Fluchtpunkt Kaiserslautern

Berlin/Kulturbrauerei Zwei Debütanten dieses Frühjahrs, der Berufsschullehrer Tijan Sila, Jg. ‘81, und der Journalist Arno Frank, JG. 71, lasen aus ihren Romanen
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Die Moderatorin verspricht einen Doppelschlag der Debütanten. Sie kämmt ein paar Flöhe der Ähnlichkeit aus sehr verschiedenen Pelzen. Immerhin haben beide Autoren eine Fluchtgeschichte, die in der Pfalz endete. Bei Arno Frank fing sie da auch an. Wie sein Held in “So, und jetzt kommst du”, wuchs er kurz vor Kaiserslautern auf. Folgt man der biografischen Spur, die er in der taz legt, dann erlebte ihn Marburg in den Neunzigern als Student, der Geld “auf dem Bau” verdiente und nebenbei “den Arbeiter“ studierte. “Der trank schon morgens Mariacron, um den Stumpfsinn zwischen Steinwolle und Rigipsplatten überhaupt aushalten zu können.” In seiner Freizeit nahm Frank Kassetten auf, Kult war ein Schlagfertiger des Südwestens, Elmar Hörig, dem der Ex-Verehrer in einem offenen Brief unjüngst die Leviten las und just jenen Rassismus vorwarf, mit dem er selbst aufgewachsen ist. Das kommt alles im Roman vor, so wie in Franks Spiegelonline-Artikeln. Der Autor scheint von den vielen Möglichkeiten der Selbstverwurstung völlig ergriffen zu sein. Zuletzt bekannte er auf der taz-Wahrheitsseite: “Ich bin ein Arschloch. Tut gut, das einmal so rundheraus einräumen zu dürfen, frei „von der Leber weg“. ... Mein Talent zum Arschloch war mir schon in die Wiege gelegt, denn meine Eltern waren beide ebenfalls Arschlöcher. Arme Arschlöcher, wohlgemerkt.” Eines Tages packen die alten armen Arschlöcher ihre Brut in den Benz und stellen Ferien für immer in Aussicht. Sie haben eine Budget von dreihunderttausend unterschlagenen D-Mark und lassen es krachen bis zur Pleite. Der Vater, ein Gebrauchtwagenhändler mit hochstaplerischen Neigungen, hebt die Vorzüge eines gemeinschaftlichen Selbstmords hervor. Ganz anders zeigt Tijan Sila seine Heldeneltern in “Tierchen unlimited”. Das sind mustersozialistische Vorzeigeakademiker, Gläubige mit Sendungsbewusstsein. Energische Moralisten. Plattenbaubewohner aus Überzeugung. Distinktiongewinne erzielen sie in Akten hausgemeinschaftlicher, von volkstümlicher Wortwahl beschwingter Solidarität. Sie teilen das Leid der in Sarajevo Belagerten ab 1992. Sila: “Im Krieg herrscht ein Klima der Krankheit. Ich denke, die Metapher ist valide. In Sarajevo gab es Krankheiten, die ich vor dem Krieg für Fiktion gehalten habe.”

Silas namenloses Ich ist ein Kind der Spielregeln, ein solvent den Verhältnissen angepasstes “Tierchen”. Viel besser verfugt, als die geistig im Gestern siedelnden Eltern. Während Arno Franks Arno sagt: “Mein Herz ist ein Kaninchen, das langsam erdrosselt wird”, saugt Silas Erzähler Identität aus einer komplex definierten, mächtig hochgehaltenen, ständig mit Händen und Füßen verteidigten Zugehörigkeit. Das ist der Lohn einer totalen Eingliederung in Verhältnisse mit wenigen glimpflichen Ausgängen. Da beschließt das Kraftwerk namens Mutter und Vater in einem anderen Land von vorn anzufangen.

Entwurzelung ist das rentabelste Sujet der Migrantenliteratur. Doch liefert Sila vorsätzlich nichts zu diesem Themenkreis. Auch will er sich nicht gemein machen mit Balkanfolklore, die so deutsch sei wie das Wort Handy. “Bei uns (in unserem Block der Plattenbausiedlung) gab es keine Balkanpartys. Wir haben Heavy Metal gehört.”

Die Jungen im Block sind Freunde von Geburt an. Mit den Töchtern und Söhnen der bosnischen Arbeitsimmigranten hat Sila wenig gemeinsam. Den Umzug nach Deutschland beschreibt er als eine Form von höherem Blödsinn - und als biografischen Kurzschluss der Eltern. Der Vater, ein Bibliothekswissenschaftler, kann kein Deutsch, und die Physikerin, mit der er verheiratet ist, wird von der deutschen Arroganz in den Suhlen der freien Mitarbeit um ihren erstklassigen Stallgeruch gebracht.

Anders als Frank, der die traurige Wahrheit eines vom Hochstapler an die Wand gefahrenen “Nachwuchsarschlochs” einer direkten Entnahme aus der Blechbüchse des Privaten verdankt, legt Sila großen Wert darauf, einen Roman geschrieben und nicht verkappt “die eigene Geschichte aufgearbeitet” zu haben. Die Prozesse der Bewältigung eines harten Aufschlags in der Pfalz waren zum Zeitpunkt der Niederschrift abgeschlossen. Er orientierte sich am Simplicius Simplicissimus. Die erzählerische Einfalt deckt nur Durchtriebenheit ab.

Der narrative Kern von “Tierchen unlimited” rotiert um die Kriegserfahrungen. “Gesichter (veröden) zu Tiefbunkern” unter dem Eindruck unabwendbarer Gewalt. Die Stromzufuhr reguliert Abläufe, die von Comicstudien, Computerspielen und Beschaffungsakten bestimmt sind. “Der Krieg änderte alles, auch unser Vorgehen beim Obstklau.” Schließlich passiert die Familie den letzten Verbindungsgang der bosnischen Hauptstadt mit der Außenwelt. Der von Grundwasser bedrohte, achthundert Meter lange Tunnel liegt unter einem als UN-Schutzzone ausgewiesenen Rollfeld, der Erzähler verliert unterwegs immer wieder das Bewusstsein. Zumindest empfindet er so. Sila zerlegt den Zustand zwischen echter Ohnmacht und effektiver Realitätsflucht als einer Grenzerfahrung im Spektrum “Erinnerungen gebärender Erinnerungen”, bloßer Imagination, mit Fantasie gefüllter traumatischer Lücken und schlichtem Vergessen von Einzelheiten, so wie vollgelaufene Vertiefungen im Stollen, in denen ein Kind ertrinken konnte.

Darauf besteht Sila: Frei erfunden sei alles außer der Unterquerung des Flughafens, an die er sich allerdings nur falsch erinnern könne - wie sein als Zeuge aus der Pfalz nach Berlin gekommener Bruder mit brüderlichen Beispielen für amnestische Episoden zu belegen wüsste. So spricht ein Schelm im Geiste des Simplicissimus. Inzwischen dreht der Sohn eines schneidigen Versagers hart am Rad von Geschwistern beglaubigter Erinnerungen. Wenn Vater Frank am Steuer eines Renault Alpine Kurven im Röhrl’schen Rallyestil nimmt und sich das kleine Arschloch Arno daneben wie ein Profibeifahrer mit dem Klemmbrett auf den Knien vorkommt. “Die Fehlzündungen klingen wie Pistolenschüsse.”

Der Apfel fällt nicht weit. Warum aber versteckt die unbelastete Frau Frank ihren “Monsieur Frank” vor der Polizei im Schrank? Es soll Liebe im Spiel gewesen sein, gibt Frank an, sich auf Einschätzungen von Verwandten berufend. Angeblich waren die Verwandten an der Verschriftlichung ihrer Geschichte beteiligt. Die Mutter vermuteten sie “in der inneren Emigration”. Im Roman lächelt sie jede Katastrophe in Grund und Boden. “Vergisst (sie), ihr Lächeln auszuschalten”, glüht es gefährlich weiter wie ein stromintensiver Heizstrahler. In Sarajevo wurden als Engpasslösung ganze Bulthaupküchen verheizt. Ein Sack voll Scheite kostete zweihundert Euro. Plötzlich geht mir ein Licht auf und ich verstehe mein Interesse an “Tierchen unlimited” besser als zuvor. Sila geht im Roman der Frage nach, was einem in den Überlebensmodus geschalteten Menschen in der Dekompression ziviler Verhältnisse widerfährt, solange er in seinem inneren Verhau verharrt.

Tijan Sila, “Tierchen unlimited”, Roman, Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 18,-

Arno Frank, “So, und jetzt kommst du”, Roman, Tropen, 351 Seiten, 22,-

09:28 19.03.2017
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