Gebundene Freiheit

#Leben Der Rest ist zwar bemerkenswert, aber stets vorhersehbar.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Rest ist zwar noch bemerkenswert, aber stets vorhersehbar. Man beobachtet Peaches Okamura aka Doris-Day DeSoto aka Dayita Benisha, von ihren Freund*innen D-Day genannt, als jobende Hochschülerin auf der Galeere einer Flughafengepäckabfertigung. Sie ist der Paki-Floh unter Rowdys. D-Day verwahrt sich gelangweilt. Sie empfiehlt sich Freizeitmusikerinnen auf der Suche nach einer neuen Sängerin. Sie entzückt die Gitarre spielende Einzelhandelskauffrau Naomi Serena. Die beiden versuchen es erst auf die monogame Tour und dann in der gebundenen Freiheit der Polyamorie. Die Seelen bilden den innigsten Verein. Die Sexualität kollidiert mit den Präferenzen.

Das erzählt mir Naomi, deren elegische Extravaganz Lucy Boynton mit Anita Pallenberg auf einen Assoziationssteg bringt. Blass und spröde. Dezent lebhaft. Beteiligt ohne Schwur. D-Day versucht Naomi einzuspinnen, aber die seelisch gelöste, geradezu dramatisch unkomplizierte Londonerin lässt sich nicht blenden von den Sonnenschildern der Zuneigung. Sie erklärt ihrer Liebsten, was gebraucht wird. Sie erscheint als Kassandra und träumt D-Days Untergang voraus. Sie weissagt, dass D-Day ihre Stimme verlieren wird.

Guten Tag, mein Name ist Brain (nicht Brian) Annabelle Texas Thundergod*. Ich habe Close Range Combat studiert und arbeite als Therapeutin. Naomi zeigt verwackelte Aufnahmen und professionell ausgeleuchtete Photos. Ich beschäftige mich mit Microspots, um von der Hauptachse einer grandios bebilderten Aufstieg- und Fallgeschichte herunterzukommen. Die billigen Frisuren und der Trödelschick der Keimzeit wirken magnetisch. Da ist der Sex und alles Gute. Dann steigt schon der Ranz auf, gemeinsam mit den Verwöhntheiten. Der erste Plattenvertrag, die erste Plattenaufnahme, der erste BBC Auftritt (Playback zum Verdruss der Musikerinnen), die erste Festlandtournee, der erste Fernfahrersex auf einem Autobahnraststättenklo. Die Theatralisierung der Punk Performance. Bohemian Rhapsody goes X-Ray Spex. Rough Rock als Operette. Das Absaugen der Clubatmosphären.

Die Band als Opposition einer Sängerinnenregierung. Das ist wieder interessant. Naomis schildert Verluste auch an der Solidaritätsfront. Die Musikerinnen sind nicht bloß Gefolgsfrauen einer Fürstin. Sie stellen Ansprüche und erheben Vorwürfe. Sie üben Kritik In einer Szene Schlagzeugerin Camilla-Jane Bowles dem Star zu einem neuen Look im Discoantikdesign.

Naomi erzählt noch mal die Neunzigerjahre im Starschnittformat. Ich gleite in die Siebziger ab und sehe Föhnwellen vor Reihenhäusern. Bassist*innen und Schlagzeuger*innen mit ihren geheirateten Vorstadtschönheiten* und nie preisgegebenen Gewohnheiten der englischen Arbeiterklasse; privat unglamourös; die Bühne als Arbeitsplatz begreifend.

Gleich mehr.

07:29 18.02.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare