Gartengedichte

Leslie Jamison Ein Fest widmet Jamison dem Dichter und Politiker Andrew Marvell. Inspiriert von einem seiner Gartengedichte, serviert die Gastgeberin Limetten-Jell-O-Shots ...
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Suchtgeschehen

Es kommt der Tag, da kauft Leslie Jamison morgens um acht eine Flasche Wodka mit allen Vorzeichen der Dringlichkeit im Laden an der nächsten Ecke. Sie verpackt das Suchtgeschehen in einer Partygeschichte.

Unterschlägt Jamison sich selbst das Täuschungsmanöver?

*

“To a green thought in a green shade”

Das Fest widmet Jamison dem Dichter und Politiker Andrew Marvell. Inspiriert von einem seiner Gartengedichte, serviert die Gastgeberin „Limetten-Jell-O-Shots, mit Lebensmittelfarbe gefärbte Pistazienkekse, Sellerie, Spinathummus und Gras“.

“Destroy everything that has been made / to a green mind in a green night”

Jamison sucht den Psychotherapeuten des Studierendenwerks auf. Sein Akzent liefert phonetische Loops. Die Bedürftige versteht Toaster: „Die Liebe ist wie ein Toaster ... sie kommt und macht alles kaputt“.

Jamison zerbricht sich den Kopf über den Vergleich. Dann klärt sich die Sache auf. Der Fachmann hat „Twister“ und nicht „Toaster“ gesagt - „Liebe ist wie ein Twister.“

Wegen der Binse kommt keine(r) ins Grübeln; doch macht der Suff Jamison anfällig für sinnlose Vertiefungen.

Leslie Jamison, „Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung“, aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann, Suhrkamp, 18.-

Alkohol & Sex - Undichter Zapfhahn

Magersucht und Selbstzweifel bestimmen den Kurs der Studierenden. Erlösung sucht sie in dem Schwarzen Loch des männlichen Begehrens in den Spielarten der Flüchtigkeit.

„Mein Wunsch, begehrt zu werden, war wie etwas physisch aus mir Heraussprudelndes – Verlangen Verlangen Verlangen –, und das ekelte mich an. Es war, als wäre ich zu einem undichten Zapfhahn geworden. Ein Mann, der mir sagte, dass er mich f... wollte, der mir das genau so ins Ohr flüsterte, war für mich wie der allererste Schluck Whisky: eine Wärme, die mir direkt in den Bauch fuhr.“

Somnambule Fledermäuse

Früh beginnt der Kampf um die Deutungshoheit über die eigene Biografie. Mit zwölf erlebt Jean Rhys eine unangebrachte Annäherung. Der verbrecherische Verehrer malt Jean Rhys eine gemeinsam-eheliche Häuslichkeit mit lunaren Sensationen und somnambulen Fledermäusen aus. Jamison extrahiert die entscheidende emotionale Reaktion auf die Totalität des Übergriffs: „Das Gefühl, verflucht und in eine Geschichte hineingeschrieben zu sein, über die sie keinerlei Kontrolle (hat).“

Zweifellos dreht sich auch Jamisons Paranoia Production um diese Souveränität und ihre Bedrohungen. Obwohl sie von so vielem abhängt, strebt sie - mager-, alkohol- und trennungssüchtig - nach ehrenvoller Selbstbestimmung. In ihrer Iowa-Zeit zieht Jamison in eine extreme Bruchbude „stellt ... (einen) Ghettoblaster ins Küchenfenster und (lässt) Tom Petty voll aufgedreht mit seiner Froschstimme Don’t Come Around Here No More singen, ein Lied des Verbannens.“

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Immer wieder kehrt Jamison zurück zu Jean Rhys. Sie zitiert die Unglückliche:

„Ich merke, wie nützlich das Trinken sein kann.“

Die Studierende ist jung genug, um dem Alkohol glänzende Eigenschaften anzudichten. Sie übersieht den verstrickenden Charakter; das Generalisierende einer Abhängigkeit. Irgendwo verrät Hemingway, wie ungewarnt er süchtig wurde. Niemand habe seiner Generation die Gefahren des Alkoholismus vor Augen geführt. Ständig sei man gesellschaftlich mit Alkohol in Kontakt gekommen.

Trinken war unvermeidlich, wollte man nicht auf falsche Weise eine herausgehobene Position einnehmen.

In hundert amerikanischen Roman des XX. Jahrhunderts, die nicht als Suchtbekenntnisse kanonisiert wurden, funktioniert das Klingeln der Würfel im Glas als Erkennungsmelodie. Das Establishment trifft sich nachmittags in der Nachbarschaft auf einem Rasen und versichert sich seiner Identitätsbegriffe mit dem beschlagenen Glas in der Hand. An der Hausbar klärt man Fragen der Distinktion.

Wer gehört wo hin?

Gläser sind eine bürgerliche Einrede gegen den Flaschenverzehr. Der Preis und die Umstände beim Konsum von Spirituosen geben Aufschluss über das Wahlverhalten. Zeig mir, wie du trinkst, und ich sage dir, wen du wählst.

Lyrische Luzidität

Ursprungsmythos der eigenen Verzweiflung

„Jean Rhys befindet sich auf der Suche nach den Quellen ihres Qualnils, dem „Ursprungsmythos (der) eigenen Verzweiflung“.

„Sie schreibt über das Trinken mit der vergeblichen Genauigkeit eines Menschen, der es nie schafft, sich seiner vereinnahmenden Kraft zu entziehen.“

„Die wiederkehrende Heldin in den Rhys’schen Romanen ist eine betrunkene Frau, die ein großes Gewese um ihre Tränen macht.“ Leslie Jamison

Ruhm durch Rum

Ink & Liquor - Schriftsteller ziehen aus dem Rausch lyrische Luzidität. Sie begreifen Alkohol als Produktionsmittel, Motor und Treibstoff auf den Teststrecken zum Ruhm. Ihr Verhältnis zu dem Nervengift bleibt pathetisch in alle Stadien der Erkenntnis und des Niedergangs.

Leslie Jamison wird nicht müde, die männliche Grandiosität als ein Gebirge zu konturieren, in dessen Schatten und zu dessen Fuß sich die gekrümmte Gestalt einer Schriftstellerin ausmachen lässt. im Powerpräsens ihrer Unsterblichkeit heißt sie Jean Rhys. In ihrem Elternhaus hängt „ein Bild von Maria Stuart auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung ... über dem Buffet mit dem Familiensilber“.

Früh beginnt der Kampf um die Deutungshoheit über die eigene Biografie. Mit zwölf erlebt sie eine unangebrachte Annäherung. Der verbrecherische Verehrer malt Jean Rhys eine gemeinsam-eheliche Häuslichkeit mit lunaren Sensationen und somnambulen Fledermäusen aus. Jamison extrahiert die entscheidende emotionale Reaktion auf die Totalität des Übergriffs: „Das Gefühl, verflucht und in eine Geschichte hineingeschrieben zu sein, über die sie keinerlei Kontrolle (hat).“

Exemplarische Existenz

Wide Sargasso Sea by Jean Rhys | Postcolonialism | Caribbean Writers

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Leslie Jamison vermisst den Abstand zwischen alkoholkranken Schriftstellerinnen und alkoholkranken Schriftstellern; siehe Sozialer Übersetzungsfehler. Sie folgt den Linien einer exemplarischen Existenz. Die im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts auf Dominica geborene Ella Gwendolen Rees Williams aka Jean Rhys zählte als Tochter einer karibischen PoC und eines Walisers zu den Akteuren kolonialer Nebendramen. Sie genoss weiße Privilegien, ohne eine Weiße zu sein. Sie war britisch unter den Vorzeichen von There Ain't No Black in the Union Jack. Sie war eine Begünstigte unter Benachteiligten, ausgeschlossen von jedweder ethnisch-sozialer Solidarität. In ihrer Jugend geriet Jean Rhys nach England und an den Rand der Armut. Sie schlug sich als Aktmodell und Revuetänzerin durch. Sie heiratete den ersten einer Reihe krimineller Männer. Sie wurde süchtig und fing an zu schreiben.

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Ihrem ersten Gatten begegnete Jean Rhys 1917. In der konkreten Nachkriegszeit spekulierte der Blender & Verschwender als Sekretär einer alliierten Delegation in Paris mit Deputatsmitteln. Das zog eine Sanktionskette nach sich, von der Verhaftung, über die Verurteilung und Verbüßung bis zur Ausweisung.

Im Referatspräsens

In der Zwischenzeit geschieht Grauenhaftes.

Leslie Jamison beschreibt eine katastrophale Kaskade von der Verkühlung eines Säuglings bis zu dessen Krankenhaustod. Während Jean Rhys' Sohn stirbt, trinkt die Mutter mit ihrem Mann Champagner.

„William kam ins Hospice des Enfants Assistés, und als ihr das Krankenhaus ein paar Tage später mitteilte, er habe eine schwere Lungenentzündung, bekam sie Angst, weil er nicht getauft war.“

Jean Rhys trinkt gegen die Angst.

„'Bis wir die erste Flasche geleert hatten ... hatte ich meinen ... Kummer vergessen. Wir lachten alle.' Am nächsten Morgen rief das Krankenhaus an: 'Ihr Sohn sei am Vorabend gestorben.'“

*

Die Schriftstellerin wird den Rausch nie feiern. Auch so unterscheidet sie sich von Männern, mit denen sie das Schicksal des Schreibens und des Trinkens teilt. Das belegt Leslie Jamison gründlich. Die Chronistin bestimmt „den Preis des Trinkens: Die Welt wird klein, der Geist wird schwach.“

13:49 17.07.2021
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