Deepwater Blue

#Leben Vilja liebt die Ferien im Hinterwald großelterlich-bescheidener Verhältnisse, über die sich ihre Eltern lustig machen.
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Vilja liebt die Ferien im Hinterwald großelterlich-bescheidener Verhältnisse, über die sich ihre Eltern lustig machen. In Wahrheit sind Oma und Opa auf eine solide und liebevolle Weise wohlhabend. Sie besitzen Immobilien, echte Werte, während für Viljas vom Familienkern abgesprengten Papa das Geld auf Bäumen wächst. Die Großeltern halten Tiere, die den Ansturm der ersten Begeisterung überleben. Die elterliche Menagerie stirbt in zwei Haushalten rasch im Trubel.

Viljas Mutter hat einen schweren Hau. Ihren Sprung in der Schüssel emailliert Jördis als Exzentrik. Dem Makel einer geringen Herkunft begegnet sie mit einer Art Fegefeuer für den Hausgebrauch. Alles ist Stampede und Oper, sogar die Fahrt mit dem Schlepplift zur Skischule. Ihre Markenklamotten schleift Jördis in Müllbeuteln durch Reykjavík. Ihre Wohnung gehört zu den Immobilien des Geschiedenen, der ständig vorstellig wird. Es ist eine Verbindung voller Pech und Schwefel. Die Ladung geht ständig hoch.

Jördis stellt sich zur Schau. Sie provoziert das Schamgefühl der Tochter. Vilja leidet unter den Exaltationen ihrer zum Schreien ungebildeten Mutter, die den gehobenen Sprech- und Schreibstil des verherrlichten Ex fehlerhaft imitiert.

Jahre später

Ölverpestetes Marschland, frustrierte Shrimps-Fischer, gebrochene Versprechen und verhallende Drohungen - 2012 fährt Vilja in einem Flachboot zum Sund von Plaquemines Parish im Bundesstaat Louisiana. Der Ölteppich auf dem Golf von Mexiko zerstört die Lebensgrundlagen an der Küste.

Erst kamen die Hurrikane und jetzt ist da die Ölpest. Es scheint, „als würde der Golf bluten“ (John Wathen).

Nach der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon erreichte der tödliche Teppich rasch Plaquemines Parish. Die Bewohner reagierten auf politische Sonntagsreden ungehalten. Man speiste sie mit Durchhalteparolen ab. Tony Hayward, der BP-Boss machte ein sorgenvolles Gesicht.

Vilja begutachtet die Katastrophe im Delta. In den zerstörten Kreisläufen der Natur läuft alles auf Tod hinaus.

Vilja exponiert die entscheidende Relation. BP hat zwar eine gigantische Zerstörungsmacht, aber kein Gegengift. Der Konzern kontert die Katastrophe mit der weltweit größten technischen Kompetenz im Zivilbereich. Seit dem Raumfahrtprogramm wurde nie wieder so ein Aufwand getrieben; während die Lösungen, zu denen man schließlich Zuflucht nimmt, die Durchschlagskraft von Kartoffelstempeln haben.

„Alles stirbt“, ruft eine Frau in der Bürgerversammlung.

Inzwischen ist Vilja eine in den Journalismus entlaufene Juristin. In den Kommandozentralen des Klimaaktivismus erscheint Vilja als Klima-Amazone der Tycoon-Klasse. In Wahrheit sammelt sie Informationen für die CIA.

Ihre Verehrer:innen sehen eine umwerfend schöne, hinreißend scheue, wie von Renoir gemalte Frau. Verführung ist die wahre Gewalt, sagt Schiller.

Gleich mehr.

13:58 05.03.2021
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