Fähig zu weder noch

Gerhard Fritsch Der Tagebuchschreiber Fritsch baut nicht heimlich für die Nachwelt vor. Er kokettiert nicht und betreibt kein Wörterringen. Wortwiederholungen und ungehemmte ...
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"Die sieben Werke der Barmherzigkeit" - Caravaggio in der Pio Monte della Misericordia

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Der Ungarnaufstand mobilisiert ihn. Gerhard Fritsch, 1924 als Spross böhmischer Zuwanderer in Wien geboren und da 1969 gestorben, positioniert sich im antikommunistischen Lager – in Opposition zur katholischen Reaktion. In einer gespaltenen Gesellschaft tritt der Schriftsteller vehement auf. Fritsch versichert sich bei Sartre, der sich „schärfstens vom russischen Vorgehen in Ungarn und dem Verhalten der KPF distanziert“.

Obwohl ihm der „verwässerte Marxismus“ der SPÖ zuwider ist, bleibt Fritsch Mitglied einer Partei, in die er 1952 eintrat, „um eine Wohnung“ zu kriegen. In der Gegenwart von 1956 sieht er nur noch „blöde Sozifressen“. Einen Parteitag beschreibt er als „Phrasenumschlagplatz vom Niveau eines Briefmarkensammlervereins, der skurrilerweise Macht über die Hälfte eines Staates hat“.

Gerhard Fritsch, „Man darf nicht leben, wie man will“, Tagebücher, herausgegeben von Klaus Kastberger, Residenz Verlag, 260 Seiten, 24,-

Von den sowjetischen Panzern in Budapest schwenkt die Aufmerksamkeit nach Venedig: zu Wolkenbruch und Zahnschmerzen. Den privaten Charakter der Aufzeichnungen beweisen solche Sprünge. Fritsch baut nicht heimlich für die Nachwelt vor. Er kokettiert nicht und betreibt kein Wörterringen. Wortwiederholungen und ungehemmte Redundanz im Register der Empfindungen (eines Genervten) zeigen den uneitel-flüchtigen Alltagsrezensenten.

Die Schilderungen sind impulsiv und oft aus der Luft gegriffen. Sie erinnern an Paul Léautauds Soliloquium. Doch fehlt die grandiose Selbstbezogenheit.

Man konnte Fritsch als Kulturfunktionär mit eigener Produktion wahrnehmen. Er war gut vernetzt und zog ein nennenswertes Einkommen aus subventioniertem Feuilletonismus und anderen Kunstsaumbeschäftigungen.

Die Tagebücher suggerieren, dass sich ihr Urheber in einer eher bequemen Lage wähnte und zur künstlerischen Halbherzigkeit ein arrangiertes Verhältnis hatte.

Fritsch nennt sich selbst geizig und zur Eigenliebe nur begrenzt fähig. Er fühlt sich (manchmal?) als „sentimentale Lehrerin, die zufällig mit Hoden auf die Welt gekommen ist“. „Fähig zu weder noch.“ Die Schürze und der Kittel sind Fetische. Einmal lockt ihn ein schwarzer Nylonumhang „mit der weißen Aufschrift Anny“.

Auf der erotischen Agenda stehen (von der heterosexuellen Norm) abweichende Aufladungen im absolut Verborgenen. Das Nicht-Binäre findet noch nicht mal ein Vorfeld der Akzeptanz. Es hat keinen Raum außerhalb des Zweifelhaften. Fritsch zitiert Genderqueeres aus belustigten (belustigenden) zweispaltigen Zeitungsmeldungen. Er hegt die Vorurteile seiner Zeit im Jargon der vermischten Nachrichten.

„Der Invertierte müsste viel artgemäßer leben und sich vor Ausbrüchen fernhalten.“

„Im Übrigen möchte ich sehr gern meine erotische Psyche entschlacken … es gibt ja doch Wichtigeres als Träume von Knaben mit Gummibrüsten und rauschenden Kitteln.“

„Einige Tische weiter ein laut und geziert plaudernder Warmer.“

Fritsch heiratete dreimal und war Vater von vier Kindern.

Er erhängte sich. Thomas Bernhard rief ihm nach: „Der arme Mensch, der inkonsequente, bedauerliche, der erbarmungswürdige. … hat sich Fritsch an dem Haken seiner Wohnungstür aufgehängt, sein von ihm selbst verpfuschtes Leben war ihm über den Kopf gewachsen und hatte ihn ausgelöscht.“

09:42 25.03.2019
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