Essayistische Kleingärten

Ossip Mandelstam Wie eine Schweißnaht zieht sich die Spur der Zensur durch Mandelstams essayistischen Obst- und Gemüseauslagen.
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„Corona ist wie Masern auf Steroiden.“ Doktor Itai Pessach in einem FAZ-Interview Quelle

Komposition und Kollision

Wie eine Schweißnaht zieht sich die Spur der Zensur durch Mandelstams essayistischen Obst- und Gemüseauslagen. Halboffen und halbironisch beschwert sich der Dichter in seiner Rolle als Urheber von semi-literarischem Kleinmist bei seinen Leser:innen über staatliche Bevormundung und brutale Dummheit. Die als Besprechungen ausgewiesenen Szenen überspielen die hardcore-stalinistischen Verhältnisse der 1920er und -30er Jahren. Hoffnung und Verzweiflung bestimmen den Grundton. Die Glocke des Genies schlägt dagegen an. Mandelstam will sich über die allgewaltigen Misslichkeiten erheben. Er kann unmöglich kleinlich sein. Seine Begabung zwingt ihn zu operettenhaften Ausflüchten in eine imaginäre Größe.

Ossip Mandelstam, „Gespräch über Dante, Gesammelte Essays II 1925-1935“, herausgegeben von Ralph Dutli, Ammann Verlag 1991

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Mir ist, als könnte ich Mandelstam dabei zusehen, wie er sich selbst herausfordert. Ihn quälen pseudo-wissenschaftliche Überschriften, unter denen schlechte Schriftsteller:innen gewinnbringende Gehorsamsleistungen abliefern. Unbedeutende dürfen Mandelstam Vorschriften machen und Ratschläge erteilen. Darum geht es am Rand in dem Abriss „Kinderliteratur“ und hauptsächlich in dem förmlich erbrochenen Text „Ich schreibe ein Szenario“.

Mandelstam beginnt das kurze Stück mit der Behauptung, Wiktor Borissowitsch Schklowski habe ihm geraten, schreibschüler:innenhaft das Abfassen eines Szenarios zu üben. Schklowski verdient zweifellos Beachtung in der Gegenwart der Interaktion. Ich kopiere eine Episode an diese Stelle, um deutlich zu machen, unter welchem Druck produziert wurde:

Wiktors Bruder Vladimir steckt in einem Zwangsarbeiter:innenlager. Es kommt zur Begegnung der beiden. Wiktor fragt:

„‚Erkennst Du mich?‘

Nein‘, antwortet Vladimir ... (Wiktors Fazit:) Er hat Angst um mich. Oder vor mir?“ Zitiert nach Wikipedia

In diesem Notstand klingt Mandelstams notorische Munterkeit wie das Kinderpfeifen im Keller. Der Autor täuscht Offenheit vor. Ständig signalisiert er eine Bereitschaft zur Selbstkritik. Bei dem Szenario geht es um die richtige Auslegung des sozialistischen Realismus. Mandelstam nimmt eine Konstellation, die ihm Eisenstein'schen Furor gestattet; einen kolossalen Establishment Shot. Eine Feuerwehr donnert im Alarmornat zum Einsatz. Der Skizzendrescher erwägt alternative Einstiege mit Zeitung lesenden oder eine Versammlung abhaltenden Akteuren. Jedenfalls gibt es auch in Bereitschaftszeiten keinen Müßiggang für die Belegschaft. Dann schaltet Mandelstam eine Frau ein, die Gattin eines Aktivisten, „und da ist sie auch schon: die Kollision“.

Er zeigt sich unzufrieden mit dem Arrangement. Er rumpelt ins Allgemeine und beginnt nun die Geschichte da, wo sie gleich heiß zu werden verspricht, namentlich im Samoskworetschje-Viertel bei der Familie, deren Nussbaumbuffet demnächst in Flammen stehen wird.

„Der Kern der Sache liegt natürlich in der Komposition.“

Mandelstam deutet eine regelrechte Stümperei an, einen Gipfelsturm des uninspirierten Schreibens. Er erwägt Kino-Effekte; das filmische Heranwanzen an die Aufmerksamkeit der Lesenden mit Großaufnahme und Detailansicht. Er gibt das Machwerk (als sowjetische Errungenschaft) der Lächerlichkeit preis und auch wieder nicht. Im Gegenlicht der leicht peinlichen Satire offenbart sich die Not des Künstlers, dem allenfalls sogenannte Kolleg:innen aus doktrinären Gründen das Wasser reichen dürfen. Und besser ist es, wenn Mandelstam trinkt, um sich dann auch noch (freundlich in die Runde lächelnd) für die Gabe zu bedanken.

Das Getto-Paradox

„Reizlos“ findet der Passagier einen „belorussischen Provinzflecken“. Vor dem Abteilfenster gesellt sich ein „Lattenzaun (zum) Ziehbrunnen“. Mandelstam notiert die Bierschwemme im Schatten einer (die Umgebung eindeckende) Ziegelfabrik. In diesem Arrangement macht sich eine Person auffällig, die „aus ganz anderem Lehm gemacht (ist) als diese Landschaft“.

„Ein langschößiger Jude auf einer Dorfstraße.“ - Warum hält sich Mandelstam mit der Ausnahmegestalt in einem Milieu von ausgesuchter Trostlosigkeit auf?

Dies geschieht, um eine Quintessenz an seine Leser:innen zu bringen:

„Die grundlegende Plastizität und Kraft des Judentums liegt darin, dass es ein Gefühl für Form und Bewegung herausgebildet … hat, dem alle Züge einer tausendjährigen Mode anhaften … Ich meine die innere Plastik des (Gettos), die gewaltige künstlerische Kraft, die seine Zerstörung überlebt.“

Nicht aber die Abschaffung des Gettos.

Mich lockt das Paradox.

Mandelstam reagierte auf das Staatliche Jüdische Theater Moskau. Es bestand von 1920 bis 1948. Es existierte zunächst neben dem Habimah, dessen Protagonist:innen Ende der 1920er Jahre auf einem Vorhof der israelischen Staatsgründung (schließlich in Tel Aviv) weitermachten.

Der Mann, der in Moskau die Fahne des jüdischen Theaters hochhielt, hieß Solomon Michailowitsch Michoels. Als nützlicher Parteigänger Stalins überlebte der Repräsentant der Intelligenzija die Säuberungen der 1930er Jahre. Michoels starb 1948 angeblich bei einem Autounfall. Seine Unterstützer:innen, die Aktivist:innen vom Jüdischen Antifaschistischen Komitee, wurden hingerichtet.

„Gegen Hitler zu sein, hieß über Stalin zu schweigen“, sagt Heiner Müller.

Hochnäsige Überbrückungen

„Selbst die sorgfältigste Übersetzung … ist, wenn sie nicht einer inneren Notwendigkeit entspringt, kein lebendiger Austausch … (vielmehr) hinterlässt sie eine sehr schädliche Spur in der unbewussten Werkstatt einer Sprache, verstellt ihr Wege, verdirbt ihr Gewissen, macht sie nachgiebig, ausweichend, versöhnlich, gesichtslos.“

*

Ossip Mandelstam mokiert sich über die unoriginelle Narration verbindender Sätze in den Discountromanen. Er kritisiert blinde Überbrückungen und eine Plausibilitätserzeugungsmonotonie mit dem Charme zusammengehauener Bretterbuden. Es wäre albern, hervorzuheben, wie modern die Einwände gegen Plattitüdenverbreitung vorgetragen wird; wie unvergilbt Mandelstam sich dem Jetzt präsentiert. Mandelstam ist noch als Toter lebendiger als viele Leute zu Lebzeiten es vermögen zu sein.

Lesen Sie Mandelstam!

In „Jacques wurde geboren und starb“ befasst er sich mit der Krux von Übersetzungen aus der Massenproduktion.

Mandelstam stochert in Massengräbern des Geistes und entdeckt eine „Wortwelt aus Pappe“.

Er erkennt: es ist alles vollkommen egal. Wer? Von wem? Was? Woraus? Ist egal. Das Dutzendgedöns schreibender Eintagsfliegen braucht kein Mensch. Er braucht es weder im Original noch in einer Übersetzung. Mandelstam rekapituliert die Stadien eines Niedergangs.

„Der Verfall begann … als der … falsche Begriff geistiger Schmutzarbeit, intellektueller Tagelöhnerei aufkam ... Damals kamen die Spinnen in den Buchläden dahinter, dass sich mit billigem Gehirn Geld machen ließ.“

Genie und Genre

In den 1920er Jahren bespricht Ossip Mandelstam Filme, Inszenierungen, Bücher und Tendenzen. Er analysiert literarische Moden. Er knöpft sich den Unanimismus um Jules Romains vor.

Das Genie nimmt das Genre der Rezension auf die leichte Schulter. Er macht die kleinen Sachen mit links; schüttelt den Text aus dem Gelenk. Als Fachperson in der Rolle eines Verspäteten bin ich ganz Freude auf dem zugigen Bahnhof der Zeit.

Mandelstam macht sich lustig über den Dilettantismus unter der Kunsthaube. Das ukrainische Theater beschreibt er als eine Angelegenheit, die „dem Willen des Zufalls … und der Willkür des Einzeltalents unterworfen“ sei. Man agiere „auf gut Glück“.

Der freundlichen Vernichtung lässt sich nichts hinzufügen. Mandelstam beweist sich als Meister verdeckter Haken. Er fintiert unter Aufsicht. Chefin im Ring ist die sowjetische Zensur. Mandelstam trägt nicht schwer an den Bleiplatten der Dummheit. Das unter Kuratel gestellte Talent unterläuft die zähe Staatlichkeit. Es spielt die Muntere.

Mandelstam verschweigt den Druck, der auf ihm lastet. Er kennt die Schliche der Eigensicherung. Den übelsten Zurschaustellungen sagt er Wundersames nach. Ein Wort für Schund: „urtümliche Theatralik“.

Das ist reiner Hohn:

„... dass in der Ukraine mit der Revolution eine Generation kolossalen, von der Tradition unbelasteten Theatertalents heranreifte - ein Theater ohne Literatur, ohne Psychologie.“

Manchen Verwerfungen der sowjetischen Kulturrevolution begegnet Mandelstam mit bellizistischer Verve, um Aplomb zu behaupten vielleicht (nicht) nur.

Niemand kann mehr so schreiben wie er. Mandelstam übertrifft Benjamin, da er keine Grille nährt. Er dreht keine Locken auf Glatzen. Irgendwo sagt Heiner Müller, totalitäre Systeme hülfen der Literatur auf ihre Weise. Mandelstam bestätigt die Einschätzung. Ihm schmerzen die Augen bei all der antibürgerlichen Abtrittsaufbrauserei in primär ideologisch beglaubigten Verhältnissen. Die nachtragenden Formulierungen sind Zauberformeln eines subversiven, pausenlos Distanzierungen provozierenden Qualitätsbewusstseins, das sich in einer trüben Praxis zuspitzt.

„Noch eine Eigenart des Beresil: Keinen Moment lang verliert es den Kontakt zum revolutionären Straßenkarneval.“

Ossip Mandelstam antizipiert Wlad Putin

Ossip Mandelstam nimmt Wladimir Putin vorweg. Der Dichter sieht eines Tages (zwischen 1925 und 1929) im Kino eine „ungeheuerliche Zusammenkleisterung“.

Da geht Mandelstam ein Licht auf:

„Die Krim mit ihren Hammelfleischklößen und Minaretten ist schon an sich ein verführerisches Objekt für kinematografische Überfälle.“

Auch das Weitere passt. Im Film sprechen Forschungsreisende mit Grimm von ihrer Krim-Expedition, „als handle es sich um die Erforschung von Tibets tiefstem Inneren“.

Russische Randvölker

Der Filmtitel lässt sich heute nicht mehr in Erfahrung bringen. Offenbar rezensiert Mandelstam eine Pseudodokumentation mit sowjetsozialistischem Moritatencharakter. Der Kritiker macht dem Regisseur eine unrealistische Darstellung zum Vorwurf. Tatarische Gauchos legen den Kreispolizeichef mit einem Lasso an die Leine und verschleppen ihn in die malerischste Prärie. Es ergibt sich die Entwaffnung bewaffneter Reiter:innen unter den Vorzeichen eines Kinderspiels.

„All das wird ungestraft dem … sanftesten aller (russischen) Randvölker … angedichtet.“

Man beachte Mandelstams imperiale Perspektive. Für ihn ist alles Peripherie, was nicht Moskau ist. Mandelstam antizipiert Putin auch an dieser Stelle.

Der Erzähler im Film steigt in eine Höhle auf der Krim, wo Veteranen einer tatarischen Revolution ihr rustikales Arsenal präsentieren.

Die greisen Kämpen sind in ihrer pittoresken Isolation verwildert.

„Mit dieser Pistole habe ich noch gegen die Polizeitruppe des Khans gekämpft.“

*

Mandelstam moniert den Höhlentourismus, indem er sich über die Filmschaffenden lustig macht. Jane Jakarta hebt den Schatz zur Belehrung ihrer Gong-fu-und-Karate-Schülerin Letícia Ulbricht. Letícia trainiert heimlich, um nicht offen mit ihrer Gattin Majesty Fontainebleau-Kimura (ja, ich rede von der BJJ-Koryphäe MFK) konkurrieren zu müssen. In ihrem Leben ist schon jede Menge versandet, wenn nicht sogar richtig schief gegangen, aber die Brasilianerin Letícia hält sich passabel im Mahlstrom eines Weilers in der Gegend von Taorminally im US-Bundesstaat Kentucky. Einvernehmlich fremdgängerisch irrlichten Majesty und Letícia über den Parcours eines verschrammten Suburbia-Mittelstandes.

Die Mama-Mumien tratschen beim alkoholfreien Spritz

Eines Tages traf Letícia die stellvertretende Bürgermeisterin von Taorminally in der einzigen Bar vor Ort. Auch wenn das politisch nicht korrekt ist, sage ich doch, wie die Leute das Ding nennen - Mummy's Daily Break. Der Volksmund spielt mit der phonetischen Nähe von Mummy (Mumie) und Mommy (Mama). Die Mama-Mumien tratschen beim alkoholfreien Spritz.

Izidoro Meletis-Zeleia Apostolides

Alkohol ist out. Es wird nicht geraucht. Aber es gibt immer noch den alten Swingerinnendrive, die Milf-Mom-Monomanie. Izidoro Meletis-Zeleia Apostolides ist mit einem Mann verheiratet, und sogar mit einem dieser Babyboomer, die früher ihre Familien in Vorstadthöllen schmoren ließen, während sie selbst in New York oder Chicago on the wild side steil gingen. Das macht heute keiner mehr. Ein alkoholfreies Bier vor dem kalten Grill in Gesellschaft alleingelassener Ehemänner, deren Frauen es in Mummy's Dealy Break krachen lassen, gilt als Feierabendhöhepunkt.

Izidoro Meletis-Zeleias Gatte wirkt stets ein bisschen zu bedrückt und zu bemüht. Er hat aus der Beflissenheit eine Nummer gemacht.

Artistischer Ekel - Die Schmucklosigkeit der Dutzendexistenz als literarisches Sujet bei Flaubert und den Goncourts

Weder Volkstümlichkeit noch demokratisches Sendungsbewusstsein bestimmen die großen Franzosen in ihrer Darstellungskunst. Dem „ungeschönten Einzelmenschen“ wenden sie sich, so sieht es Ossip Mandelstam, mit „Hochmut … (und) Ekel“ zu. Die Herrschaften beanspruchen eine aristokratische Warte. Man ahnt Mandelstams Faszination für den Streit der Gegensätze. Unter Stalins Knute sind solche Gedankenausflüge verbotene Gänge. Mandelstam wendet sich westeuropäischen Randerscheinungen zu; angeregt vielleicht von deren dummen Freiheit, während der Geniale die Beugehaft des Totalitarismus erduldet. Es macht Mandelstam wohl Spaß, über Autor:innen zu schreiben, die ihre Chancen nicht zu nutzen wussten. So kommt er auf Duhamel.

Herzgeografie

Georges Duhamel trotzt dem Programm der Bürger:innen in beiden Spielarten. Er will weder Bourgeois noch Citoyen sein. Er verweigert die Rollenprosa des „Staatsbürgers und Wählers“. Als „Tourist“ im eigenen Land gefällt er sich. „Wenig ernsthafte Länder“ sind ihm die liebsten. Das kolportiert Ossip Mandelstam in dem Aufsatz „Georges Duhamels Herzgeografie Europas“.

Duhamel favorisiert Holl- und Finnland.

„Nieder mit der Politik, es leben die holländischen Tulpen und finnischen Skier.“

*

In den Labyrinthen lyrischer Legenden gewährt Duhamel „seinen Geist Auslauf“. Er erweitert den Kanon, gebläht von der Freiheit eines gleichermaßen Unangefochtenen und Unberufenen.

Was aber gefällt Mandelstam an den unbeholfenen Glasperlenspielen und lächerlichen Tändeleien? Jedenfalls nicht „die süßliche Jagd nach … Lokalkolorit“. Vielmehr gefällt es Mandelstam, Duhamel einen Platz unter den Mediokren anzuweisen. Jener sei stets „am Gängelband erstrangiger … Gesetzgeber der französischen Literatur gegangen.“

Aus der Ankündigung des Fischer Verlags, in dem die Taschenbuchausgabe erschienen ist:

„In Mandelstams Essays ist eine geistige Biographie eingeschrieben, hier eröffnen sich die gedanklichen Hintergründe seiner Weltsicht und seiner Poetik. Anhand der Essays kann der Leser den Weg Mandelstams verfolgen, wie er sich von der anfänglichen Beschäftigung mit ausschließlich ästhetischen Fragen zu eindeutigen politischen Stellungnahmen bewegt, bis hin zu dem auf Stalin gemünzten Epigramm vom »Seelenverderber und Bauernschlächter«. Mandelstams Kampf um die Freiheit des Individuums endet in der Verbannung. Herzstück des zweiten Bandes der gesammelten Essays ist jene Arbeit, die diesem Band auch den Titel gab: ›Gespräch über Dante‹. Voll Bewunderung schreibt der große Europäer Mandelstam über den ersten Aufklärer in der europäischen Geschichte: »Die Lektüre Dantes ist vor allem eine nie endende Arbeit, die uns, je mehr wir fortschreiten, um so weiter vom Ziel entfernt. Bringt eine erste Lek-türe nur Atemnot und eine gesunde Müdigkeit, so besorge man sich für die folgende ein Paar unverwüstliche Schweizer Nagelschuhe. Ich frage mich allen Ernstes, wie viele Sandalen Alighieri während seiner dichterischen Arbeit auf den Ziegenpfaden Italiens durchlaufen hat.“

Analytischer Revolver

1932 denkt Ossip Mandelstam über Charles Darwin nach. Er stellt fest: „Darwin dichtet der Natur keinerlei Ziel an und verneint jedes Heilsprinzip.“

Diese Strenge findet man auch bei Arizona „Double Action“ Singleshot. Es gibt keinen botanischen Dilettantismus und auch keine liebhaberhafte Beschäftigung mit den Gegenständen der Natur in ihrem Werk. Die Pickwicks dieser Welt gehen Arizona gegen den Strich. Unsere Agentin erkennt in ihnen beschreibungswütige Müßiggänger:innen; der Vernunft in Stilagglomerationen verloren gegangen.

Mandelstam spricht im Zusammenhang mit Darwins Beagle-Reise von einem „kolossalen Training der analytischen Sehkraft“. Als Essayist ordnet der Dichter das Training einer aufklärenden, zugreifenden und individualisierenden Praxis zu. Mandelstam beschreibt die Verwandlung des Jägers in einen Homo faber. Darwin unterscheidet sich von den Schwärmer:innen seiner Zeit mit den Behauptungen eines Ingenieurs. So werden dann auch Kriege geführt, da der rationale Diskurs vom Zeitgeist in Umlauf gesetzt wird.

Mandelstam betont die Ausdauer, mit der Darwin Faktoren wie Licht und Abstand in einem Koordinatensystem zusammenträgt. Gleichzeitig arbeitet der Forscher mit den Sensationen „der Freilichtmalerei“. „Gerissen“ sei die demonstrativ funktionale Zeichnung einer Grashüpferin. Mandelstam vergleicht sie mit Schilderungen im Linné-Style, wo das Insekt „kostümiert und geschminkt wie im chinesischen Hoftheater“ auftritt. Man präsentiere es wie „ein Juwel in seiner Fassung“.

Mandelstam zieht die Summe. Er zückt den analytischen Revolver. Linné und die Meister:innen seiner Kohorte brauchen für ihr seelisches Gleichgewicht Beschwichtigungen. Sie unterstellen der Natur Weisheit. Sie leisten Großartiges auf dem Feld der Miniatur.

„Die höfisch-feudale Kunst der Miniatur (zerfällt)“ in den nüchternen Naturbegriffen der Evolutionist:innen. Die Sturmspitze der Zukunft radiert „jedes teleologische Pathos“ aus. Darwin, so sagt es Mandelstam vielleicht in unbewusster Erwartung der Feuer, die ihn erwarten, nehme „der Natur gegenüber die Haltung des Kriegsberichterstatters“ ein.

14:37 06.07.2021
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