Gegen Termin- und für Haltungsjournalismus

Krise der Repräsentation Repräsentation war das Stichwort. Gestern fragte Carolin Emcke im Streitraum der Berliner Schaubühne ihre Gäste René Aguigah (Deutschlandfunk Kultur), Golineh Atai ...
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Im Streitraum der Berliner Schaubühne. Thema: Krise der Repräsentation – oder: Welchen Journalismus braucht eine demokratische Gesellschaft? Von rechts: René Aguigah, Golineh Atai, Carolin Emcke, Yassin Musharbash, Alexander Sängerlaub.

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Der Historische Materialismus ging von der Unumkehrbarkeit des Geschichtsverlaufs aus. Er wurde 1989 bis auf Weiteres widerlegt. Nun erkennt die westliche Wertegemeinschaft die Unhaltbarkeit der Annahme, dass demokratisch verfasste und gefestigte Gesellschaften unter allen Umständen demokratisch bleiben. Das Phantasma von der Demokratie als politischem Endstadium im Sinne einer bestandenen Reifeprüfung der Menschheit löst sich in der Realität auf. Österreich, Ungarn, Polen, Italien und die Türkei zeigen, dass Demokratien parlamentarisch ausgehöhlt werden können. Im Deutschen Bundestag schleift die AfD die letzten Bollwerke vor dem Rechtsextremismus. Während sie ständig neue Rekorde bei der Verschiebung des Sagbaren aufstellt, erscheint es in Redaktionen inzwischen ausgeschlossen, dass Journalistinnen mit herabwürdigenden Bezeichnungen belegt werden, so wie noch in der Zeit, als Carolin Emcke beim SPIEGEL arbeitete. In einer milden Form der Degradierung wurden Frauen als Mädchen angesprochen. Emcke sollte sich damit abfinden. Als eine von zwei Frauen in ihrer Redaktion war sie massiv unterrepräsentiert.

Repräsentation ist das Stichwort. Heute fragt Emcke im Streitraum der Berliner Schaubühne ihre Gäste René Aguigah (Deutschlandfunk Kultur), Golineh Atai (WDR), Yassin Musharbash (DIE ZEIT) und Alexander Sängerlaub (Stiftung Neue Verantwortung) Welchen Journalismus braucht eine demokratische Gesellschaft? und so auch Was und wen repräsentieren Redaktionen?

Seit dem Ende der Augstein-Ära ist auch im Journalismus alles anders geworden. In vielen Redaktionen stellen Frauen die Mehrheit, unter anderem mit der Kollateralfolge sinkender Gehälter. Darauf weist Aguigah hin. Wo Frauen in der Überzahl sind, sei, so Aguigah, nicht automatisch alles gut.

Auch als Spiegel der Gesellschaft taugen Redaktionen nicht. U.a. gäbe es zu wenig Ostdeutsche und zu wenig Repräsentant*innen ruraler Räume, erklärte Musharbash.

Indes steigt die Zahl der Journalist*innen mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft. Das hat Folgen. Musharbash: „Wird eine kritische Masse der Diversität in den Redaktionen erreicht“, verändert sich das Spektrum in der Konsequenz gemeinsamer Erfahrungen und Empfindlichkeiten.

Die Aufsteiger*innen der zweiten und dritten MigGen sind als Überwinder*innen der letzten Schranken Vorläufer*innen. Sie erforschen Innenräume der Macht: zurückgesetzte und verschachtelte Systeme der Funktionseliten, von denen ihre Eltern nur die Blendwerke kennen.

Atai geht in ihrer Arbeit stets von der Frage aus:

„Wo wird gegen welches Recht verstoßen?“

Sie moniert den Terminjournalismus, der Journalist*innen zu Multiplikatoren offizieller Verlautbarungen macht und über eine Verdopplung der Selbstdarstellungen von Politiker*innen nicht hinausgeht.

Auf der Streitraumbühne unterhalten sich Investigatoren mit Feuilletonisten. Da prallen Welten aufeinander. Die Klappentexte des Feuilletons ergeben sich aus Trivialisierungen. Aufdeckungen von Machenschaften erfordern andere Kaliber. Atai und Musharbash gewähren Einblicke in das echte Nachrichtengeschäft. Beide bemerken die Autoreferenzialität der Medien. Musharbash spricht von einer „verfestigten falschen Wahrnehmung“ bei den Teamleitern. Geht es um die Klans von Neukölln, schickt man Musharbash mit der Idee, als Arabischstämmiger habe er Zutritt in der Premiumklasse. Unterschätzt werden die subkutanen Wirkungen der deutschen Körpersprache des Journalisten. Der assimilierte Habitus kann eine größere Abwehr auslösen, als jede ethnisch indifferente Anbahnung. Den superdiversen Neuköllnern erscheint Musharbash viel deutscher als vielen Deutschen.

So was weiß ein weißer Chefredakteur nicht. Er denkt Klan und Getto ahnungslos zusammen. Tatsächlich, so Musharbash, könne in manchen Revieren der organisierten Familienkriminalität ein normaler Journalist schon deshalb nicht Fuß fassen, weil er für die Mieten vor Ort zu wenig verdiene.

Falsche Verfestigungen zwingen Musharbash zu ermüdenden Binnenaufklärungen. Wenn der informative Journalismus es noch nicht einmal vermag, Kolleg*innen von ihren Vorurteilen zu befreien, was kann ihm dann vor der Tür in den Erlebniszonen der Erregungsjunkies gelingen.

Aguigah macht das Dilemma in der Darstellung perfekt, indem er Niklas Luhmann zitiert: „Alles, was wir wissen, wissen wir aus den Massenmedien.“

Sängerlaub füllt den basket of deplorables weiter auf. Dem Sinn nach: Habe ich als Berichterstatter*in überhaupt genug Zeit, um einen Hintergrund auszuleuchten - in Anbetracht der konkurrierenden Evaluationen im Wilden Westen der Sozialen Medien (SM).

Der im Sekundentakt getwitterte ungeprüfte Mehrwert einer Empörung bestimmt das Tempo auf dem Meinungs- und Informationsmarkt. Die SM zielen auf und erhalten sich mit Affekten.

Sängerlaub schlägt vor, sich von der Idee zu verabschieden, Facebook in eine entgegenkommende Beziehung zu seriösen Informationskanälen zu setzen. Er erinnert an Röntgen-Partys in der Gründerzeit …

Später mehr.

08:43 20.05.2019
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