Gastarbeiterantike

Volksbühne Die Poets of Migration auf der Volksbühne – Es lasen, sangen und spielten Susie Asado, Imran Ayata, Wolfgang Farkas, Ok-Hee Jeong, Yade Önder und Zoran Terzić.
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Ok-Hee Jeong

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Die Großeltern kamen aus Ungarn. Sie waren einer Klemme zwischen Roter Armee und Wehrmacht bis nach München entwichen, wo ihr Sohn seine Herkunft abstreifte und bei IBM eine Stelle fand, die es ihm erlaubte, im avancierten BRD-Design der Zukunft zu leben; da war vermutlich alles von Colani.

Der Sohn wurde Vater. Das brachte Wolfgang Farkas ins Spiel. Er entging den Spannungen seines Vaters in der exilungarischen Großelternsphäre, die sich ihm als Speiseparadies erklärte, wo es Schnitzel, Palatschinken und Schnapspralinen, „freigegeben ab drei Jahren“ in orgiastischen Portionen gab – auch dies eine Variante der Kombination von Migration und innerer Immigration und zugleich ein vom Küchendunst beschlagenes Schaufenster des Heimwehs.

In einer Einspielung sieht man Farkas mit der Familie auf dem Sofa. Die Schwarzweißszene ist voller Gastarbeiterpoesie und beglaubigt den Autor & Verleger als Poet of Migration, einer Assoziation, zu der ferner Susie Asado, Imran Ayata, Ok-Hee Jeong, Yade Önder und Zoran Terzić gehören. Das Kollektiv zeigt sich geschlossen auf der Volksbühne.

Hinter jeder Migration steht eine Utopie

„Heimat ist vielleicht eine Melodie, aber niemals eine Nation“, verkündet Yade Önder. Sie und ihr erzählendes Ich wurden „ein Jahr vor Tschernobyl geboren“. Ein Haus ohne Badewanne, gebaut auf eine Wiese, wird zur Arena – im Fin de Siècle einer Liebe, die früh begann. Die Erzählerin verheiratete sich als Fünfjährige. Zum Schwur gab es Salamipizza. Das Wunder von Oggersheim vollzog sich zur gleichen Zeit in der Gestalt von „Hanne Kohl, die mit ihrem dicken Mann nebenan einzog“.

„Der warme Geruch von süßem Huhn und Straße“ - Ok-Hee Jeong singt nach einer Sesamstraßenmelodie ein Lied von Zwangsmigration und Auslandsadoption. Ihre Heldin Kim kam auf einer Slumstraße von Seoul zur Welt, erlitt umgehend das Schicksal einer Ausgesetzten und fragt sich seither „Wieso/Weshalb/Warum?“. Die koreanischen Behörden erfüllten den Kinderwunsch eines deutschen Ehepaars, indem sie Kim schickten. Aus dem Findelkind wird Kim-Christina Schäfer, die sich fragen lassen muss:

„Möchtest du wieder zurück in deine Heimat?“

Sie imaginiert das Gesicht der Frau, „die mich weggeben hat“.

Wieso/Weshalb/Warum?

Imran Ayata erinnert eine „maoistische Kakophonie“ im Dunst eines Onkels mit einer Vergangenheit als Partisan in den anatolischen Alpen. Ayata bleibt ein Chronist der Gastarbeiterantike, deren Geheimnisse Wertsteigerungen erfahren, mit denen nie gerechnet wurde. Der politische Zirkel tarnte sich als Kulturverein und verbarg seine revolutionären Absichten so vor der deutschen Gesellschaft.

Im Norden ist nichts

„Es ist nicht wichtig, was du mitgebracht hast. Was zählt, ist was du teilst.“

So spricht der Onkel in seiner Rüsselsheimer Diaspora. Er begrüßt die Politisierung des Neffen in der Zaza-Sprache. Er weiß nichts von Rassismus. Das ist keine Kategorie seines Denkens. Es geht nur gegen den Kapitalismus und Faschismus. Der Onkel existiert in der Melancholie und Verve der internationalen Brigadisten, die in Spanien kämpften.

Ayata summt den Swing des alten Guerilleros, auch das ist eine Gebirgsmelodie.

Zoran Terzić behauptet „eine automobile Kontinuität“.

„Erst bin ich mit meinen Eltern in den Süden gefahren, jetzt fahre ich mit meinen Kindern in den Süden. Immer nur in den Süden. Im Norden ist nichts.“

Wieder taucht ein Onkel auf. Stets schlachtet er ein Lamm, wenn die Familie aus Deutschland kommt – auf Heimaturlaub in Jugoslawien.

„Ohne osmanischen Kolonialismus wäre das Lamm ein Schwein.“

Terzić beschreibt das Glück eines Wahnsinnigen im Ursprungsland seiner Eltern. Er steigert sich bis zu der Bemerkung:

„Wir machen Selfies, ohne selbst anwesend zu sein.“

Die Grunderfahrung der Migration ist eine Spaltung – ein Persönlichkeitsriss, der mit Phantasie gekittet wird. Insofern ist auch die Genauigkeit Imagination. Es entsteht etwas Neues in der Betrachtung der Herkunft, diesem Orient der Eltern.

Die Poets of Migration klingen virtuos zusammen. Sie verkünden den Text & Sound einer Spätzeit. Nach ihnen wird man nicht mehr wissen, was am Anfang der Einwanderung auf der einen und auf der anderen Seite war. Es gibt die laizistische Türkei nicht mehr und nicht mehr das auf einem Sonderweg sozialistische Jugoslawien. Auch die Onkel in ihren Granada-Fords sind tot.

Imran Ayata

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09:59 02.02.2019
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