Goldener Alltag

Schultheater Orlando-Steinfeld hebt die Schultern. Sie ahmt erbarmungswürde Resignation nach. Wir durchschauen das Täuschungsmanöver.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Gemeinsam mit Jackie von Orlando-Steinfeld tritt Kleist bei einem Vorlesewettbewerb auf. Die beiden wirken wie ein Paar, vom Dünkel zusammengeschweißt.

Eingebetteter Medieninhalt

Yves ist der einzige Schüler-Regisseur. Den Status verdankt er einem gewaltigen Pensum. Immer wieder muss Yves die Schar der Theater-AG im Wettbewerb mit dem regiesüchtigen Deutschlehrer, Großinquisitor und Meister vom Steinernen Topflappen (die Zuschreibung spielt ernsthaft auf eine heraldische Anomalie an) Karajan von Suppé für seine Ideen begeistern. Doch sobald er das Ensemble gewonnen hat, stellt keiner mehr eine Hierarchie in Frage, die Yves die Rolle des Befehlsgebers garantiert. Als Regisseur besitzt er die Macht, andere Zöglinge aus der Fassung zu drehen. Er schleift sie rund.

Yves bringt Prinzen zum Weinen. Er macht Bittsteller aus ihnen. Seine Energie kommt zumindest auch aus einer hellen Intelligenz. Mit intuitiver Genauigkeit treibt Yves durch die Stadien der Stückentwicklung. Eine Zärtlichkeit wie für einen Säugling zeigt sich manchmal. Eine milde Depression zieht ihn auf eine Außenbahn, seit Simon von Kleist sich von ihm abgewandt hat. In der Internatshierarchie rangiert Yves im oberen Mittelfeld, ist aber kein Star, während Kleist viel tiefer bei den Dummen und Trägen verortet wird. Kleist muss sich einiges bieten lassen und zeigt Anzeichen einer Sozialaversion.

Im Ersten Weltkrieg tauchten eine Reihe von Krankheitsbildern auf, die man zunächst für Simulationen hielt, weil sich keine organischen Ursachen feststellen ließen. Man assoziiert sie heute vor allem mit den sogenannten Schüttlern, die unkontrolliert vor sich hin zucken und zittern. Bei der Erforschung der Symptome kamen Militärpsychiater zu der merkwürdigen Feststellung, dass solche Kriegstraumatisierungen von den Patienten nicht anders wahrgenommen werden als heftiger Liebeskummer.

Also ist Yves Schwerwiegendes passiert. Trotzdem bemüht er sich weiterhin um Vergoldungen des Alltags. Er liebt es, Vergleiche anzustellen, Ankündigungen zu machen, Devisen auszugeben und kuriose Bewertungen vorzunehmen. Doch vermeidet er es, sich an der langen Tafel zum Kasper zu machen. Er sehnt sich nach einem Freund mit Sommersprossen auf den Schulterblättern. Er ist ganz bei Foucault und dessen Schmalstellung von Sexualität und Identität. Nichts erscheint ihm plausibler, als alle Fragen dem Sex zu stellen; auch an den Sex, den er nicht hat.

Kleist trudelt durch alle möglichen Zustände und redet so vor sich hin. Er ist auf Nebensachen fokussiert; wie wer die Nase krauszieht und die Mundwinkel zucken lässt. Sein Name zieht noch bei den ins Sediment abgesunkenen Gräfinnen. Gemeinsam mit Jackie von Orlando-Steinfeld tritt Kleist bei einem Vorlesewettbewerb auf. Die beiden wirken wie ein Paar, vom Dünkel zusammengeschweißt.

Das ist die Konstellation. Orlando-Steinfeld weist Kleist im Verlauf des Abends in einer von flusiger Landschaft eingeschlossenen Großstadt nicht unbedingt freundlich auf die Differenz hin, die Kleist und ihr sehr verschiedene Vorteile bietet. Es muss alles erst einmal geübt werden, auch wie man als geborener Zögling mit einem Stammbaum bis in die Steinzeit in der Gesellschaft einer von Privatlehrern unterrichteten Elevin ein Frühstück hinbekommt. Die kulturellen Applikationen splittern vom Holz der Gewöhnlichkeit in einer Wohnung aus dem Kleist‘schen Bestand. Kleist wusste nichts von der Wohnung, bis ihm ein Faktotum den Transponder in die Hand gedrückt hat. In Kleist verwirrt sich allerhand. Er ist daran gewöhnt, als Dumpfbacke nicht in Frage zu kommen.

Man hat ihm nahegelegt zu glauben, seine Ausgeglichenheit sei ein Fehler und er bedürfe der ermahnenden Beobachtung. Bis eben hat er für natürlich und seinem Wesen gemäß etwas anderes gehalten als jetzt, da ihm diese exzellente Person schöne Augen macht.

Es geht in Jahrhunderten nicht darum, etwas richtig zu machen und ausgefallen zu sein, sondern darum, zu gehorchen. Lasst uns alle Fehler machen, die eine schlecht beratene, von Idioten geführte Mannschaft begehen kann, das ist immer noch viel besser als so ein verdammtes Genie, das die Linien sprengt und uns auseinanderreißt. In diesem Geist wird Kleist erzogen. So versteht auch Orlando-Steinfeld den Erdkreis. Ein guter Name, ein funktionierender Penis, kein Buckel und viel Geld: darauf ist die Welt gestellt.

Orlando-Steinfeld erkennt ihren Charakter auf einem Foto. Sie zoomt die Konturen und konstatiert das günstige Ergebnis mit einer sich selbst zurückweisenden Kühle. Sie ist nicht weniger als Kleist von Haus aus darauf getrimmt, Emotionsregulierung zu betreiben. Ich habe euch ja vorgelesen, was die frühen Christen für ein Theater veranstaltet haben, ich sage nur Sünder Support Service. Man mietete einen Schrank voll (alte Maßeinheit) Klagebrüder und dann wurde drei Tage durchgezetert.

Orlando-Steinfeld wurde darauf vorbereitet, sich ihrer standrechtlichen Erschießung gewachsen zu zeigen. Man weiß doch nie. Mit einer kühlen Fingerspitze berührt sie ein Knie des Kleist. Ob er es denn zu erwägen ....

„Du hast es doch selbst gesehen.“

Kleist bleibt skeptisch. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

Orlando-Steinfeld hebt die Schultern. Sie ahmt erbarmungswürde Resignation nach. Wir durchschauen das Täuschungsmanöver.

Zur gleichen Zeit bedenkt Yves in dem Verlies, das den Theaterfundus im Ganzen als ein schimmelnder Gegenstand der Sorge bewahrt, Kosten der Selbstbeherrschung. Den Ohnmächtigen degradiert jede starke Lebensäußerung. Den Mächtigen möchte man gar nicht ohne Temperament. Die Wut lässt ihn menschlich erscheinen. So wie Wut einen Schwächling lächerlich erscheinen lässt.

„Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt.“

Vor die Wahl gestellt, philosophische Autonomie zu erlangen oder Kleist zurückzugewinnen, wäre vorläufig noch der Preis für Kleist zu entrichten. Yves will den Führbaren zurück. Doch der steckt fest in neuen Verhandlungen. Unter einer charaktervollen Larve macht es sich qualifizierende Dummheit bequem. Nichts fände Orlando-Steinfeld abstoßender als einen intelligenten Mann. Ein kultivierter Ochse, schwergängig wie ein Bauer, ist genau das Richtige, um eine neue Generation auf die Beine zu stellen.

13:55 12.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare