Aufklärung der Diaspora

Antisemitismus Nach Georges Bensoussan ging der israelischen Staatsgründung ein Wetterleuchten der Emanzipation in den diasporischen Gemeinden Nordafrikas voraus.
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Ende der 1930er Jahre lebten in Bagdad mehr Juden als in Warschau oder in New York. Beinah am Ende einer zweiundeinhalbtausend Jahre währenden Geschichte der Koexistenz stellten Juden ein Drittel der irakischen Hauptstadtbevölkerung. Sie waren Nachfahren jener ein halbes Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung in die babylonische Gefangenschaft geführten Verlierer im Kampf gegen den zweiten Nebukadnezar.

Georges Bensoussan, „Die Juden der arabischen Welt: Die verbotene Frage“, aus dem Französischen von Jürgen Schröder, Hentrich & Hentrich, 190 Seiten, 19.90 Euro

Der Talmud ist eine Errungenschaft Babylons. Nach der römischen Kolonisierung Judäas stand das Zweistromland über tausend Jahre im Mittelpunkt jüdischen Lebens.

Mit der Gründung des Staates Israels endete die arabische Diaspora flächendeckend. An dem Exodus beteiligten sich neunhunderttausend Menschen. Kein Geflüchteter wurde für sein zurückgelassenes Eigentum entschädigt. In den Häusern der Begütertsten haben sich europäische Botschaften etabliert. Die Diplomatie rauscht über die Unterschreitung der Standards hinweg.

Seit 1948 wanderten aus arabischen und seit 1979 aus dem Iran insgesamt sechshunderttausend orientalische Juden in Israel ein. Ihre Vertreibungs- und Enteignungsgeschichten tauchen in den Abrechnungen der Unbarmherzigkeit nicht auf.

Bensoussan räumt auf

Die Geschichte vom Goldenen Zeitalter der Sepharden in Nordafrika entbehre der historischen Grundlage. Das behauptet Bensoussan. Der Historiker erscheint als Revisor.

Eine Großlegende sagt, dass die ab dem 15. Jahrhundert aus Spanien und Portugal vertriebenen und in Nordafrika wieder bodenständig gewordenen Juden in der Obhut gütiger muslimischer Fürsten gesellschaftliche Anerkennung fanden, die ihre Gemeinschaften aufblühen ließen.

Bensoussan bestreitet das auf der ganzen Linie.

Seine Auswertungen dementieren Überlieferungen. Bensoussan kommt es darauf an, nachzuweisen, dass es der Gründung Israels nicht bedurfte, um das Verhältnis zwischen Arabern und Juden zu zerrütten. Vielmehr sei es in allen Jahrhunderten schlecht gewesen. Die Juden seien in der islamischen Welt alldieweil nur Unterworfene gewesen, die jederzeit willkürlich gepresst werden konnten.

„Was die antijüdische Dimension im Islam angeht, so ist sie historisch und geistig … zu einem gesellschaftlichen Habitus geworden.“ Waleed al-Husseini, zitiert nach Bensoussan

Bensoussan eröffnet seinen Ansichten eine Galerie der drastischen Beispiele. Er zitiert aus Polizeiberichten, Geheimdienstanalysen und erschrockenen ethnologischen Einlassungen europäischer Reisender.

In Schutt und Asche legt Bensoussan einen Prospekt glücklicher Gegensätzlichkeit im Geist verdichteter Unterschiedlichkeit (mit kulturellen Niederschlägen auf allen Seiten).

Bensoussan rückt die Gründungsvorbereitungen Israels in einen Rahmen der allgemeinen Abklärung und zusätzlicher Abkühlungen. Den großen Gegensatz zwischen orientalischen Juden und Arabern habe kein Unterschied kleiner gemacht. Es sei egal gewesen, ob man mit der Kolonialmacht fraternisierte, sich antizionistisch gebärdete und das Lied der guten Nachbarschaft sang. Die arabischen Juden existierten in einem negativen Fokus, der sie in der mehrheitsgesellschaftlichen Wahrnehmung vereinheitlichte. Zugleich beschleunigte ein ungewollter Fortschritt im Zuge kolonialer Herrschaftsentfaltung eine Aufklärung der Diaspora. In „zaghaften Prozessen der Verwestlichung“ emanzipierten sich Juden von einer rückständigen Umgebung.

Die arabischen Eliten sicherten ihre Latifundien mit Ausschlüssen.

Nach Bensoussan ging der israelischen Staatsgründung ein Wetterleuchten der Emanzipation in den diasporischen Gemeinden Nordafrikas voraus.

10:02 04.06.2019
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