Fragwürdige Privilegien

Feminismus Roxane Gays Essaysammlung „Bad Feminist“ verdient eine ausholende Würdigung. Die ersten Bemerkungen.
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„In meinen dunkleren Zeiten weiß ich nicht, was schrecklicher ist – Schwarz zu sein oder eine Frau zu sein. Ich bin froh, dass ich beides bin, aber die Welt kommt mir immer wieder dazwischen.“

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Die Studierenden können mit ihr nichts anfangen. Die einzige Schwarze Professorin im Department sieht zu sehr wie eine von ihnen aus. Roxane Gay erscheint viel zu unangepasst, um als Autorität durchzugehen. Sie erfüllt ihren ersten Arbeitsvertrag in einer Stadt, die sich ihr darstellt als „ein flaches, verschrammtes Stück Land mit halb aufgegebenen Ladenzeilen“.

Roxane Gay, „Bad Feminist“, Essays, aus dem amerikanischen Englisch von Anne Spielmann, btb, 415 Seiten, 10,-

Ihren aus Haiti eingewanderten Eltern verschweigt Gay das meiste. Der Aufsteigerehrgeiz bestimmt alles in der Familie. Es geht um Bildung und Status. Drei Mal besser sein zu müssen als alle Konkurrent*innen, um nur in die engere Wahl gezogen zu werden, zählt zu den Selbstverständlichkeiten. Das soziale Durchsetzungsvermögen erhöht die Lebensspannung. Ein traumatischer Antrieb ergab sich für Gay beim ersten Besuch der Herkunftsinsel ihrer Eltern. Die Armut der Zurückgebliebenen löste den Schock aus. Seither findet sie jedes Privileg fragwürdig.

„Fragwürdige Privilegien“ überschreiben einen Aufsatz über den trickreich aufgestachelten Lerneifer der Elevin. Fremd ist ihr die soziale Lethargie anderer von institutionalisierten Degradierungen Bedrohter; die Bereitschaft von Deklassierten, mit Secondhandlösungen vorliebzunehmen.

Warum lernen die nicht, fragt sich die Heranwachsende. Ein paar Jahre spät stellt sich die Frage im Zusammenhang mit den Studierenden. Gay beobachtet beschriftete Körper und weitere Trauerspiele der Selbststigmatisierung. Sie fürchtet, eine schlechte Feministin zu sein, weil sie zu sehr bei sich ist – zu individuell und inkonsequent in ihrem Lifestyle. So erwischt sich Gay dabei, wie sie heikle Texte mitsingt; sich dazu einen anderen Kontext erträumend.

Gay hat das Mittelstandsportfolio in Schwarz. Das gibt Auftrieb und ist Auftrag, gerade da, wo der intersektionale Diskurs ihr die Argumente besorgt.

1989 prägte Kimberlé Crenshaw den Begriff der Intersektionalität, um das Zusammenspiel von unterschiedlichen Unterdrückungsformen zu beschreiben. Seitdem arbeitet die US-amerikanische Rechtswissenschaftlerin daran, unsichtbar gemachte Bevölkerungsgruppen, allen voran Schwarze Frauen, in ihren komplexen Lebenswirklichkeiten sichtbar zu machen. Intersektionalität erlaubt inklusiv politisch zu arbeiten. Crenshaw hat bereits unzählige Menschen inspiriert und in ihrem Kampf um Gerechtigkeit unterstützt und gestärkt.

„Intersektionalität ist kein Universitätssport, sondern eine Handlungsanleitung für soziale Gerechtigkeit.“

„Wenn Leute behaupten, ich wirke spaltend, entgegne ich: Was ich zu tun versuche, ist sicherzustellen, dass die Spaltungen, die es gibt, uns nicht davon abhalten, eine bessere Welt zu erschaffen.“

Es gibt keinen Feminismus, der Rassismus ausklammert. Intersektionalität ist „a way of seeing“; „ein Depot voller ungehörter Geschichten“; eine Kraftquelle und ein Fundus der Gegenrede – backtalk.

„Die Widerrede hat mich zu einer politischen Person gemacht.“

Das alles sagt auch Gay als von Qualifikation & Alter zur Zuständigkeit berufenen Tochter in der Generationsfolge des intersektionalen Feminismus. Sie bringt Bekenntnismut auf und beschreibt ihre Ambivalenzen als Lehrende und als Vorbild einer noch in den Kulissen schlummernden Avantgarde des Engagements.

Gay fühlt sich gehasst und gejagt vom Hass der Studierenden, der aus dem Desaster der Orientierungslosigkeit kommt - und aus der Aussichtslosigkeit. Jede Universität ist ein Labyrinth, in dem manche Aufsteiger*innen in die Irre gehen.

Davor war Gay gefeit. Ihr Elternhaus ist eine Prägeanstalt für jene Münzen, die in Academia zählen. Das lässt sich nicht immer gleich gut verkraften, hängt daran doch die Forderung, maschinenhaft über sich hinauszuwachsen und jede Herausforderung anzunehmen. Gay macht sich mit Gin Tonic locker, dreht auf leger in einer möbelfreien Bude und verausgabt sich auf Scrabble-Schlachtfeldern.

Bald mehr.

12:01 25.06.2019
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