Feministischer Katalysator

#Leben Sie wächst zwar mit Blick auf die Skyline von Manhattan auf, doch bleibt für Anea Olavian der weltberühmte Stadtteil so unerreichbar wie ein Stern.
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Sie wächst zwar mit Blick auf die Skyline von Manhattan auf, doch bleibt für Anea Olavian der weltberühmte Stadtteil so unerreichbar wie ein Stern. Ihre Grenzen sind enger gesteckt als die Quartiersgrenzen von Williamsburg, einem New Yorker Village unserer Tage. Anea gehörte einer in Williamsburg ansässigen, der chassidischen Satmar Gemeinde benachbarten spiritistischen Gemeinschaft (an), in der es für sie nur Unterwerfung in frauenverachtender Lebensstrenge gibt.

Anea gelingt der Durchbruch ins Freie. Seither exponiert sie exemplarische Lebensläufe, in denen die Katharsis der Selbstbefreiung zu einem feministischen Katalysator wurde. Wenn Anea erklärt, dass auch in England Mädchen verstümmelt werden, erzeugt das Fassungslosigkeit. Männer brechen in Stuhlkreisen unter der Last des Begreifens zusammen, nachdem Anea ihnen sehr drastisch klargemacht und vorgeführt hat, wie die brutal-primitive Chirurgie praktiziert wird und was sie anrichtet. Anea spricht darüber auch mit weiblichen Massai, die selbst verstümmelt wurden und nun für ihrer Töchter zu Schutzschildern werden.

Die japanische Künstlerin Rokudenashiko wurde vor Gericht gezogen, weil sie ihre Vagina zu einem Gegenstand der Kunst gemacht hat. Während die japanische Pornografie schrankenlos ist und es ein alljährliches Penisfest gibt, bei dem viel phallisch modelliertes Eis verzehrt wird, hält man Rokudenashikos skurrile Kommentare für obszön. In dieser Einschätzung, so sagt es die Künstlerin, offenbart sich die institutionalisierte Diskriminierung des weiblichen Geschlechts. Der Wunsch, die genitalen Dimensionen von Frauen so wie ihre Sexualität mit Scham zu besetzen und an Erniedrigung zu binden, kommt aus einem Feindbild, das zumal in Religionen überlebt. In allen Weltreligionen werden Frauen als Gefahr für die (patriarchale) Ordnung dargestellt.

„Was wir Gottes Wort nennen, sind Behauptungen von Männern.“ Deborah Feldman

Anea privat

Lange ist das Glück für Anea nicht nur der Spatz in der Hand. Sie weiß sich geliebt, wenn auch nur von einem ambitionierten Autohändler ausgerechnet aus Detroit. Jack strotzt vor Umsicht und Fürsorge. Sein Versorgerstolz platzt aus allen Anzugnähten. Er liebt Anea in ihren Stimmungen. Im Gegenzug reihert sie (weggetragen von superben, semi-somnambulen Anwandlungen) zu seinem Vergnügen in die Beifahrerbeinfreiheitszone. Dann setzt Jack den allzeit sportlichsten seines Hauses in das strikteste Halteverbot und widmet sich Anea mit schmiedeeiserner Hingabe. Findet er sie nicht überzeugt genug von seiner Ergebenheit, greift Jack das Fahrzeuginterieur an, zu einem (im Hinterland der Liebe) womöglich doch hinfälligen Beweis des Bedeutungsgefälles zwischen Anea und der aktuellen Karre.

Kann ein Mann die solide verankerte Mutter seiner Kinder auch noch nach achtzehn Jahren Ehe so begehren, wie es die bald vierzigjährige Anea mit allen Fasern ihres sinnlichen Seins unbedingt braucht?

Das ist die Mutter aller Fragen. Aneas Sätze perlen wie Champagnerblasen. An jedem Seufzer baumelt eine Pointe. Überall lauern Essenzen. Anea serviert Weisheiten auf Schmachtfetzen.

Gleich mehr.

17:28 09.02.2021
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