Es ist nicht mehr das

Literatur Heimwollen, aber nicht mehr wissen, wo das ist - Helmut Kuhn bleibt mit “Omi” auf der Höhe. Die Geschichte seiner Oma ist ohne jede Schmier ergreifend
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Wir saßen vor der Rumbalotte, ein verregneter Nachmittag dampfte im plötzlichen Einfall von Licht. Die Aschenbecher waren abgesoffen. Die Gegend war im Niedergang und im Kommen schon zig Mal gewendet worden. Wir wussten Bescheid. Zuviel war im Grunde jedes Wort, jede Geste, um von einem Gefühl gar nicht erst anzufangen. Wir untergruben uns, wir sind beide als Heranwachsende Gewichtheber gewesen. Deshalb kennen wir uns mit einer Sache aus, da können die meisten nicht mitreden. Ich kenne sonst keinen, der von sich behaupten darf, er habe mit dreizehn fünfundfünfzig Kilo gerissen. Kuhn wollte noch zum Schachboxen, er sagte: “Ich hole meine Oma nach Berlin.”

Nun ist sie da auf dreihundert Seiten in frommer Sprache. “Omi” ist wieder so ein Kuhn’sches Meisterwerk in handwerklicher Vollendung und von nachhaltiger Umgebungslosigkeit. Ich sehe weit und breit keinen Titel in der Nähe von “Omi”. Der Roman folgt idiomatisch und im Rückwärtsgang der Lebensbahn einer sudetendeutschen Greisin, die mit ihrem Enkel sich auf eine Suche nach der verlorenen Zeit begibt. Kuhn nennt sich Holli Umsiedler, die Oma ist Heimatvertriebene. Diesen Teig kann man mit Heiner Müller, Franz Fühmann und Johannes Bobrowski rollen. Umsiedler heißt Einsicht in die Kriegsschuld und Ausstieg aus dem persönlichen Schicksal. Das Gegenteil geschieht im Text. Omi steigt durch Nebelbänke des Jetzt ein in die Verschlußsache Vergangenheit. Einem Stift entgehend, steigt die Seniorin auch zum Enkel ins Auto, wo Sheltie Pit und Marylong sie außerdem erwarten.

In meiner Kindheit waren alte Leute Überlebende des 19. Jahrhunderts. Sie hatten den Steckrübenwinter von neunzehnfünfzehn mitgemacht und das Inflationsgeld von Dreiundzwanzig in Weidenkörben davongetragen. Im Dritten Reich waren sie dann schon zu alt für alles außer Leid gewesen.

Inzwischen ragt das Greisenalter kaum noch in die Vergangenheit, soweit sie nicht in den Gesamtschulen durchgekaut wurde im Wechsel zwischen Faschismus- und Zwangsverwaltungswirtschaftskunde. Omi war eine Braut des Tias um 1940, verliebt, verlobt, verheiratet als braves Mädchen und liebes Frauchen. Der Offizier verzehrte sich ausführlich und verpflichtete sich schlankweg für weitere zehn Jahre in der Wehrmacht. Offenbar gefiel ihm der Krieg besser als die Ehe. Kuhn setzt den Punkt ansatzlos, eine Hand, die man nicht kommen sieht, man muss auf der Höhe sein, um den schönen Ausblick auf diesen psychosozialen Kyffhäuser nicht zu verpassen. Den letzten Offiziersbrief trägt Omi sechzig Jahre im Portemonnaie. Dem Gefallenen folgt August als einfacher Lückenbüßer im Ehestand. Er macht und tut und bleibt ein langes Berufsleben lang maulfaul frei von jeder Verfehlung.

Holli merkt sich das: Opa als zweite Wahl und den Tias als Busengeheimnis. Schauplatz des Betrugs war die osthessische Randerscheinung Fulda, wo einem Flüchtling die Tür aufgehalten wurde einst vom redlichen August. Dass er kein gutes Wort für Omi hatte, steht auf einem anderen Blatt.

Sie bezog sein Bett zwanzig Jahre über den Tod hinaus. Vielleicht lag ihr mehr an ihm als er im Grab lag. Wer weiß so was schon. Omi überlebte ihre jüngeren Schwestern. Dafür schämte sie sich, solange Scham noch eine Rolle spielte. Jetzt geht es nur noch ums Heimwollen als einem Mysterium - “Heimwollen, aber nicht mehr wissen, wo das ist”. Doch noch kennt Omi den Wert von Federbetten, sie “sind ein richtiges Gut” gewesen, solange man Selbstgerupftes verarbeitete ... in der verlorenen Heimat. “ Es ist (ohnehin) nicht mehr das”, was einen einmal paradiesisch frösteln ließ, und ist das nicht gut so, geradezu am besten?

Helmut Kuhn, “Omi”, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, 320 Seiten, 21,-

08:58 02.09.2016
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