Geschenke aus dem Jenseits

Literatur Zinzi Clemmons verfolgt in ihrem Roman „Was verloren geht“ vier Haupthemen. Drei lassen sich einfach aufreihen: Freundschaft, Sex, Tod.
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Thandi graut vor der südafrikanischen Heimat ihrer Mutter. Sie wächst als Tochter einer Krankenschwester und eines US-amerikanischen Professors behütet in Pennsylvania auf. Zu den Kindheitsschauplätzen der Erzählerin gehören Schlösser aus der Zeit, als das weiße Amerika eine Sklavenhaltergesellschaft war. Thandi vergleicht ihr Schicksal, „das Schicksal einer hellhäutigen Schwarzen (mit) einer Obdachlosen in gepflegter Kleidung“.

„Du kannst dich zwar unauffällig unter die Mainstreamgesellschaft mischen … doch in Wirklichkeit kannst du dich nirgends ausruhen, nirgends sicher fühlen“.

Zinzi Clemmons, „Was verloren geht“, aus dem Amerikanischen übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann, Roman, Ullstein, 236 Seiten, 20,-

Zu Thandis Kindheit zählen alljährige Aufenthalte in Johannisburg, die mit strapaziösen Flügen und traumatischen Erfahrungen verbunden sind. Auf beiden Kontinenten existieren solide Verbände wohlhabender und durchsetzungsstarker Verwandten. Am Kap heißt das, Leben in der Festung, eine Schusswaffe in Reichweite. Ganze Straßenzüge sind abgeriegelt. In den Gated Communities geht die Angst um, während daheim in Pennsylvania Witwen sich mit offenen Schlafzimmerfenstern und unverschlossenen Haustüren in Sicherheit wähnen.

Clemmons verfolgt in ihrem Roman vier Haupthemen. Drei lassen sich einfach aufreihen: Freundschaft, Sex, Tod. Die Autorin untersucht außerdem gründlich die kulturelle Differenz zwischen den Herkunftsgesellschaften von Thandis Eltern.

Clemmons schildert Thandis Mutter als Eroberin, die sich die amerikanischen Möglichkeiten beinah brachial unter den Nagel gerissen und sich ihren Mann (als Garanten eines besseren Daseins) genommen hat.

Man vernimmt das leise Erstaunen der höheren Tochter angesichts der von ihr selbst angeführten Beispiele für zupackende Einsätze - Vorformulierungen von Thandis Ansprüchen und Spielräumen.

Thandi memoriert rassistische Unterscheidungen zwischen hellen und dunklen Schwarzen. Ihre einzige Rebellion kommt daher, dass die Mutter weiße Ressentiments kultiviert.

Eine Erzählachse hängt am Tod der Tatkräftigen.

„In den Wochen nach dem Tod meiner Mutter hatte ich ein unstillbares Verlangen nach Sex.“

Thandi befriedigt sich in ihrem Kinderbett, sie bleibt in der elternhäuslichen Ordnung, die den stärksten Gegensatz abgibt zu den Liebesnestern, in denen „Bücher prekäre Stapel bilden“.

Freunden der Verstorbenen gelingt plötzlich lange Versagtes.

„Zwei Wochen nach der Beerdigung … wurde eine Cousine, die sich zwölf Jahre ohne legale Papiere durchgeschlagen hatte … die Green Card ausgestellt.“

Die Begnadigte erkennt darin ein Geschenk von Thandis Mutter „aus dem Jenseits“.

10:26 30.03.2019
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