Filicide am Vatertag?

True Crime Unfall oder Mord? - Helen Garners Prozessbeobachtungen “Drei Söhne” schildern durchgreifend den Einbruch des Grauens in einen australischen Kleinstadtalltag
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Am Vatertag 2005 versinkt im Bundesstaat Victoria ein vom Princes Highway abgekommener Commodore, Baujahr 1989, in einer vollgelaufenen Baugrube. Während sich der Fahrer Robert Donald William Farquharson, Jahrgang 1969, retten kann, ertrinken seine drei Söhne Jai, Tyler und Bailey. Unfall oder Mord? Auch ein erweiterter Selbstmord könnte misslungen sein. “Why did Bob Farquharson take an evil turn on that country road?”, fragte ein Journalist im Johnny Cash-Stil. Die Klärung dieser Fragen vor dem höchsten Gericht Victorias dokumentiert Prozessbeobachterin Helen Gardner, nach einer Klappentextbehauptung, in der Manier von Capotes “Kaltblütig”. Gardner zeichnet das Bild eines mit Sertralin vertrauten Teilzeitverstimmten guten Willens, der über seine Verhältnisse geheiratet und dann die Strapazen einer übertourigen Existenz wohl nur durchgestanden hatte. Ihn sprengte der Rahmen eines tendenziell unterdurchschnittlichen Lebenszuschnitts. Schließlich wurde er seiner Frau Cindy zu fad, sie tauschte ihn gegen einen virilen Superchristen aus und retournierte Farquharson zum verwitweten Vater ein paar Häuser die Straße rauf oder runter, je nach Ansicht der Lage. Gardner schildert das so sardonisch oder die Übersetzung von Lina Falkner pointiert das Durchhängende des kleinen Mannes mit dem großen Namen eines schottischen Clans. Farquharson, inzwischen erhielt ihn die Raumpflege, könnte das als Demütigung erlebt und auf Rache gesonnen haben, zumal er den überlegenen Rivalen in seinem Haus leben und in einem Auto fahren sah, dass zum Fundus gemeinsamer Anschaffungen gehörte. Schauplatz der sich anbahnenden Katastrophe ist Winchelsea. Die australische Kleinstadt heißt so nach einer noch kleineren Stadt in der englischen Grafschaft East Sussex. In Winchelsea kennt man Farquharson als antriebsschwach und kinderlieb. Es gibt genug Leute, die ihm glauben, dass er ohnmächtig war, als das Fahrzeug die reguläre Bahn verließ. Er findet Rückhalt vor Gericht nicht nur bei seiner Familie, sondern auch bei Angehörigen seiner Ex-Gattin, die sofort nach der Trennung, wie um einem Omen zu entfliehen, zu ihrem Mädchennamen Gambino zurückkehrte. Zweifellos hatte sie Farquharson gedrängt, einem nicht vorhandenen Ehrgeiz Rechnung zu tragen, etwa mit einer Konzessionsverkaufsunternehmung, die das Paar auf einen Schuldenberg führte. Unten angekommen hatte man geheiratet und einer Familie Raum gegeben. Beim Bau eines größeren Hauses war der Betonarbeiter Stephen Moules reizvoll in Erscheinung getreten: “Betongießen ist dramatisch. Es erfordert Geschick, Schnelligkeit, Kraft und das souveräne Bedienen der Maschinen; und es ist durch und durch ... maskulin, dass jede Frau und jeder kleine Jungen hingerissen sind vor aufgeregter Bewunderung.”
Na gut, das kann man nur so stehen lassen als Beweis dafür, dass Garner keine Capote ist. Dem analytischen Dünnpfiff zum Trotz lesen sich der Prozessbericht und die Wasserstandsmeldungen aus der Umgebung der Katastrophe flott herunter. Die Trennung des Ehepaars Farquharson vollzog sich harmonisch, der Ausgemusterte durfte seine Kinder so oft sehen wie er wollte und auch ein altes Auto durfte er behalten. Fortan hörten die einen seine Ranküne rumoren. Andere hörten etwas anderes. Am Ort des Grauens verhielt er sich dann untypisch für einen Vater, der den denkbar schwerwiegensten Unfall verursacht hat, doch typisch für einen Untüchtigen. Es gelang ihm, das Naheliegende zu unterbinden und etwas Abwegiges zu forcieren. Sollte in der Reihenfolge mehr Kalkül als Verwirrung gesteckt haben?

Helen Garner, “Drei Söhne - Ein Mordprozess”, Dokumentation, Berlin Verlag, 352 Seiten, 20,-

10:01 28.08.2016
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