Evangelische Hausmusik

Giftmord Es ist nicht genug, Empfindung mit erhöhten Farben zu schildern; man muss auch erhöht empfinden. Friedrich Schiller
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„Mit Recht verlangt der Leser von dem Dichter, der ihm, wie dem Römer sein Horaz, ein theurer Begleiter durch das Leben seyn soll, daß er im intellectuellen und sittlichen auf einer Stufe mit ihm stehe, weil er auch in Stunden des Genusses nicht unter sich sinken will“, sagt Schiller. Es ist nicht genug, Empfindung mit erhöhten Farben zu schildern; man muss auch erhöht empfinden.

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Noch war das nur Journalismus, was Tillmann „Tille“ Freischmidt und ich kollaborativ und in jeder Hinsicht großzügig betrieben, mit dem Ehrgeiz, Holzminden und Bodenfelde in den Zwanziguhrnachrichten vorkommen zu lassen. Wir nahmen jeder eine Prise von der größten Störung der Ordnung in unserem Revier.

Die Giftmörderin und Heiratsschwindlerin Erika Senzowa

Jahrzehnte ist die Tochter einer russischen Zwangsarbeiterin, die ihren Vater nie gesehen hat, landfahrerisch unterwegs, eine Nomadin des Unheils, die sich in Kleingärtnerkolonien Quartier macht und die Unbeholfenheit geistig randständiger junger Leute nutzt, um sich mit drakonischer Fürsorge eine Gefolgschaft zu sichern. Ihre Mündel verwendet sie auch zuhälterisch. Sie vermietet sie an Drücker- und Putzkolonnenführer.

Erika wirkt selbst wie eine Schwachsinnige in furioser Fassung. Sie besitzt aber eine kalte Intelligenz, die so asozial ist, dass sie als Defekt wahrgenommen wird. Mit ringkämpferischen Zugriffstechniken überwindet sie die Abwehr ihrer Opfer.

Erst als von jedem Liebreiz befreite beinah Vierzigjährige bewegt Erika einen schwer herzkranken Ostwestfalen, der von der Welt aus eigener Anschauung nicht mehr kennt als Mallorca und Phuket, sie erst zu heiraten und dann in einer Lebensversicherung zu begünstigen. Er stirbt erschreckend pünktlich nach Ablauf der Fristen. In den Tod folgen ihm ein vermögender niedersächsischer Briefträger im Ruhestand und ein passionierter nordhessischer Taubenzüchter, der die Mittel für ein Leben als Privatier aus Vermietung & Verpachtung gezogen hat.

Die Leute im Bermudadreieck zwischen Höxter, Einbeck und Hofgeismar munkelten lange vor Erikas Verhaftung von einer schwarzen Witwe, unbewusst beunruhigt von der kaltherzigen Tatkraft und merklichen Unversöhnlichkeit. Interventionen von Verwandten der Opfer, die sich um ihr Erbe geprellt sahen, führten zu Exhumierungen und gründlichen Leichenschauen.

Erika stritt das Offensichtliche ab. Ich fragte mich, ob mir mit ihr als Heldin ein Capote-Coup à la „Kaltblütig“ gelinge könne, wurde aber von Gerda aus dem vollen Lauf gerissen. Die Bäckertochter aus Helsa half mir zu schillern.

Es ist nicht genug, Empfindung mit erhöhten Farben zu schildern; man muss auch erhöht empfinden.

Plötzlich erhöhte mich jede Wolke. Das tägliche Himmelstheater bescherte poetische Erträge. Ich rezensierte wie am Fließband göttliche Inszenierungen. Die meisten Einfälle vermachte ich den Tennessee Rattlesnakes. Das waren Schwestern, Brüder und Cousine Gerda mit einer evangelischen Hausmusiksozialisation, die den US-amerikanischen Süden feierten und im Kasseler Landkreis gut ankamen. Schließlich gab es auch die Natchez Baton Rouge Band in Oberkaufungen und drei Bluegrass Rocker in Eschwege, die sich Swamp Hedgehogs nannten.

Es gab Country- und Westerntanzwettbewerbe und saloonesk geputzte Gaststätten im Borderline County. Ich zweifelte daran nicht, bis an mein Lebensende die Suchscheinwerfer der Grenzanlagen Lichtschneisen in die Dunkelheit schneiden zu sehen. Das DDR-Grenzregime leistete fantastische Theaterarbeit. Leute, die in der Provinz außerdem Theater machten, ich rede nicht von Kassel, Göttingen, Braunschweig und Hildesheim, sondern von Weilern an Werra und Weser und im Sumpf der Fuldaauen halb versunkene Gemeinden, wurden als problematische Persönlichkeiten wahrgenommen. Den Stigmatisierungen zum Trotz gab es solche Enthusiasten, und es gab mich, der ihre Produktionen besprach.

An einem Rand des Reinhardswalds liegt ein Nest, das nach einer nahen Wüstung Fuchstanz heißt. Fuchstanz ist der letzte Außenposten des Einzugsgebiets von Reinhardshagen. Im Gemeindehaus brachte Sieglinde Rauschenbach mit ihrer Familie Singspiele nach Grimms Märchen auf die Bühne.

Die Rauschenbachs machten Theater. Das war ein Rahmen für Geselligkeit. Sieglinge konnte kein Hang zum Höheren nachgesagt werden. Sie nähte gern Kostüme und verkleidete sich gern. Sie besaß Improvisationstalent und Spielwitz. Der gute Wille in allen Lagen, die Standfestigkeit und der gesunde Menschenverstand entlarvten sich in den Inszenierungen als pausbackige Weltaneignungen mit dogmatischen Hebeln.

Sieglinde stellte sich zur Schau. Das unterschied sie von ihren Gemeindeschwestern. Der Familienexibithionismus wurde belächelt. Die Hemmungslosigkeit markierte eine Seite einer Sanktionsgrenze. Auf der anderen Seite warteten die Nachbarn auf Fortsetzungen der Rauschenbacher Verfehlungsgeschichte.

Ich habe vergessen zu sagen, dass Gerda bei den Tennessee Rattlesnakes die Wäscheruffel spielte. Als Cousinen-Sidekick unter Geschwistern fühlte sie sich nicht immer wohl. Die soziale Frage war zu ihrem Nachteil geklärt worden.

09:31 21.03.2019
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