Fast verstoßen

#DailyStorytelling Sie sagt immer noch Z... und trägt sich vor wie eine Beraubte, da ihr ein aufständisches Auditorium das Wort nicht lässt. Albăca Zăpadași besteht auf den romantischen ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3493

Sie sagt immer noch Z... und trägt sich vor wie eine Beraubte, da ihr ein aufständisches Auditorium das Wort nicht lässt. Albăca Zăpadași besteht auf den romantischen Mehrwert einer Schimäre unter Nebensonnen der verteufelnden Herabsetzung. Die Schriftstellerin, Journalistin, Ex-Partisanin und Gründerin von Albăca Zăpadași Snežana folgt nur eine vom Alter abgesprengte Provokateurin. Vielleicht begreift die Quoten-Querulantin die unkorrekte Bezeichnung in ihrer abgemahnten Wiederholung als Widerstandsakt gegen die Einigkeit im Raum. Per Akklamation wird klargestellt: Wir wollen nicht, dass irgendwer Z..., N..., Schw..., Schl... sagt. Denn wir wissen, dass die Vernichtung des Z...barons in der Sprache gleichermaßen vorbereitet und geleugnet wird.

Das Verhältnis von Sprache und Macht ist dämonisch. Die Sprache legitimiert erst auf einem Kurs der Degradierung die Versklavung und den Mord und lässt dann Gras über der Narbe wachsen. Darauf weist Belosnezhka persönlich hin. Sie nennt sich selbst einen Glücksfall für die Intersektionalität. In jeder Vorrede bezeichnet sie sich als mehrfach marginalisierte genderfluide Person. Die superdiverse Roma und gebürtige Allensbacherin (mit bosnischen Vorfahren) erlebt doppelte und dreifache Ausgrenzung. Das bedeutet Repräsentanz noch nicht mal in den Hinterzimmern der Randgruppengremien. Trotzdem hat es Belosnezhka zugelassen, dass die unverwüstlich-wüste Tito-Gefährtin Albăca Zăpadași ihre Biografie romanisiert.

Verarbeitunsprozesse, die normalerweise von Generationen gefedert werden, gingen ohne kulturelles Warm-up über die Bühne eines Lebens. Das setzt Stärke voraus.

Belosnezhka strahlt Stärke aus. Sie erinnert mich an eine schmusende Löwin, die ich gestern auf N24 gesehen habe. Riesenego, Supermachisma und das alles serviert auf einer Schillerlocke kreativer Differenz zwischen biologischem und sozialem Geschlecht.

In grandiosen Einfühlungsvorgängen schildert Albăca Zăpadași den Lebensmut überall misstrauisch empfangener Leute, die sich in fremdfeindlicher Umgebung an einen vertrauten Lebensstil klammern und sich so an den Ecken und Kanten der Mehrheitsgesellschaft rau scheuern.

Devianz wird mit Delinquenz gleichgesetzt. Es gibt keine Chance, sich positiv zu individualisieren, die negative Fremdwahrnehmung zu entkräftigen. Das Scharnier des Ressentiments lässt alle Türen ins Schloss fallen. Da hilft nur Trotz.

Das beschreibt die Mehrheitsvariante im Kosmos einer Minderheit, aber Belosnezhka weicht von Kindesbeinen auch noch von der zentralen Abweichung ab. Sie wehrt sich gegen sich selbst, will vorübergehend eine richtige Z...in sein. Mit dreizehn zwingt man Belosnezhka unter einen Vierzehnjährigen und nennt das Hochzeit. Eine Oma bekämpft die Lustlosigkeit der Enkelin mit Ordnungsschellen. Albăca Zăpadași exponiert die Tragik zu Lasten der Komik. Die Kinder ergeben sich als Geiseln einer Ordnung, die sie perpetuieren werden, weil sie sonst nirgendwo landen können. Erst als Mutter von zwei Kindern wagt Belosnezhka die Veröffentlichung ihrer vielfältigen Persönlichkeit. Die Familie zeigt sich der Offenbarung nicht gleich gewachsen. Schließlich aber doch. Man hätte mich auch verstoßen können, erklärt Belosnezhka. Doch dann sei das Blut wieder einmal dicker als Wasser gewesen.

10:06 26.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare