Genie der Gosse

James Baldwin lässt den selbstverständlich von Grund auf heterosexuellen Schlagzeuger Rufus Scott, an einem Kreuz des Elends hängend, das Notlied der Strichjungensexualität singen
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Widerstand und Spiritualität

Im Zweiten Weltkrieg bemerkten Schwarze Soldaten, dass ihre selbstverständlich weißen Vorgesetzten deutsche Kriegsgefangene besser behandelten als die Schwarzen Waffenbrüder.

Miriam Mandelkow, die Übersetzerin der jüngsten dtv-Baldwin Ausgabe, stellte in einem Gespräch mit den Nebenstehenden klar, dass sie das von Baldwin politisch eingesetzte N-Wort weder im Passagenvortrag noch in der zitierenden Einlassung zu verwenden bereit ist. Diese Klarheit schafft einen Filter. Jede(r) Weiße, die/der jetzt noch das N-Wort verwendet, ist ein(e)Rassist(in).

Auf der Suche nach einem Englisch eigener Provenienz, einer vom weißen Herrschaftstext nicht restlos durchdrungenen und verseuchten Sprache, einer emanzipatorischen Sperre vor dem geschundenen Selbst, einem Refugium von Widerständigkeit und Spiritualität, einem Schwarzen Hafen jenseits der Kontinente Henry James, Walt Whitman und William Shakespeare, gelangte James Baldwin (1924-1987) zu den Quellen des Blues in einer Vorhölle des Gospels: den Spirituals. Kurioserweise geschah dies in der Schweiz. Der von Elijah Muhammad (Nation of Islam) umworbene, verhinderte Pfarrer …

Elijah Muhammad sagte: „Alle Weißen sind Teufel“

… kam in der Verfassung eines Debütanten nach Leukerbad im Wallis. Er hatte wenig mehr dabei, als eine Schreibmaschine und zwei Bessie-Smith-Platten. Aus seinen Beobachtungen vierzehnhundert Meter über dem Meeresspiegel in einem auf Fremde, nicht jedoch auf Schwarze Fremde eingestellten Dorf zog Baldwin weitreichende Schlüsse. In den staunenden Europäern erkannte er den Urgrund der amerikanischen Verachtung. Er begriff, dass es möglich war - dass es im XX. Jahrhundert möglich war - dass es nach dem Schwarzen Blutzoll in zwei Weltkriegen möglich war, Schwarze nicht als Menschen zu begreifen. Im Zweiten Weltkrieg bemerkten Schwarze Soldaten, dass ihre selbstverständlich weißen Vorgesetzten deutsche Kriegsgefangene besser behandelten als die Schwarzen Waffenbrüder. Das alles und noch viel mehr veranlasste Baldwin, eine weiße Unschuld anzunehmen. In diesem Kontext sind Weiße außerstande, sich selbst zu reflektieren. Deshalb können sie nicht erwachsen werden. Dazu gleich mehr.

Der Motherless-Child-Komplex

Der frühe Sacro-Pop vokalisierte auf seiner Frontlinie das Sklavenelend und spiegelte da die Herrschaftsverhältnisse, so dass weiße Zuhörer:innen geblendet wurden. Ihnen entging jene doppelte Subversion, die das Genre für Baldwin so brauchbar machte, dass er viele Überschriften diesem Fundus entnahm.

*

Für seine Homosexualität findet Baldwin die übelste Stellvertretung. Er lässt den selbstverständlich von Grund auf heterosexuellen Schlagzeuger Rufus Scott, an einem Kreuz des Elends hängend, ein Trauerspiel der Strichjungensexualität aufführen.

„In jeder Stadt der Welt kann man in einer Winternacht einen Jungen kaufen, für den Preis eines Biers und das Versprechen einer warmen Decke.“

James Baldwin, „Ein anderes Land“, Roman, auf Deutsch von Miriam Mandelkow, dtv, 25,-

Der Autor nennt den Vorgang einen „trostlosen Tauschhandel“. Rufus treibt der Hunger in diese Enge. Von einem derben Weißen lässt er sich ein Sandwich spendieren.

„Rufus hatte das Gefühl, als wüssten alle, was vor sich ging, als wüssten alle, dass er seinen Arsch verscherbelte. Aber niemanden schien es zu interessieren.“

Verdorrt am Halm der Ächtung

Baldwins Held verdorrt am Halm der Ächtung. Geblieben ist ihm allein Vivaldo als Freund. Dessen schrankenlose Zuneigung kommt ohne Erklärungen aus. Vivaldo gerät in den Fokus, als jemand, der sich jederzeit auf eine Frau in festen Händen einlässt. Einmal taucht der akkreditierte Liebhaber zu früh auf. Vivaldo versucht es zuerst mit Dreistigkeit. Dann geht seinem Hochmut die Luft aus. Er fängt an zu flattern. Mir gefällt die Formulierung: „Panik (saugt) die Wut aus ihm heraus.“

Der Feind betrachtet Vivaldo mit „ruhigem, steten Hass, so entrückt und unwiderleglich wie Wahnsinn“. Er ist sich seiner Sache vollkommen sicher. Mit Ohrfeigen streckt er den „Mehlbubi“ nieder.

Vivaldo macht seine Erfahrungen in einer gesellschaftlichen Grauzone. Er lebt als Weißer unter Schwarzen. Der Vorwurf von Cultural Appropriation steht im Raum.

„Er war bloß ein armer weißer Junge in Not, und es war ganz und gar nicht originell, zu den Schwarzen gelaufen zu kommen.“

Gleich mehr.

Untergrundkirchen des Hasses - Was zuvor geschah

Rufus Scott ist am Ende und doch nur einen Schritt weiter als das Heer von Müßiggänger:innen auf den Vorhöfen offensichtlicher Obdachlosigkeit. Rufus nomadisiert in einer Stadt, deren Gewicht ihn erdrückt; in der er besseren Tage gesehen hat. Magisch zieht ihn das Zentrum seines verrauchten Ruhms an. Wo er einst als Schlagzeuger auf der Bühne glänzte, „cool und geliebt“, traut er sich jetzt kaum noch über die erste Schwelle. Eine indifferente Meute in Partylaune lässt sich jenen Abklatsch der Leidenschaft gefallen, mit dem die Musiker:innen die Verachtung strafen, die ihnen von der Bar entgegenschlägt.

„Die Wärme, der Geruch von Menschen, Whiskey, Bier und Rauch, die ihm durch die offene Tür entgegenschlugen, ließen ihn beinahe laut aufheulen.

1948 - In einer New Yorker Gegend mit so viel Zukunft, das schließlich jede Straßenecke Symbolkraft mit weltweiter Ausstrahlung besitzen wird, beginnt der Autor noch in der Steinzeit des Greenwich Village mit der Niederschrift. Das Manuskript begleitet Baldwin nach Paris und Istanbul, wo er es 1962 als Aktivist der Bürger:innenrechtsbewegung und Gefolgsmann von Martin Luther King vollendet. In den vierzehn dazwischen liegenden Jahren haben sich einige weiße Segregationsgewissheiten verflüchtigt. Die Rassentrennung ist politisch unhaltbar geworden. Das bedeutet aber auch, dass Ressentiments in Untergrundkirchen des Hasses weitergepredigt werden.

Der Beat von Harlem/Genie in der Gosse

Baldwin beschreibt eine Ghettoexistenz, die nach den Gesetzen und dem Beat von Harlem lebt. Das Faustrecht regiert; wer zu weit geht, „fängt sich ein Klappmesser“, wie Rufus lakonisch meldet. Es bedarf keiner besonderen Fatalität, um in einem Rinnstein liegen zu bleiben.

Baldwin beschreibt eine Subkultur, die das Niedrigste mit der Hochkultur des Jazz und dem Showbusiness verrührt. Die Musiker:innen schnupfen erst und spritzen dann Heroin. Sie bleiben enger mit der Straße verbunden als mit den Hochämtern der Avantgarde.

Baldwins Erzähler nimmt keinen übergeordneten Standpunkt ein. Man sieht förmlich, wie über ihm Wellen des Wahnsinns und der Verzweiflung zusammenschlagen. Vielleicht ist das zu projektiv formuliert.

Rufus verkörpert jedenfalls nicht das Genie in der Gosse.

Sein Schöpfer schildert Rufus rüde:

„Halblaut verfluchte er die milchweiße Schlampe und stieß ihr stöhnend seine Waffe zwischen die Schenkel.“

Kaum zu glauben, dass dieser Satz in einem Buch steht, das eben neu übersetzt wurde.

*

Rufus lässt sich auf Leona ein, die aus dem Süden stammt und als arme Weiße in ihrem Liebhaber die widersprüchlichsten Empfindungen auslöst.

Aus der Ankündigung

Warum hat Rufus Scott – ein begnadeter schwarzer Jazzer aus Harlem – sich das Leben genommen? Wegen seiner Amour fou mit der weißen Leona, einer Liebe, die nicht sein durfte? Verzweifelt sucht Rufus’ Schwester Ida nach einer Erklärung. Aber sie findet nur Wahrheiten, die neue Wunden schlagen, – auch über sich selbst. Wie ihr Bruder war Ida lange bereit, sich selbst zu verleugnen, um ihren Traum zu verwirklichen, den Traum, Sängerin zu werden. Wie ihr Bruder hat sie ihre Wut auf die Weißen, die sie diskriminieren. Bis jetzt. Baldwin verwickelt uns in ein gefährliches Spiel von Liebe und Hass – vor der Kulisse eines Amerikas, das sich selbst in Trümmer legt.

Zum Autor

James Baldwin (1924–1987), Ikone der Gleichberechtigung, war der erste Schwarze Künstler auf dem Cover des ›Time Magazine‹. Mit der Neuübersetzung des Romans ›Von dieser Welt‹ startete dtv 2018 die Wiederentdeckung Baldwins in Deutschland.

04:03 03.06.2021
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