Gott ist Georgier

Nino Haratischwili erzählt auf knapp dreizehnhundert Seiten eine kaukasische Saga im Jahrhundert des Terrors - „Das achte Leben“ schwelgt in Farben der Verschwendung
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Nachdem Gott die Welt erschaffen hatte, war er urlaubsreif. Er suchte den gelungensten Flecken Erde und fand ihn in Georgien. Als Chruschtschow nach Stalins Tod die Verbrechen einer Epoche öffentlich ansprach, äußerte sich Unmut in der Heimat des Despoten. Die Protestanten wollten auf den georgischen „Gott“ Stalin nichts kommen lassen. Es gehörte zu ihrem Stolz, in Stalin einen Landsmann gehabt zu haben, der ein Imperium wie ein tyrannischer Hausherr „unter seine Knute zu zwingen“ imstande gewesen war. Nino Haratischwili erinnert daran im Deutschen Theater. Die aus Tiflis gebürtige Autorin stellt ihr Epos „Das achte Leben (Für Brilka)“ vor - eine Familienrhapsodie mit einer Spanne von sechs Generationen. Am Anfang steht ein verschreibungspflichtiges Rezept für heiße Schokolade, das den Stammvater in der Gründerzeit von 1900 wohlhabend macht. Dreißig Jahre später wird seine Tochter Christine Geliebte des sowjetischen Geheimdienstchefs Beria. Der Georgier Beria teilt mit Goebbels eine Schwäche für Schauspielerinnen. Der Zampano des Terrors bestellt sich Schönheiten nach Hause und verwirrt sie mit kunstsinnigen Bemerkungen. Die Autorin liest im Duett mit Gabriele Heinz, sie antwortet auf Fragen ihrer Lektorin Sina Witthöft. Ein Rezensent wird zitiert: „Der Roman sei maßlos im Umfang“, doch könne er keinen Satz entbehren. Die vielen „Zeilen“ verdankt Erzählerin Niza „einem lange andauernden Verrat, der sich wie ein Fluch über meine Familie gelegt hat“. Niza berichtet ihrer Nichte Brilka. Dem Nesthäkchen der Dynastie geht es vermutlich so wie der in Deutschland aufgewachsenen Autorin, die sich Georgien zunächst in der westlichen Perspektive erschloss – bevor sie anfing aus Quellen zu schöpfen, die auch geografisch dichter am Geschehen sind. Nino Haratischwili räumt sachliche Darstellungen in eine Villa Kunterbunt der Mythen und Märchen. Im Deutschen Theater erwähnt sie die Macht des Kaffeesatzes und des bösen Blicks als Verhaltensrelikte einer Gesellschaft auf archaischem Grund. Den Georgiern sei ein Tugendpfad geläufig, auf dem man nie allein ist. Man lehre sie, „gläubig und fröhlich“ zu sein, in einem Land „ohne Ehrgeiz“. Die Autorin spinnt die Text & Teppich-Metaphorik weiter. Der Text als Gewebe – zu Elegien aus Tausend und einer Nacht. Die heiße Schokolade des Altvorderen (ich glaube, er ist der Ururgroßvater von Brilka, in jedem Fall stieg er auf bis zu einem Lieferanten des Zaren) war „schwarz wie die Nacht vor einem Gewitter“. Sie explodierte auf dem Gaumen oder ließ den Gaumen explodieren oder wirkte sich schwindelerregend auf den Gaumen aus. Der Komponist dieser Kreation war ein Mann von kollaborierender Lebensweise, seine Ehe „weder arrangiert noch glücklich“. Männlicher Nachwuchs stellte sich nicht ein, „war die Schokolade vielleicht zu köstlich? Lag ein Fluch auf ihr?“ Jedenfalls wird auch seine Tochter Christine nicht glücklich. Der eifersüchtige Gatte verätzt erst ihr Gesicht mit Säure, dann erschießt er sich mit einer Walther PPK. Nino Haratischwili behauptet, das XX. Jahrhundert habe alle betrogen. Den Kaukasischen Fünftagekrieg von 2008 erlebte sie als Urlauberin in Tiflis auf rauschenden Festen. So mixt sich das bei dieser Erzählerin.

Nino Haratischwili , „Das achte Leben (Für Brilka)“, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, 1280 Seiten, Euro 34,-

09:29 29.09.2014
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