Fortune und Disziplin

Constanze Neumann - „Wellenflug“ - Die Aufsteigerin Anna Reichenheim weiß, was nötig ist, um eine Position an der Spitze zu halten: Fortune und Disziplin
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Sie setzt den Spitzenklöppeleien der Berliner Gesellschaft Glanzlichter auf. Die Tochter eines schlesischen Tuchhändlers rangiert in der Sphäre der Happy Few des deutschen Kaiserreichs. Anna Reichenheim weiß, was nötig ist, um eine Position an der Spitze der sozialen Nahrungskette zu halten: Fortune und Disziplin.

Constanze Neumann, „Wellenflug“, Roman, Ullstein, 22,-

Das selbstzüchtige Programm verfängt nicht bei Anna Sohn Heinrich. Der Junge will nicht lernen. Er macht seine Unlust zum Maßstab. Er versagt und verhüllt das Ungenügen im Mantel der Verachtung.

Anna findet ihren Sohn Heinrich „ziel- und verantwortungslos“.

Heinrich reüssiert am Spieltisch. Er besucht Varietés. Er eiert einer ungewissen Zukunft entgegen. Auf einem seiner Streifzüge verliebt er sich in die (in Berlin hart aufgeschlagene) Provinzschönheit Marie Stahmann. Er kommt ihren geringen Bedürfnissen so energisch entgegen, dass Marie die Fürsorge schier überfordert. Bald heißt sie Reichenheim und zwar Mary Reichenheim, da das Paar nun in New York lebt.

Die Büste der Nofretete

Anna ist an der Spitze der Berliner Gesellschaft angekommen und weiß nur deshalb, was ihre Küche gekostet hat, weil die Summe in einer Zeitung Erwähnung fand.

„Sie hatte (nach) ihrer Hochzeit aufgehört, über Geld nachzudenken.“

Anna lebt im Herzen des Berliner Westens, dem Tiergarten nah. Ich war vorhin in der Gegend. Sehen Sie selbst auf

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Eingebetteter Medieninhalt

Ein Schlesier unter Sachsen: das war der Tuchhändler Isidor Eisner, bis er als Vasall des Industriebaronats Reichenheim in Berlin groß herauskam.

„Leonor Reichenheim (1814 - 1868) war ein deutsch-jüdischer Unternehmer und Mitglied des Reichstags des Norddeutschen Bundes.“ Wikipedia

Von Kindesbeinen ist Anna Eisner mit dem Patrizieradel verbunden. Sie gehört zu einem Klan, ohne eine Ahnung von dem Schirm zu haben, der sie schützt. Leonors Bruder Louis Reichenheim vertraut Isidor Eisner wie einem Consigliere. Er begrüßt die Ehe der Eisner-Tochter mit einem seiner Söhne, der sie beinah umgehend zur Witwe macht. Anna heiratet einen Bruder des vorzeitig Verstorbenen. Mit Julius erreicht sie das großbürgerliche Vollbild als Mutter einer Tochter aus erster und eines Sohnes und einer Tochter aus zweiter Ehe. Die Schatten der Lebenden verdunkeln das Schicksal eines Kindes, das nicht im Spiel blieb.

Anna avanciert zur Gastgeberin der bedeutendsten Köpfe im wilhelminischen Kaiserreich. Die Gründerzeit gibt den Takt vor. Die Industrialisierung schreitet mit Siebenmeilenstiefeln voran. Der technische Fortschritt verspricht Erlösung von allen Übeln. Julius eifert James Simon nach. Simon überragt die Herausragenden. Er finanziert die Eskapaden des irren Wilhelms und vermacht nebenbei dem Ägyptischen Museum die Büste der Nofretete.

Entrepreneure der Champions League entwickeln eine Zeichensprache der Statussymbolik.

Das Idol des Vaters - Was zuvor geschah

Der Geheime Kommerzienrat Louis Reichenheim verkörpert einen Epochentypus. Doch behält der zur Assimilation strebende Gründervater seine Kraft für sich. Die Schwäche seiner Söhne schlägt ihn. Sein ungeheurer Optimismus und die Bereitschaft, Brücken hinter sich abzureißen, die weit in die Vergangenheit ragten, lässt ihn wie einen Baal im Frack erscheinen. Die (zu Beginn der Geschichte elfjährige) Erzählerin Anna erkennt in dem Großkaufmann das Idol ihres Vaters; einem vor lauter Ordnungsliebe mitunter rappeligen Unternehmer.

Annas Vater handelt mit Stoffen erster Güte. Isidor Eisner trägt sich elegant stets nach der neusten Mode. Ein Fleck auf dem Anzug treibt ihn in die Fassungslosigkeit. Er hat sich aufgeschwungen und aus eigenem Witz nach oben gebracht. Im Augenblick lebt der Schlesier mit seiner Familie beinah fabelhaft in Leipzig. Die Waren kommen über den Brühl. Drei Messen gliedern jedes Jahr. Die Branchenhöhepunkte führen Reichenheim mit einer Auswahl an Angehörigen zu seinem ehemaligen Kontoristen, der ihn wie einen Fürsten bewirtet. Gern bringt der europaweit agierende Mogul seiner „kränkelnden“ Söhne mit. Ihre Hinfälligkeit ist ein jiddisch diskutiertes Küchenthema. Dabei steht Jiddisch auf der Verbotsliste im Haus Eisner.

Im Anpassungsfuror gilt die Verleugnung des Hergebrachten als hausherrische Obsession. Die Augurinnen (und Hüterinnen des Herds) warnen: „Gadles ligt ojfn mist. - Hochmut liegt auf dem Mist.“

1867 verliert Anna eine Schwester.

*

Die Meister einer neuen Zeit ignorieren Unkenrufe der Subalternen. Sie werfen die Marken ihrer Herkunft ab, nehmen christliche Namen an und tanzen um die Goldenen Kälber der Berliner und Leipziger Hipster:innen. Die soziale Wahrheit schleicht sich von hinten durch die Faust ins Auge der Betrachterin Anna. Zig Mal war eine Schulfreundin namens Clara bei ihr zuhause, Anna aber noch nie zu Besuch in Claras Elternhaus.

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

»Das faszinierende Doppelporträt zweier höchst unterschiedlicher Frauen. Genau recherchiert und opulent erzählt Constanze Neumann das Schicksal einer zerstreuten Familie, deren Geschichte mit der deutschen untrennbar verbunden bleibt.« Julia Franck

Als ihr Sohn Heinrich 1881 zur Welt kommt, setzt Anna Reichenheim große Hoffnungen auf diesen Erstgeborenen. Doch Heinrich schert sich nicht um die Konventionen seiner großbürgerlichen jüdischen Familie. Er erliegt den Verlockungen des Berliner Nachtlebens und verliebt sich in die ganz gewöhnliche Marie, die seine Mutter nicht akzeptieren kann. Gemeinsam suchen Heinrich und Marie in den USA ihr Glück, bis der Erste Weltkrieg sie zurück nach Deutschland holt. Sie bleiben ausgeschlossen aus der Familie, auch als die Schatten der Weltwirtschaftskrise und des aufkommenden Nationalsozialismus sich über das Land legen. Anna stirbt 1932 unversöhnt mit Heinrich, nicht ahnend, was ihrer Familie bevorsteht. Während seine Geschwister fliehen oder vertrieben werden, bleibt Heinrich in Deutschland zurück. Wieder ist es Marie, die ihm Halt gibt, als sie ums Überleben kämpfen.

***Ein feinfühliger Roman über zwei ganz unterschiedliche Frauen, über zwei Leben reich an Liebe und Verlust in einem Jahrhundert voller Extreme.***

Zur Autorin

Constanze Neumann, geboren in Leipzig, studierte Anglistik, Romanistik und Germanistik. Sie lebte mehrere Jahre in Palermo und arbeitete dort als Übersetzerin. Heute leitet sie einen Berliner Literaturverlag. Ihren ersten Roman Der Himmel über Palermo (2017) zählte die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu den schönsten Romanen der Saison.

13:05 01.09.2021
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