Gekaperte Erkenntnisprisen

Armut „Ich weiß, dass über die Armut größere Bücher geschrieben wurden als meins. Ich habe bloß keins davon gelesen.“ Das bekennt Darren McGarvey in „Armutssafari“.
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Im Sommer 2017 brannte in London ein Sozialbausilo ab. Der Grenfell Tower Brand forderte einundsiebzig Menschenleben. Er zog ein bürgerliches Interesse nach sich, das der Wohnmaschine mit ihren „dreckigen Treppenhäusern, launischen Aufzügen“ und deklassierten Bewohnern solange nicht zuteil geworden war, solange Verbesserungen der Verhältnisse vor Ort möglich gewesen wären.

Das ist der Ausgangspunkt in Darren McGarveys Kampfschrift „Armutssafari“.

Darren McGarvey, „Armutssafari. Von der Wut der abgehängten Unterschicht“, aus dem Englischen von Klaus Beer, Luchterhand, 317 Seiten, 15,-

Der schottische Vokalkünstler und Aktivist schildert die Grenfell Tower Gemeinde als typischen Armutsverband. Die Leute reagieren allergisch „auf Außenseiter und Behörden“. Sie verweigern „die Teilhabe am demokratischen Prozess“ aus Gründen, die in Farben der Resignation schillern. Trotzdem waren aus ihren Reihen Warnungen gekommen, deren Beachtung die Katastrophe verhindert hätte. In Kombination mit dem Worst Case erzwang die Missachtung der Warnungen (die Indifferenz der kommunalen Verwaltung) eine Berichterstattung, die, so formuliert es McGarvey „ein Fenster … in das Leben der Unterschicht öffnete“.

Durch das Fenster marschiert die Neugier.

Es folgen Expeditionen in das Katastrophengebiet - Trouble Touristen auf Armutssafari.

Für McGarvey sind die Leute von Grenfell Stellvertreter für ein Heer von Übergangenen. Wessen Belange „von den Entscheidungsträgern routinemäßig ignoriert werden“, dessen Belange explodieren schließlich.

Riot is the language oft he unheard.

McGarvey beschreibt den Wutausbruch nach dem Feuer und vor den Safaris als Beispiel dafür. Seine Haltung prägt ein solidarisch im Trüben fischender Stolz auch darauf, sich nicht daran erinnern zu können, je „irgendwelche Bücher gelesen zu haben“.

„Leute wie ich schreiben keine Bücher.“

Offensichtlich doch. Man erkennt aber die abergläubische Furcht vor bourgeoisen Kontaminationen. Literatur ist ein Gegenstand der Verachtung auf dem Stempelfeld der Prägung. McGarvey verliert viel Schwung bei der Schilderung einer Verweigerung, wie sie trivialer nicht sein könnte.

„Lyrik löste bei mir nur Frustration … aus.“

Er fühlt sich von der Hochsprache verhöhnt. In seiner Inferiorität betrachtet er jeden mit Skepsis, der „Gedichte verstehen“ kann. Interessant ist, dass die schottische offenbar viel länger als die kontinentale Arbeiterklasse noch so viel Bindungskraft aufbrachte, um eine stabile Sozialisation in der Enge zu garantieren.

Einlassungen eines Freischaffenden

McGarvey schildert sich als Held des Unterdecks: auf den Straßen von Glasgow stark - und mit gekaperten Erkenntnisprisen reich geworden.

„Ich weiß, dass über die Armut größere Bücher geschrieben wurden als meins. Ich habe bloß keins davon gelesen.“

Das alles ist dem Vorwort zu entnehmen. Dessen Trutzgirlanden folgen Einlassungen eines Freischaffenden. McGarvey plaudert aus dem Nähkästchen eines avancierten Tagelöhners. Ein Leben am Dispolimit. Einmal unterrichtet er Rap in einem Gefängnis mit „einem Zentrum für darstellende Kunst tief im Herzen“ der Anstalt. Ihn überrascht eine „voll funktionierende Theaterbühne“. Er weiß, dass die teilnehmenden Straftäterinnen in seinem „Rap-Workshop“ eher Abwechslung als alles andere suchen. Als Pädagoge steht McGarvey ein schönes Register der Einfühlung zur Verfügung. Er macht Komplimente, kalkuliert die reflexhafte Abwehr und vergisst auch nicht das Nachleuten in den Gesichtern der Beschenkten zu erwähnen, sobald sie glauben, vor Beobachtung sicher zu sein.

Perpetuum mobile der Scham

Alle kämpfen mit einer geringen Selbstachtung, die daher rührt, dass sie die „Bildungsbarrieren“ nicht zu nehmen wussten. Es geht um den basalen Faktor Alphabetisierung. Die Verschleierung von Lese- und Schreibmängeln entspricht einer Perpetuum mobile der Scham.

Die Scham ist ein Gefängnis, das keinen Wächter braucht.

Sitzen die Armen erst einmal im Schamknast, sind sie leichte Beute für die neoliberalen Strategen und ihre Vollstrecker.

Aus der Scham in die Offensive

Um nicht schwach zu erscheinen, maskieren Delinquenten ihre Scham mit aggressiven Signalen. Sie markieren sich selbst. „Authentisch“ werden sie in einer Abspaltung. Sie verlagern ihre effektiven Anteile, das vitale Volumen so weit weg wie möglich von allen profitablen gesellschaftlichen Stellen. Sie bewegen sich (wie von einem Puppenspieler an Fäden gezogen) dahin, wo sie als „sauber und vertrauenswürdig“ jenen erscheinen, die eine „Kultur der Gewalt“ dominieren.

„Für einige … ist kein Verbrechen so schändlich wie die Informationsweitergabe an die Polizei.“

Bald mehr.

09:47 12.08.2019
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