Funktionale Abwesenheit

SPD/Jacques Rancière Vor ein paar Tagen bestätigte Christian Lindner in einer Talkshow zufällig Rancière, indem er den Franzosen nachsagte, staatlicher Zentralgewalt den Vorzug zu geben.
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Die Entkräftigung des Martialischen in der Politik indiziert den Fortschritt entlang der Linien Entmilitarisierung und Säkularisierung. Der vom staatlichen Gewaltmonopol zur Mäßigung verdonnerte Zeitgenosse lässt sich beschwichtigen. Politik als Medizin/Sedativ - die Nachrichten sollen ihn beruhigen und nicht auf die Barrikaden treiben. Er hält sich fern der Abgründe auf.

Die meisten Leute vermeiden Ränder. Sie suchen die Mitte, von was auch immer.

Sofern sie in den Spiegeln gesellschaftlicher Repräsentanz sichtbar werden, wähnen sie sich auf einer Basis und in einem Konsens. Sie erleben sich als Subjekte der eigenen Rede. Politiker müssen bei ihnen anklopfen.

Nicht angeklopft wird bei den Diskursobjekten. Die werden angeschwemmt.

Man unterhält sich über angeschwemmte Leichen. An Urlaubsstränden aus dem Wasser gezogen. Namenlose einer Völkerwanderung, die es nicht geschafft haben, in europäischen Küchen und Kellern dem Wohlstand nah zu verelenden. Plötzlich springt mich eine Szene aus dem Jahr 1978 an. Ein Schwarm gutaussehender und erotisch hochmotivierter Jungsozialist*innen setzte in Holgers Raumschiff eine Debatte fort, die Stunden zuvor im Motz nach einem Referat zu Thesen von Alain Badiou begonnen hatte. Alle fühlten sich auf Holgers extravaganter, mit Agitationspop deklarierten Etage berechtigt. Wir durften uns bedienen. So glücklich wie ein fürstlich Entschädigter beobachtete Holger den Überfall auf seine Vorräte. Er antwortete, ich weiß gewiss nicht mehr wem: „Die Kunst der Politik besteht darin, den Bürgerkrieg abzuwenden.“

Das erschien mir lange die äußerste Marke der Pazifizierung zu sein: die Binnendiversität einer Gesellschaft nicht auf die Felder der Eskalation zu treiben. Heute weiß ich, dass wir genau das versucht haben, zugespitzt von einem Radikalitätsbegriff, der die Thesen der Roten Armee Fraktion nicht verwarf.

Der Plural schließt mich aus. Ich war im Tross der Stürmer*innen wegen Iris und Madeleine. Die Genossinnen besetzten mit vielen die Bühne der politischen Gemeinschaft als großes Tier, ohne die Kraft zur Einheit. Mich fasziniert in der späten Betrachtung die Vollständigkeit der Ausführungen. Jede Geste gehorchte einer Regie, die uns zu Marionetten degradierte, die sich überwiegend ungeheuer lebendig und individuell fanden.

Linkssein bedeutet dafür & dagegen in einem Atemzug. Die Linke wähnte sich in der gesellschaftlichen Mitte (nach einem langen Ritt angekommen) und zugleich als Motor der Innovation, ausgestattet mit einem evolutionären Auftrag. Das machte es so attraktiv, bei uns mitzumachen.

Die SPD war die Partei des Radikalenerlasses. Zugleich hatte sie eine rebellische Jugendorganisation.

Der gute Tyrann

Mit günstigen Krediten zog Peisistratos das Prekariat aus Athen in die Landwirtschaft. Der gute Tyrann machte Lungernde erwerbstüchtig und hielt sie auf ihren Ländereien fern der Politik. In der Vergrößerung ihrer Vermögen vermuteten sie einen größeren Vorteil als in ihren Bürgerrechten. Peisistratos liefert ein Beispiel für die Erledigung der Politik in der sozialen Frage.

Die Beseitigung des Politischen

Das Ende der Politik ist unter Umständen ihre Vollendung. In der Untersuchung „An den Rändern des Politischen“ stellt Jacques Rancière die Weichen für seine Interventionen in der politischen Philosophie und Ästhetik.

Rancière beschreibt den Staat in seiner Ursprünglichkeit als Polizei – Politeía. Das heißt nach einer Auslegung: der Staat ist die Polizei. Nach Rancière lässt ein Staat sich so beschreiben, wenn er sich auf die Wahrung der Interessen relevanter Gruppen beschränkt. Geht er darüber hinaus, erreicht er die Politik. Ihn verfolgt aber die Neigung, das Politische zu beseitigen. Diesem Ziel nähert er sich, mit Festigkeits- und Unumstößlichkeitsbehauptungen, die dem Gesellschaftsrahmen die härtesten Legierungen geben.

Jacques Rancière, „An den Rändern des Politischen“, übersetzt von Richard Steurer-Boulard, Passagen forum

„Es gibt zwei Arten, die Teile der Gemeinschaft zu zählen. Die erste zählt nur die wirklichen Teile, die tatsächlichen Gruppen, die durch die Unterschiede in der Geburt bestimmt sind, die Funktionen, Plätze und Interessen, die den Gesellschaftskörper bilden, unter Ausschluss jedes Supplements. Die zweite zählt „zusätzlich“ einen Anteil der Anteillosen. Man nenne die erste Polizei, die zweite Politik.“

Aus dieser Konstellation ergibt sich ein Paradox. Der Politiker betreibt die Abschaffung des Politischen wenigstens mit einigen Politiken. An die Stelle des Politischen tritt die Befriedung.

Vor ein paar Tagen bestätigte Christian Lindner in einer Talkshow zufällig Rancière, indem er den Franzosen nachsagte, staatlicher Zentralgewalt den Vorzug zu geben. Das beschreibt die Verdrängung des Politischen aus Foren diversifizierender Aushandlungen. Die Entladungen finden auf der Straße statt.

Ein erheblicher Teil der Bevölkerung lebt außerhalb der Repräsentation.

Die Garantie der Funktionalität des Zentrums durch Abwesenheit

„An den Rändern des Politischen“ konkretisiert sich unter anderem in der Vorstellung vom leeren Raum (der Repräsentation). In diesem Modell verweigern von der Gemeinschaft Repräsentierte die Wahrnehmung ihrer Bürgerrechte auf dem Forum, weil ihnen der Weg zu weit ist und sie es lohnender finden, ihrem Tagwerk nachzugehen. Sie überlassen Betuchteren ihre Interessenvertretung. Rancière entdeckt an der Stelle eine räumliche Bedingung. Die Machtausübungsverweigerer müssen weit genug von den Grenzen des Geltungsbereiches ihres Staates weg sein, um ausreichend Vertrauen aufbauen zu können.

An den Rändern des Politischen trennen ethnische, soziale und geografische Demarkationslinien die „Anteillosen“ von der Mitte.

18:15 12.03.2019
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