Falltüren der Erinnerung

Bart van Es beschreibt in der Familiengeschichte "Das Mädchen mit dem Poesiealbum" wie Verdrängung funktioniert.
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Der Holocaust war zu schrecklich, um sich damit aufzuhalten. Nun gab es auch zu wenig Juden für eine gesellschaftliche Repräsentanz. Das Beste schien zu sein, nicht dran zu rühren. Stattdessen mussten Kollaborateure re-integriert werden. So beschreibt Bart van Es den niederländischen Standpunkt in der unmittelbaren Nachkriegszeit. So strich man ein Staatsversagen aus dem kollektiven Gedächtnis. Der Schlussstrich führte dazu, dass viel mehr Juden die Niederlande verließen als etwa Belgien.

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Die „Fabrik“ des Vaters ist ein Schuppen im Hof. Sie produziert Marmeladen und Mixed Pickles. Die Tochter darf im Betrieb nicht mitmischen. Sie wird zur Dame auch mit Ballett erzogen. Hesseline de Jong, Lien genannt, lernt die Vokabeln bürgerlicher Anmut, während der Faschismus in Europa um sich greift.

Bart van Es, „Das Mädchen mit dem Poesiealbum“, aus dem Englischen von Silvia Morawetz und Theresia Übelhör, Dumont, 315 Seiten, 22.-

Die in religiösen Belangen gleichgültigen Eltern mischen Jüdisches unter Christliches nach ihren Bedürfnissen. Auch zu Lien kommt der Weihnachtsmann. Die Aufdeckung der Weihnachtsmannlüge erlebt das Kind als Vertrauensbruch.

Bart van Es erzählt die Geschichte einer Behüteten mit großem Vergnügen an Rüschen und Schleifen. Lien pflegt ein Poesiealbum. Sie besucht eine gemischte Schule. Jede Menge christlicher Freundinnen leisten Treueschwüre und hinterlassen Spuren ihres Überschwangs in dem Album.

„Ab Herbst 1941 tauchen andere Namen in Liens Poesiealbum auf.“

Das ergibt sich nach einem Schulwechsel. Bald sind Bibliotheken, Märkte, Parks, Museen und Schwimmbäder für Juden verboten. In ihrem Den Haager Viertel bewegt sich Lien nun kaum noch außerhalb der Verwandtenobhut. Alle sind darum bemüht, den Anschein der Normalität zu wahren.

Als Hochbetagte erinnert sich Lien an das Grauen in der Gesellschaft des Autors. Van Es schildet eine „Erscheinung von schlichter Schönheit“. Ein bordeauxroter Paisley-Schal „verleiht ihr einen Hauch von Bohème“. Es gibt eine im Grunde familiäre Verbindung zu der Greisin, die Van Es spät offenbart wurde. Eine schwere Verstimmung belastet die Angelegenheit. Lien dient der Verstimmung als letzte Hüterin.

Van Es macht es spannend. Er ist in Oxford Professor, ein Bouquet Arrangeur und Homme de lettres. Lien und ihr Poesiealbum sind für den Literaturwissenschaftler ein gefundenes Fressen. Er kleidet seine Besuche in blumige Beschreibungen der Anreise. Er putzt sie mit historischen Bemerkungen. Er notiert die eigene Freundlichkeit.

„Ich winke … den alten Männern freundlich zu.“

Van Es veröffentlicht Skrupel und gibt Zweifel zu. Er zweifelt am Wert seiner Recherche. Er erforscht nicht nur Liens Biografie. Vielmehr dient ihm Lien als Sonde auf der Reise zu einem Saturn menschlichen Versagens in der eigenen Familie. Achtjährig war Lien 1942 seinen Großeltern anvertraut worden. Ihre Eltern wurden in Auschwitz umgebracht.

Warum erfuhr van Es erst als Erwachsener von Liens Verbergung; obwohl das Mädchen gemeinsam mit seinem Vater aufwuchs?

Die jüdische Besiedlung der Niederlande ging von Portugal aus und erfolgte unter dem Druck der Inquisition. Die uneingeschränkt mit allen Bürgerrechten schaltenden sephardischen Familien bildeten schließlich einen eigenen Patrizieradel. In der napoleonischen Zeit nutzten Juden den Registrierungszwang zu einer Christianisierung ihrer Namen. Diese gut aufgehobenen Juden portugiesischer Provenienz freuten sich nicht über den Zuzug aschkenasischer Habenichtse aus Osteuropa, „deren Muttersprache jiddisch war und nicht hebräisch“.

„Von den 18000 Juden, die 1940 in Den Haag ansässig waren, überlebten 2000.“

Von den „im Gewebe des Staates“ verflochtenen vierhundert Portugiesen erlebten acht die Befreiung.

Im Spätsommer 1942 wird Lien auf die Insel Dordrecht gebracht, wo sich 1572 Wilhelm von Oranien vom spanischen König lossagte. Die gleichnamige Gemeinde ist ein historischer Hotspot. Da kam organisierter niederländischer Widerstand gegen die Nationalsozialisten im sozialdemokratischen Geist zusammen. Es gab eine Untergrund-Infrastruktur. Lien findet Schutz bei einem Paar, dass sich in einer politischen Abendschule kennengelernt hat. Die Kinder der Familie hat van Es als junger Witwer mitgebracht. Er ist reizbar und autoritär, zugleich aufrichtig, grundsätzlich und tatkräftig. Sie gleicht gewissenhaft aus. Lien nennt sie zunächst Onkel und Tante. Sie geht zur Schule, das Leben geht weiter für sie – unter dem Schirm der Fürsorge von Leuten, denen der Autor als Enkel nachkommt.

Plötzlich hat er „immer schon gewusst, dass meine Großeltern während der deutschen Besatzung … jüdische Kinder bei sich aufgenommen hatten“.

Das ist eine herbeigeholte Konkretisierung, in der lediglich Liens Rettung ausgespart geblieben sein könnte. Tatsächlich „kursierten (gar) keine Geschichten darüber“. In der uninformierten Phantasie des Erzählers verbargen sich jüdische Kinder unter Dielen. Dass sie in einem sozialdemokratischen Trutz wie andere auch zur Schule gehen und Freundschaften in alle Richtungen haben konnten, erfährt van Es erst, als die letzten Zeugen vor der Schwelle zum Tod stehen. Nun hat er immer schon von Lien gewusst, nur eben so gut wie nichts. Die entlarvenden Nachträge beschreiben eine Verdrängung, die ihre Macht verliert. Das Unterdrückte überwindet Barrieren. Halbwahrheiten aus der Familienchronik und Leerstellen im Text werden angereichert. Auf ihren letzten Lebensmetern stellt Dieuwke van Es für ihren Sohn widerwillig einen Kontakt zu Lien her. Man hat stets voneinander gewusst, nur eben nicht mehr miteinander geredet.

08:41 08.02.2019
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