Früh abgeklärt

Tomas Venclova stellte in der Kreuzberger daadgalerie sein neues Buch „Der magnetische Norden - Gespräche mit Ellen Hinsey. Erinnerungen“ vor
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Früh abgeklärt
Ralf St.//Flickr (cc)

1976 gründete er die litauische Abteilung der internationalen Helsinki-Gruppe. Die Organisation forderte die Durchsetzung von Freiheitsrechten auf dem Territorium der UDSSR, die in der KSZE-Schlussakte 1975 garantiert worden waren. Sein Engagement zwang den 1937 in Klaipėda (Memel) geborenen Tomas Venclova zur Auswanderung. Der Dichter stammt aus einer engagierten Familie, sein Vater war Bildungsminister und Stalinpreisträger. Das erzählt Venclova in der Kreuzberger daadgalerie. Er schnurrt vor sich hin, der Termin dreht sich nicht nur um die Vorstellung seines neues Buchs „Der magnetische Norden - Gespräche mit Ellen Hinsey. Erinnerungen“. Die kollaborierende Autorin und der SZ-Journalist Lothar Müller sekundieren. Ferner ist da Durs Grünbein, Venclovas berufenster deutscher Deuter. Er nannte Venclova an anderer Stelle einen diskreten, an Moden vorbei produzierenden, innerlich wunderbar gefassten Dichter, der in den UDSSR-Wettbewerben inverser Bedeutungen (in einer Sprache der Verbergung) stets erste Plätze belegte. Vielleicht muss man in einer Diktatur zur Schule gegangen sein, um die stolze Lust am Kassiber zu begreifen.

Der aktuelle Titel bespielt den Deklinationswinkel zwischen dem geographischen und dem magnetisch nomadisierenden Norden. Er zitiert den Dichter: „Wie der Magnet die Magneten, so zieht dass Unglück mich an.“ Die in Paris lebende Amerikanerin und der in Amerika lebende Litauer kalibrierten transkontinental ihre Kompasse für epochale Verwerfungen und Verheißungen. So weit sind wir schon im 21. Jahrhundert, dass die jungen Leute von gestern heute als Jahrhundertfiguren ins Kronzeugenkabinett berufen werden.

Grünbein liest aus „Gespräche im Winter“ ein Gedicht des Älteren. Es spricht das 20. Jahrhundert als black century an. Die Entwürdigung der Leiber in Vernichtungsautomaten lieferte hier noch einem unmöglichen Vers nach Auschwitz die Inspiration. Der Tod als Familienmitglied, der den größten Teil der Wohnung einnimmt: das Bild graviert die Stirn eines Gedichts, das von Dantes Inferno ausgeht: Nel mezzo del cammin di nostra vita - Auf der Mitte unserer Bahn durch das Leben mi ritrovai per una selva oscura ché la diritta via era smarrita - Musst ich in Waldesnacht verirrt mich schauen, da ich den Pfad verlor des rechten Strebens. Grünbein liest „An den Seen“, der Umriss einer Krähe „schimmert wie die Quecksilbersäule im Glas des Thermometers“. Venclova schrieb das Gedicht am Wannsee, „im friedlichen Winkel Europas“, so listig der Dichter, siehe Wannseekonferenz - „die Vergangenheit bringt keine Erleuchtung“.

Vilnius sei das Jerusalem des Ostens gewesen. Das wiederholt Venclova, der sich nach dem deutschen Rückzug der Sowjetunion begeistert verschrieb. Er ignorierte die Desillusionierten. Stalin hatte Hitler bezwungen und das Baltikum vom Eis der deutschen Kulturüberheblichkeit befreit.

Der niedergeschlagene Ungarnaufstand 1956 eröffnet Venclovas Publikationsstrecke. Das gescheiterte Volksbegehren macht aus dem Komsomolzen einen Dissidenten. Venclova spricht von „der plötzlichen Einsicht, getäuscht worden zu sein. Ungarn war für mich das, was für Orwell und Hemingway der Spanische Bürgerkrieg gewesen war - das Ende der Gläubigkeit.“

Im roten Kreis der Anna Achmatowa- und Ossip Mandelstam-Erben steht Venclova stoisch neben Joseph Brodsky und Czeslaw Milosz. Müller vergleicht die Konstellation mit einem Rhizom der wechselseitigen Befruchtungen und Förderungen. Venclova geht nach Moskau, um der Macht nah an ihr zu zweifeln. Einen Wohnsitz in der Höhle des Löwen behauptet auch Nadeschda Mandelstam, die für den früh Abgeklärten, moralisch aber empfindlichen Venclova zur Instanz wird. Ihre Tapferkeit vor dem Feind findet er vorbildlich. Nach Brodsky ist Ossips Witwe in der UDSSR allein deshalb versprengt, weil „die zehn Gebote (für sie) Bedeutung haben“. Venclova trifft den hart angegangenen Boris Pasternak, der ihm als Romancier wenig sagt. Der Jungdichter ist kein Blumenkind. Bezeichnet er jemand als Meister der Metapher, soll das als Beleidigung nicht zu beanstanden sein. Er trotzt seiner Zeit und erlebt sich mit Brodsky als Kastor und Pollux. Zum Schluss noch mal Grünbein: „In Wahrheit ist es wohl so, dass (Venclova) ... mit dem Schalldämpfer arbeitet.“

Tomas Venclova, „Der magnetische Norden - Gespräche mit Ellen Hinsey. Erinnerungen“, Suhrkamp, 652 Seiten, 36,-

10:56 18.03.2017
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