Future-Nostalgia

Helon Habila “I guess for most migrants nostalgia isn’t only for a past. It can also be for the future. They miss the present that they can't share with their families.”
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Trauma der Ungewissheit

“I guess for most migrants nostalgia isn’t only for a past. It can also be for the future. They miss the present that they can't share with their families.”

„Mein Bild vom Migranten ist eine Person, die aus dem Koffer lebt, mit einem Fuß immer vor der Tür“, egal, wie lange sie schon da ist, wo es sie hin verschlagen hat. Jede Migration stiftet ein Trauma der Ungewissheit.

Helon Habila sagt das irgendwo.

Portia Kariku, Protagonistin in Habilas Roman „Reisen“, ist eine Tochter des Exils. Sie wurde in England gezeugt und kam im Ursprungsland der Eltern zur Welt; während der Vater als expatriierter Widerstandskämpfer in Europa eine akademisch-sentimentale Grand Tour nach der nächsten absolvierte.

James Kariku stilisierte sich zum beinah überlebensgroßen Gegenspieler von Kenneth Kaunda*. Für den Superoppositionellen war die Diaspora süß; eine Abfolge angenehmer Gelegenheiten. Ständig wurde Kariku gefragt und gebeten.

*„Kenneth David Kaunda (*1924) war von 1964 bis 1991 erster Präsident Sambias und einer der wichtigsten … (Akteure) der Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika.“ Wikipedia

Helon Habila, „Reisen“, Roman, herausgegeben von Indra Wussow, auf Deutsch von Susann Urban, AfrikAWunderhorn, 320 Seiten, 25,-

Vorübergehend kam es zu einer Familienzusammenführung in Kopenhagen. Portias Mutter ging da kaum je vor die Tür. Der Vater entpuppte sich als schwadronierender Säufer. Mir geht es aber gerade nur um die Erfahrungsspielräume, die Portia als Heranwachsende hatte. In der Gegenwart des Romans bezieht die Absolventin der School of Oriental and African Studies in Berlin eine Airbnb-Wohnung und verkostet Rotwein aus den Hauptmieter-Beständen gemeinsam mit dem ursprünglich aus Nigeria gebürtigen, US-amerikanisch-attraktiven Nachbarn.

Schwache Performance

Der Namenlose kämpft mit sich. Portias Avancen sind nicht von schlechten Eltern. Andererseits wähnt sich der Beflirtete glücklich verheiratet. Die Gattin lebt nach einem Berliner Stipendiumsaufenthalt wieder in den Vereinigten Staaten.

Der Namenlose lässt sich erst einmal halb hinreißen. Er geht mit Portia aus, bewährt sich als Restaurantkenner und angenehmer Barbegleiter. Wie die Quecksilbersäule eines Fieberthermometers steigt die Lust in ihm auf. Machen wir uns nichts vor. Portia fördert den Prozess, vereitelt aber den Vollzug. Sie verirrt sich in ihrer Widersprüchlichkeit, ohne sich von dem Namenlosen zu lösen. Sie kassiert die Hittingpointpower der Aufmerksamkeit und des schwelenden Begehrens. Sie heizt die Wärmequelle an.

Portia lässt sich von dem Namenlosen nach Basel begleiten, wo sie die Frau trifft, die ihren Bruder umgebracht hat. Die Reisenden schlafen in einem Hotelzimmer, wenn auch in verschiedenen Betten. Portia versteht nicht, warum der Namenlose nicht energischer aufrückt. Sobald er sich in aller Halbherzigkeit zu einem sexuellen Gehversuch veranlasst sieht, blockt Portia. Sie verzichtet darauf, ihre Motive zu ergründen. Dabei ist es ganz einfach. Die schwache Performance düpiert sie.

Familie und Erfahrung

Die Faszination, die David auslöste, löste ihn aus

Beschreiben wir noch einmal den Reigen zwischen Begehren, Schuld, Gleichgültigkeit und Fremdheit.

„Die Geister zur Ruhe betten. Nach dem Tod ihres Vaters letztes Jahr hatte ihre Mutter immer häufiger von David gesprochen. Was sie falsch gemacht und warum er …“

David, so heißt Portias Bruder. Er ging in die Schweiz und ertrug da zuerst einen Asylantenstatus, einem gewaltigen Erbhof aus Familie und Erfahrung zum Trotz. Die Faszination, die David auslöste, löste ihn aus.

In ihren Nachbetrachtungen fragt sich Portia, woher die Faszination rührt. Eine Antwort findet sie nicht. Sie tändelt mit dem Namenlosen wie zur Ablenkung von allen möglichen Informationen, die wie Staub anhaften.

Wollte sie das wirklich wissen?

Portia erkennt, dass sie ihren Bruder nicht gekannt hat. Mehr noch. David hatte es vorgezogen, sich eine andere Familie anzudichten. Den Schweizer*innen präsentierte er sich als Sohn eines muslimischen Geistlichen aus Mali. Nach dieser Legende hieß er Moussa.

Diskret übergeht Portia David-Moussas Abkehr von seiner christlichen Herkunft. Sie begreift die Verleugnung ihrer Familie nicht. Unverständlich bleibt, dass David-Moussa den selbstgewählten Vater finanziell rückhaltlos bis zur Verschuldung und der Ausbeutung seiner Frau unterstützt hatte.

Portia schaut in einen Abgrund. Sie sieht den Irrsinn ihres Bruders lodern.

Gleich mehr.

Fußnote der Landesgeschichte

Portia, von ihrem Shakespeare liebenden Vater so genannt nach einer Protagonistin des elisabethanischen Großmeisters, checkt ungerührt in Europa ein.

"We do pray for mercy."

Laura Carmichael speaks Portia’s lines from The Merchant of Venice, Act IV, Scene 1.

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Was zuvor geschah

Portia Kariku recherchiert die Todesumstände ihres Bruders David. Er wurde von seiner Frau, der Schweizerin Katharina, auf dem Baseler Bahnhof vor einen Zug geschubst. Gleichwohl bereist die Schwester Europa mit einem über das Verbrechen hinausragenden Interesse. Es gefällt mir, dieses Interesse ethnologisch zu nennen.

So geht es weiter

„Die Beziehung eines Schwarzen zu Europa bedarf stets einer Qualifizierung.“

Für Portia ist das eine neue Erfahrung. Die Tochter eines Schriftstellers mit der Attitüde des (im Verhältnis zum Despoten kongenialen) Dissidenten begreift Europa als den Groß(t)raum, in dem ihr Vater eine donnernde Identität aus dem Exil destillierte. Jahre hat die Familie in England gelebt. Die Vorbehalte der Diaspora-allergischen Mutter prägten Portias Wahrnehmung. Ungefragt beschrieb sie mit der Unzufriedenen die Rolle rückwärts nach Sambia.

Ein politischer Umschwung erklärte die vehemente Kritik des Vaters an vormals in Sambia herrschenden Verhältnissen zur Fußnote der Landesgeschichte. Niemand gleich wo in Afrika zeigte mehr auch nur das leiseste Interesse daran. In Europa behielt James Kariku seinen Rang als Kenneth Kaundas schärfstem Kritiker.

Kaunda besteht noch in seiner Leibhaftigkeit, während (der erfundene) Kariku nach einer verspäteten Heimkehr die Gleichgültigkeit des Regimes mit seinem beleidigten Tod quittierte. Seither erscheint der interessierten Öffentlichkeit Portia als tüchtige Tochter einer historischen Persönlichkeit. Sie selbst geht verspielt mit intellektuellen Avancen um. Sie hat ein leichtes Herz und einen guten Schritt (mit dem sie Berlin abmisst). In der deutschen Kapitale versorgt sie sich mit Abwechslung im Easyjet-Airbnb-Netflix-Spektrum. Sie kommt von einem anderen Stern, sobald es darum geht, zu begreifen, dass viele Weiße reisende Schwarze für prekäre Migranten halten.

„Warum gehen Weiße stets davon aus, dass jeder Schwarze, der unterwegs ist, ein Flüchtling ist?“

Portia reagiert mittelständig-versnobt auf die global standardisierten Konsumchancen. Ihre Performance definiert die Verwerfungslinie. Konkludent klärt die Akteurin den Status quo ab. Die Lektion: Finanzielle Spielräume bestimmen die Daseinskurse ohne Ansehen der Staaten und Personen.

Exotisch erscheinen Portia „Afrodeutsche, die keine Erinnerung an Afrika haben“, und von denen die Lehrerin bislang nur gehört hat. Attraktiv findet sie den Schwarzen Nachbarn ihrer Berliner Airbnb-Wohnung. Portia fängt sofort an zu flirten und zieht ihn in ihren Bann. Der Leser erkennt in dem Gefeierten Ginas Mann wieder. Sie erinnern sich: Viel Zeit verbrachte das alle Erwartungen auf Academia richtende und den männlichen Hemmungen zum Trotz verheiratete Paar in einer Zweiraumwohnung über einem Parkplatz in Arlington, Virginia. Bis Gina „das renommierte Berliner … Kunststipendium“ erhielt und die Eheleute sich in der deutschen Hauptstadt als arrivierte Zaungäste etablieren.

Gleich mehr.

„Schreiben ist ... ein politischer Akt“, sagt Helon Habila.

Eingebetteter Medieninhalt

Prison Dialogues

Portia Kariku recherchiert die Todesumstände ihres Bruders David. Er wurde von seiner Frau, der Schweizerin Katharina, auf dem Baseler Bahnhof vor einen Zug geschupst. Gleichwohl bereist sie Europa mit einem darüber hinausragenden Interesse. Es gefällt mir, dieses Interesse ethnologisch zu nennen.

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Exotisch erscheinen Portia „Afrodeutsche, die keine Erinnerung an Afrika haben“, und von denen die aus Sambia gebürtige Lehrerin bislang nur gehört hat. Attraktiv findet sie den Schwarzen Nachbarn ihrer Berliner Airbnb-Wohnung. Portia fängt sofort an zu flirten und zieht ihn in ihren Bann. Der Leser erkennt in dem Gefeierten Ginas Mann wieder. Sie erinnern sich:Viel Zeit verbrachte das alle Erwartungen auf Academia richtende und den männlichen Hemmungen zum Trotz verheiratete Paar in einer Zweiraumwohnung über einem Parkplatz in Arlington, Virginia. Bis Gina „das renommierte Berliner … Kunststipendium“ erhielt und die Eheleute sich in der deutschen Hauptstadt als arrivierte Zaungäste etablieren.

Inzwischen ist Gina in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Der namenlose Erzähler des Romananfangs spiegelt sich glänzend in Portias Wahrnehmung.

„‘Can I help …?‘, wiederholte er. Er sah gut aus, nicht auf die goldige, gefühlvolle Denzel-Washington-Art, sondern zurückhaltender, vor allem wenn er … lächelte.“

Portia schnappt sich den Zurückgebliebenen und bummelt mit ihm durch Berlin und Basel. In einem Antiquariat lassen sich die Akteure so vernehmen:

“He looked at the title:Prison Dialogues, by James Kariku. ‘I remember this book. I had to study it for my secondary school finals’.” “’My father’, she said.”

Das Gewissen Afrikas

Der Namenlose übernimmt die Rolle, die ihm angetragen wurde. Das heißt, er flirtet zurück und kauft einer fliegenden Blumenhändlerin die Rose zum Drink in einer Bar direkt am Mauerpark ab.

Portia stammt aus einer Familie von Kenneth Kaunda*-Gegnern. Sie genoss ihre Erziehung im englischen Exil. Dem Vater gefiel das Nebelland besser als der Mutter, die es nach Sambia zog. Der akademisch gepolsterte Publizist klapperte die Vergabestellen von Stipendien und die Schauplätze der Begünstigungen in Europa ab. Während in seiner ersten Heimat niemand mehr wusste, wer er war, reüssierte er in der weißen Welt als „das Gewissen Afrikas“.

*„Kenneth David Kaunda (*1924) war von 1964 bis 1991 erster Präsident Sambias und einer der wichtigsten … (Akteure) der Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika.“

07:48 28.11.2020
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