Frankfurt im Dezember

Frankfurt am Main Störrisch stellte sich Lara die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Literatur
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Frankfurt im Dezember. Im Operncafé lief „April in Paris“, Lara erzählte, was sie in Paris machen würde, dachte ich, bis ich begriff, dass sie Anne Sexton zitierte:

„Wir werden die Preise auf den Speisekarten der kleinen Cafés vergleichen, Francs zählen, den Turm betrachten, in dem Marie Antoinette ihrer Enthauptung, vor der Fensterrosette von Notre Dame knien.“

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Störrisch stellte sich Lara die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Literatur; der vom Ramsch der Ideologien in ein Klischeegatter gezwungene Siebzigerjahrezeitgeist hatte auf die Literatur eingeschlagen und ihre Urheber:innen betäubt. Es gab nicht viele Titel aus der Ära westdeutscher Demokratieerweiterung mit Radikalenerlass und Berufsverboten, die historisch standhielten.

„Willst du mit zu Judy Winter?“, fragte ich Lara später auf dem Opernplatz. Sie hatte noch eine halbe Stunde, es sich zu überlegen. In ihr überstürzten sich Wünsche und Erwartungen, sie erwartete ihren Mann am nächsten Vormittag. Manchmal fand sie einen zeitlichen Abstand zwischen mir und ihm nötig. Manchmal wechselte sie in Minuten von einem zum anderen, mit dem Geruch des anderen eine nicht dechiffrierbare Störung weitertragend. Vorsichtshalber trug ich kein Parfüm auf.

Da stand sie. In ihrer Jeansjacke, die Lara schmal und unglücklich wie eine Rebellin ohne Grund aussehen ließ. Zugeknöpft bis obenhin, den Kragen aufgestellt. Wie zum Ausgleich für zu wenig Schlaf hatte sich ihrem Gesicht der Ausdruck einer Schlafenden eingeprägt.

Ich zog Lara zur nächsten Zapfanlage, ich drängte mich auf. Wir waren beide zu Verbrechern geworden.

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