerikanische SDS und Die Stimme der Delphine mit der Atombombe zu tun? Droht ein neues atomares Wettrüsten, ein Atomkrieg? Und wohin mit dem ganzen Atommüll? Angela Bubbas Essay schlägt ein besonderes, in Deutschland bisher unbekanntes Kapitel im Leben des italienischen Schriftstellers Alberto Moravia (1907–1990) und dessen Frau, der Schriftstellerin Elsa Morante (1912–1985), auf. Beide waren pazifistisch eingestellt, beide beschäftigten sich in ihren schriftstellerischen Werken mit der atomaren Bedrohung und den Folgen eines Atomkriegs. Moravia fuhr 1982 nach Japan und besuchte u. a. Hiroshima, weil ihn die immer noch andauernden Folgen des Abwurfs der Atombomben auf Japan 1945 beschäftigten. Er führte dort viele Gespräche mit Überlebenden, die ihn darin bestärkten, den Protest gegen eine neue atomare Aufrüstung zu verstärken. Moravia entschloss sich nach seiner Rückkehr aus Japan, diese Gespräche in Deutschland fortzusetzen: »Weil «, sagt er, »Deutschland eine große militärische und philosophische Tradition hat, und die Atombombe ist, auf eine extreme und beispielhafte Weise, beides: ein militärisches und ein philosophisches Problem, oder, wenn man es vorzieht, ein religiöses Problem.«

Bubbas Buch beschäftigt sich mit den Auswirkungen der nuklearen Gefahren und der möglichen Vernichtung der Menschheit. Wie beeinflusst diese Bedrohung unserer Gesellschaften und Kulturen unser Bewusstsein? Die Frage ist, wie können wir nach Hiroshima und Nagasaki auf dieser Erde noch leben?

Ihr Essay ist von besonderer Aktualität, da er uns auf eindrucksvolle Weise vor Augen führt, was die Spezies Mensch zu verlieren hat, wenn sie sich nicht endgültig von ihren atomaren Macht- und Vernichtungsträumen verabschiedet.

Zur Autorin

Angela Bubba (geb. 1989 in Catanzaro) hat mit ihrem ersten Roman »La casa« (Das Haus, Elliot 2009) die dritte Edition des Preises What’s Up Giovani Talenti gewonnen und war in der Shortlist vom Premio Strega, Premio Flaiano, Premio John Fante und Premio Berto. Ihr erstes essayistisches Werk, »Elsa Morante Madre e fanciullo« (Elsa Morante Mutter und Kind, Carabba 2016) gewann den Premio Elsa Morante. Ihre Texte sind auf den Online-Plattformen Nazione Indiana und Nuovi Argomenti erschienen. Im Verlag Bompiani hat sie »MaliNati« (2012), »Via degli Angeli« (2016, zusammen mit Giorgio Ghiotti), und »Preghiera d’acciaio« (2017) veröffentlicht.

08:25 26.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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