Erzählende Malerei

Nationalgalerie Paul Klee war der literarischste Maler seiner Zeit und außerdem ein Maler für Schriftsteller:innen
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Ich reagiere auf die Ausstellung Die Kunst der Gesellschaft 1900–1945. Sammlung der Nationalgalerie

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„Diesseitig bin ich gar nicht fassbar. Denn ich wohne grad so gut bei den Toten, wie bei den Ungeborenen. Etwas näher dem Herzen der Schöpfung als üblich. Und noch lange nicht nahe genug.“ Paul Klee

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Paul Klee war der literarischste Maler seiner Zeit und außerdem ein Maler für Schriftsteller:innen. Sein Œuvre versöhnt Luzidität mit Somnambulismus. Es entspricht einer großen Narration und gibt dem Tagtraum eine eigene Bedeutung.

Ich stehe vor Klees Bildern in der Nationalgalerie und erkenne mich wie in Spiegeln. Die Sendung dieser Kunst wurde mir mitgegeben. Von ihr bin ich vor einem halben Jahrhundert ausgegangen. Sie zeigte mir jenen Weg, den ich durchs Leben genommen habe. Am Anfang meiner persönlichen Dämmerung leuchtet noch einmal alles auf. Ich brauche die Bilder nicht mehr als Selbstvergewisserungsmaschinen. Ich lasse einfach los.

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„Die Phantasie (der Künstlerin) ist keine creatio ex nihilo.“ Sie schöpft aus der „empirischen Realität“.

Adorno erklärt Paul Klee zum Ideal der engagierten Literatur

„Glücksfeindlichkeit und Asketentum“ mit Verweis auf Luther, das sei die „deutsche Erbsünde“. Ihr Personal will keine ästhetische Autonomie. Lieber befährt sie „den Unterstrom des knechtisch Heteronomen“.

In seiner Abrechnung mit der engagierten Literatur kommt Adorno zu bemerkenswerten Schlüssen. Er verzichtet auf Sartre und Brecht als Galionsfiguren der politischen Prosaproduzent:innen, rühmt Kafka und Beckett, um schließlich in Paul Klee das Ideal der engagierten Literatur zu erkennen.

Paul Klee gehört in die Diskussion, da sein Werk literarische Wurzeln nachweist „und ebenso wenig wäre, wenn es diese nicht gäbe, wie wenn es sie nicht aufgezehrt hätte.“ Klees Angelus novus stammt aus der Karikaturenkiste. Klee schickt Wilhelm II. auf den Hohnstrich und nennt den Möchtegern-Attila einen „unmenschlichen Eisenfresser“. Sein „Maschinenengel trägt von Karikatur und Engagement kein offenes Emblem mehr“. Er ist, nach einem Wort von Walter Benjamin, „der Engel, der nicht gibt, sondern nimmt“.

Neue Nationalgalerie

In der Zeit zwischen 1900 und 1945 wog jedes Jahrzehnt so schwer und war so fatal wie ein Jahrhundert. Das spiegelt die Malerei. Sie setzt eine zerspringende Wirklichkeit in feste Rahmen. Sie allein zerspringt nicht, obwohl ihr das Feinsinnige, wie Adorno sagen würde, unterstellen. Nicht die Malerei kollabiert unter dem Druck der Verhältnisse. Die Verhältnisse kollabieren, und die Malerei stellt das fest.

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Adorno arrondiert das Milieu der Auf- und Umbrüche. Er sagt: „Wer noch blind dem Doppelcharakter von Sprache als Zeichen und Ausdruck sich anvertraute, als wäre er gottgewollt (Originalschreibweise), der würde auf der gegenwärtigen Stand der Sprache selbst Opfer der bloßen Mitteilung.“

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In der Kunst habe die Geschichte rückwirkende Kraft. Deshalb reiße jeder Deutungsumsturz bereits kanonisierte Werke „in sich hinein“. Zeug:innen von Bilderstürmen verstünden mit Adorno besser: wie preiswert das Repertoire der Stimmungskanonen ist, die dem Auditorium gerade die Fragwürdigkeit von Rembrandt und Picasso erklären. Dem einen fehle der de-kolonialisierende Horizont, den anderen stigmatisiere ein exploitierender Umgang mit Frauen.

„Man versteht ein Kunstwerk nicht, wenn man es in Begriffe übersetzt.“

Interessant sind vielmehr „sedimentierte Spannungen“, denen man nachgehen kann, bis zu einem Vorsprung des Begreifens.

Adorno kritisiert „rationalistische Verschandelungen“. Gleichzeitig bestreitet er einem „vulgären ästhetischen Irrationalismus“ das Recht, Kunst zur Gefühlssache zu erklären.

Pressetext

Die Neue Nationalgalerie präsentiert nach sechs Jahren sanierungsbedingter Schließung erstmals wieder die Hauptwerke der Klassischen Moderne aus der Sammlung der Nationalgalerie. „Die Kunst der Gesellschaft“ zeigt circa 250 Gemälde und Skulpturen aus den Jahren 1900 bis 1945, unter anderem von Otto Dix, Hannah Höch, Ernst Ludwig Kirchner, Lotte Laserstein und Renée Sintenis.

Die in der Ausstellung versammelten Kunstwerke reflektieren die gesellschaftlichen Prozesse einer bewegten Zeit: Reformbewegungen im Kaiserreich, Erster Weltkrieg, „Goldene“ Zwanziger Jahre der Weimarer Republik, Verfemung der Avantgarde im Nationalsozialismus sowie Zweiter Weltkrieg und Holocaust spiegeln sich in den Werken wieder. Über eine reine Geschichte der Ästhetik hinaus führt die Sammlung eindrücklich den Zusammenhang von Kunst und Sozialgeschichte vor Augen. Dabei bietet der offene Grundriss der ikonischen Architektur von Mies van der Rohe vielfältige Perspektiven auf die unterschiedlichen Strömungen der Avantgarde.

09:00 02.09.2021
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