Febrăshtriga

#Leben Das sind bloß Straßengeräusche, sie klingen aber, als würden Tausende die Blechdeckel antiker Mülleimer auf das Trottoir knallen, verstärkt von einer ...
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Vor meinem Fenster tropft das Hoflicht. Schon wieder fünf vor acht, ich habe zu lange am Rechner gesessen. Wenigstens Kino, denke ich. Ich nenne mich eine Pantoffelprimatin, weil ich am liebsten träge wäre. Zehn nach acht stehe ich an der Kinokasse, der Film, den ich mir vorgenommen habe, läuft nicht mehr. Ich habe falsch geguckt, und ohne Brille nutzt mir das Programmheft, das mir ein freundlicher Kassenbart anbietet, gar nichts.

„Ich habe meine Brille nicht“, erkläre ich.

Bart mustert schwer interessiert das lebende Fossil. Was sich die Evolution wohl dabei gedacht hat, die alte Blindschleiche auf der Teststrecke zu lassen. Die gehört doch längst in ein Eigenheim im Hinterland. Bart sagt an, was gespielt wird. Ich vernehme das leise Lachen am Ohr eines anderen (Wolf Wondratschek). Hinter mir staut sich der Verkehr. Ich unterbreche Bart, ich will nicht, dass er glaubt, Kino sei für mich bloß ein Hörvergnügen. Und vielleicht auch eine Gelegenheit, als Randerscheinung unter Leuten zu sein.

„In die Ferne sehe ich gut.“

„Dann guck „Merci Fever“. Ist ne ferne Sache, du kriegst Ermäßigung.“

Offensichtlich bin ich schon zu alt, um noch gesiezt zu werden. Ich folge der barrierefreien Empfehlung und sitze bald allein in einem Saal für zweihundert Leute. Kein Mensch will wissen, was in „Merci Fever“ los ist. Ich sage es euch, zuerst einmal ein unglaublicher Krach. Kakophonisch. Das sind bloß Straßengeräusche, sie klingen aber, als würden Tausende die Blechdeckel antiker Mülleimer auf das Trottoir knallen, verstärkt von einer Armada Presslufthämmer. „Merci Fever“ wirkt in den ersten Einstellungen wie ein Dokumentarfilm über eine Sekte, die sich auf den Transport von Aktenkoffern spezialisiert hat. Sekte deshalb, weil die Abläufe ritualisiert und vollkommen sinnlos erscheinen. Ein Hausmann übergibt einem Fahrradkurier einen Koffer, der bis zum Ziel, einer Großraumbürogattin, in vielen vagabundesk verschlissenen Verkehrsmitteln transportiert wird und dabei durch allerhand Hände geht. Was soll das?

Das ist eine Spezialsache. Die Spezialist:innen nennt man Febrăshtriga. Ihr unfehlbares, auf einem Farb- Buchstaben- und Zifferncode gründendes System wurde von Wissenschaftler:innen untersucht und bestaunt. „Untersuchungen haben eine Fehlerquote von nur einer Fehllieferung unter 16.000.000 Lieferungen ergeben.“

Eine unwahrscheinliche Fehllieferung dreht die Angel. Lucille Beaverman erhält einen Koffer, der nicht für sie bestimmt ist.

Gleich mehr.

11:05 08.03.2021
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