Getanzte Postapokalypse

Kastanienallee Jeder hat einen Freund der mit achtzehn Stadtmeister war und nicht weiterkam, weil alle anderen in seiner Gewichtsklasse längere Arme hatten. Doch nicht jeder ...
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Der Nachwuchs von Dock 11 kam zum Einsatz, als sich schon was zusammenbraute. In einem gespenstischen Da zwischen toxischem Gelb (ein von Kunstnebel verstärkter stroboskopischer Effekt) und dem Orange der Warnschutzjacken drehten Kinder als Überlebende einer Katastrophe, die das Leben global aus den Gleisen springen ließ, die letzten Runden der Menschheit in schrecklicher Ausdauer. Sie tanzten die Postapokalypse nach Motiven von Cormac McCarthy und einer Choreografie von Carmen Martini. Die Szenen hatten ihren Ursprung in dem Roman „Die Straße“. Carmen hatte das Grauen für ihre Eleven didaktisch aufbereitet, deshalb ein paar Nächte schlecht geschlafen und sogar einen wiederkehrenden Albtraum gehabt, dessen Schilderung ich mehrmals über mich ergehen lassen musste. Meine Exemplare sind stets im Müll gelandet, um antiquarisch ersetzt zu werden.

Man zeugt Kinder mit vorsorglicher Absicht. Im Bauch der Frau wird ein Fleischvorrat angelegt. Das ist die letzte Wahrheit über Elternliebe.

Ich hatte mich geweigert, mit Carmen die „Straße“ zu überqueren. Wie ich mich auch wandte, überall sah ich BH-Träger. Das ging so seit Wochen. Jetzt kam ich dahinter, in diesem Sommer trägt man schulterfrei. Das ist eine Verpflichtung.

Die Straße in den Knochen und die Gesichter von gestern

Ich grüßte ein paar Straßenkinder im Vorruhestand. In ihrer Matrix steckte ein Teufel der Ungenauigkeit. Nie was richtig gelernt. Alles immer nur aufgepumpt, gepimpt, getrimmt und aus dem Gelenk geschleudert. Wie abgeschrieben von Wikipedia.

Unsere Hirne sind struppig. Wir haben die Straße in den Knochen und die Gesichter von gestern.

Was willst du? Vor siebenhunderttausend Jahren war der Ärmelkanal ein Fluss und die Themse zählte zu seinen Nebenflüssen, und einen erdgeschichtlichen Wimpernschlag früher war der Bach meiner Kindheit so breit wie der Amazonas. (Siehe Wikipedia)

… so ist Murat noch immer, so rapid und aufs Raushauen aus. Der Motor des Lebens läuft für den alten Rotzlöffel zu langsam.

Das Leben in der Sporttasche

Nach einer Abmahnung vom Trainer … speck ab oder zieh Leine … hat er vor vierzig Jahren die Freude am Sport verloren. Er befindet sich noch auf dem Weg von dem Boxer mit einem Leben in der Sporttasche zum Kottbusser Tor.

Ich war zu schwer, so einfach ist das. Mir fehlte Reichweite. Ein Reichweitendefizit ist keine Kleinigkeit, mein Lieber.

Murats Suada streifte die Figur des kleinen Mannes. Wenn zwei Kämpfer gleich schwer und gleich gut sind, muss der im Vergleich kleine Mann größere Risiken eingehen als der große.

Jeder hat einen Freund der mit achtzehn Stadtmeister war und nicht weiterkam, weil alle anderen in seiner Gewichtsklasse längere Arme hatten. Doch nicht jeder erklärt sich in Kategorien von Reichweite auch noch vierzig Jahre später das Leben.

Gerd Pappnase nässte an. Jana Simon vermutete ich unter einem Regenschirm. Vielleicht halluzinierte ich bereits … auch das innere Gelände muss gerodet und mit Disziplin eingefriedet werden. Fortgeschrittene stellten die Mimik ein und erschienen undurchdringlich im Kreuzgang zwischen Straße und S-Bahn-Trasse.

Loriot-Doppelgänger lockte der Sturm in einen Spätkauf. Ich sah einen Strauß pensionierter Studienräte, die ihr Kleingeld bei Syrern loswurden. Überall sind Syrer da, wo letztes Jahr andere unten auf der Leiter standen; urbane Adoleszenten, für die Berlin keine große Sache zu sein scheint.

11:57 22.07.2018
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