Feindliche Fehlleistungen

Julien Green Julien Green erlebt die Frühphase des Ersten Weltkriegs als Vierzehnjähriger angenehm angespannt
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Martialische Idylle

Julien Green erlebt die Frühphase des Ersten Weltkriegs als Vierzehnjähriger angenehm angespannt. Man hat keinen Verwandten an der Front, den man verlieren kannn. Den deutschen, bis auf den Stichtag bereits geplanten Einmarsch in Paris vereiteln feindliche Fehlleistungen.

„Wie dem auch sei, ich war zu Beginn des Krieges von 1914 nicht unglücklich.“

Julien Green, „Erinnerungen an glückliche Tage“, Roman, auf Deutsch von Elisabeth Edl, Carl Hanser Verlag, 22,-

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Der Autor kontrastiert die martialische Idylle mit dem Unglück der Anderen. Seine Schwester „Eleanor, die einen entfernten Abkömmling Byrons geheiratet hatte und in Triest lebte, mußte bei Eröffnung der Feindseligkeiten aus dieser Stadt fliehen.“

Green beschreibt die überstürzte Abreise. Man muss alles zurücklassen, Eleanor und ihr Ehemann Kenneth kriegen gerade noch das letzte Schiff nach Genua. Da bleiben sie bis zur nächsten Flucht.

„Im Juni 1940 mußten (sie) wiederum überstürzt aufbrechen ... wie sechsundzwanzig Jahre zuvor aus Österreich.“

*

Der ab- und herumschweifende Heranwachsende eignet sich den Krieg als Pubertätskulisse an. Green führt den Krieg zusammen mit seiner Lektüre und anderen Vorlieben. Die Krankenschwestern im Hotel Ritz* sehen in seinen Augen aus wie Engel.

*„Im ersten Weltkrieg wurden der 1910 erbaute Flügel an der Rue Cambon und die erste Etage des Flügels Vendome zu einem Hospital umgebaut ... (reiche Pariser:innen) schlossen ihre Häuser in Auteul und Neuilly und zogen ins Ritz. Sie hatten durch die Einberufung ihre Dienerschaft verloren; wer sollte die Öfen Ihrer Prunkbauten heizen?“ Quelle

Optimismus ist Pflicht. Nörgler werden zum Schweigen gebracht. Allgemein lebt man nach der Devise Le rire dans la rue, les pleurs à la maison - Gelacht wird auf der Straße, geweint Zuhause.

Green lebt weiterhin in seinem Erfüllungsrausch.

„Ich habe mich immer als Pariser gefühlt, nie als Franzose. Kurzum als Amerikaner aus Paris, was schon fast eine Nation für sich ist.“

Der häusliche Alltag vollzieht sich in der Wohngemeinschaft einer Pension. Green charakterisiert die Typen next door. Da ist eine heruntergekommene Baron, von Alter und Armut isoliert. In ihrer Gegenwart exaltiert sich eine Mexikanerin von unebenem Wesen.

„Ein alter Herr, Monsieur Dubuas, hatte bei unseren Mahlzeiten den Vorsitz.“

Dubuas kritisiert die alliierte Kriegsführung mit einer Neigung zum Defaitismus. Ein britischer Offizier quittiert die Rezensionen mit dem Spott der Aktiven. Er betrachtet die Gesellschaft, als nähme „er seine Mahlzeiten im Affenkäfig des Zoologischen Gartens“ ein.

10:52 17.05.2021
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