Falsche Limonade

Stralsund 1943 entledigte sich Hans Fallada einer Auftragsarbeit, die mir in einer Aufbau-Ausgabe mit dem Titel „Der Jungherr von Strammin“ in die Hände fiel.
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Gesehen in der Stralsunder Nikolaikirche

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1943 entledigte sich Hans Fallada einer Auftragsarbeit, die mir in einer Aufbau-Ausgabe mit dem Titel „Der Jungherr von Strammin“ in die Hände fiel: da war ich noch jung genug, um im Lesen einen legalen Weg aus jener Langeweile zu finden, die sich einstellte, wenn wir bei Verwandten zu Besuch waren oder Verwandtenbesuch empfingen und kein Kinderprogramm vorgesehen war. Ich saugte Text auf wie man durch einen Halm Limonade zieht, oft enttäuscht von den unorthodoxen Mischungen, mit denen die Mütter der anderen einen hinters Licht zu führen versuchten. Manchmal wurde hausgemachtes Zitronenwasser als Limonade gereicht; so als habe man Anlass gegeben, für so blöd gehalten zu werden, dass ein solcher Betrug einer erzieherischen Maßnahme gleichkam.

Ja, in meiner Generation erwartete man Erziehung und verwarf altklug das antiautoritäre Programm von Summerhill.

Ich will mich nicht mit meiner Empörung wegen falscher Limonade aufhalten, aber doch noch die Entschädigungen erwähnen, mit denen Oma Conrady meinen Glauben an das Gute stärkte. In ihrer Hemisphäre war jede Limonade so gelb, chemisch, ungesund und amerikanisch wie sie zu sein hatte.

Die Leute, bei denen ich Falladas „Jungherr von Strammin“ las, wussten nach meiner Einschätzung überhaupt nicht, wie echte Limonade schmeckt. Sie lebten hinter dem Eisernen Vorhang in Eisenach auf dem Mond. Sie waren meine Großtante und mein Großonkel und meine Großcousine Bertram, Martha und Bertha Tuschick.

Über sie wird noch zu sprechen sein. Jetzt nur kurz das. Mein Vater hat seinen Vater im Krieg verloren. Er sah in Onkel Bertram einen Gewährsmann des Tuschick’schen Seins in der Generation des Vaters.

Onkel Bertram war eine Instanz der Erinnerung. Er war ein Informant, der von meinem Vater abgeschöpft wurde.

Die Wartburg, der Luther und die Hl. Elisabeth: Ohne es zu merken und ohne es zu wollen floss viel Evangelisches in die Erziehung meines ungläubigen Vaters. Man kann den Protestantismus in den Lutherländern kaum abwehren. Mir wurde das so richtig erst klar in der Gesellschaft einer Thüringerin. Für B. war die DDR nur eine Episode ihrer ev. Landesgeschichte. Unter der sozialistischen Patina war sie eine Reformierte im Geist ihrer reformierten Ahnen. Nichts wies darüber hinaus. Das Vollbild hatte sich trotz Jugendweihe entfaltet.

Das alles purzelt gerade zum Vorschein. Ich wollte das gar nicht erzählen. Mein Anlass heute ist eine Kircheninschrift, die Fallada im „Strammin“ zitiert:

„Dat ken Kramer ist, de blief da buten. Oder ick schla em up de schnuten.“

Die gereimte Ansage beweist den Stolz der Händler in der Hochzeit der Hanse. Die Gilden traten in den Gottesdiensten geschlossen auf. Sie bildeten Cliquen in Kirchen und grenzten sich voneinander ab. Die Inschrift findet man in der Stralsunder Nikolaikirche. Ein liebreizender Keulenschwinger bewacht sie galionsfigürlich; den Ernst der Lage illustrierend. Ich habe mir das angeguckt. Ich war vor zwei Wochen in der Nikolai Kirche, die erbaut wurde, gleich nachdem Stralsund Stadtrecht bekam. Manchmal ist mir so, als wäre ich schon damals dabei gewesen.

12:35 24.06.2019
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