Grabgesang für Piotr

Anna Rheinsberg Du riechst nach Brot. Nach Glück, Furcht und Schlaf riechst du, und deine Hände sind Blätter.
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Aus meinem Briefwechsel mit Anna Rheinsberg

„Wie kommen Sie durch den Winter?“ frage ich. Anna entgegnet: „Mit Geschichten“.

Du warst in Kassel, lieber Jamal? Habe ich das richtig gelesen? Gestern sprach ich mit Henrike Taupitz, wir sind befreundet, sie kam, seltsam, kurz nachdem Basco sich zum Sterben hinlegte, in mein Leben. Henrike mag Dich ganz gern, Ihr seid bei einer Veranstaltung in Frankfurt zusammen getroffen? Du solltest mit Bianca Döring lesen, die krank geworden war.

Ist ein anrührender Text, der Deine. Ich war im Mai 07 mit einer mir bekannten Hure in einem Großbordell in der Ecke Allerheiligenstraße, dort wo auch Renate Chotjewitz lebte, und habe später einen kleinen Artikel geschrieben, auch im GEGNER veröffentlicht. Kennst Du diese anarchistische Zeitschrift von Papenfuß &Co?

Frankfurt war nie schön, ein paar Straßenzüge ausgenommen. Luchterhand (und mein alter persisch-kurdischer Freund) war um den Holzhausenpark zu Hause, lange her; es gibt schon die eine oder andere hübsche Aussicht. Kürzlich bin ich im Dunkeln zum Gästehaus der Universität gelaufen, die Cornelia-Goethe-Gesellschaft tagte (wurde v. meiner ehem. Chefin v. HR Frauenfunk mitbegründet), ich lief durch eine endlos lange stille sehr reiche Straße. Höre gerade, dass der Herkules wieder sichtbar den Bergpark überragt. Das stimmt doch nicht. Letzte Woche war er noch verpackt. Ich schob da nämlich mit meiner alten Deutschlehrerin kurz um die Fontäne. Aus der Südheide habe ich Schnupfen mitgebracht. Nachher muss ich zu Lidl. Anstrengend. Und
dann den Antrag für VG Wort schreiben. Du hättest damals vielleicht Gala Dali zurückwinken sollen. Warum hast Du das nicht getan? Gaga-Gala war sicher ein spannendes Urschel. Schade. Im neuen Jahr werden wir Zwei uns einmal
treffen. Das möchte ich. Wir gucken mal. Schönen Montag, Anna

Grabgesang für Piotr

„Ich sehe, dass der Mann auf der Frau liegend weint. Ich sehe von ihr nur die Bewegungslosigkeit. Ich weiß es nicht, ich weiß nichts, ich weiß nicht, ob sie schläft.“ Marguerite Duras, Der Mann im Flur

Gehst du auf die andere Seite, wirst du auch erschossen. Arschloch. Komm zurück, sage ich.

Du kommst nicht. Wo bist n du? Tot bist du.

Weißer Dreck. Engel. Ich bin deine schöne große Katze. Katze ist aufgegessen, Piotr. Was man so frisst, wenn nichts da ist und Mama einen in der Mülltonne vergisst. Mama sitzt bei Aldo. Wenn sie nach Hause kommt, wäscht sie dir den Mund mit Seife aus. Du hast geschrien. Du liebst Mama. Bist klauen gegangen, guck mal, Mama. Für dich. Hältst es ihr hin. Seife schmeckt nicht.

Gibt nichts zu erklären. Das Bett ist wieder vollgepisst. Dein Alter ist auf der Werft. Abgang. Und ein schrecklicher. Wie im Leben. Der Alte wird sich nicht erinnern, wer du bist. Er knurrt nicht mal Guten Tag, als du vor ihm stehst. Zweiundzwanzig und schön. Zugekifft, blond, ein kräftiger Junge. Meine Wiege und mein Brautbett. Jede macht sich nass, wenn sie dich nur sieht. Von dreizehn an aufwärts.

Siehst aus wie Jakob. Jakob B., Vater von Piotr. Du riechst nach Brot. Nach Glück, Furcht und Schlaf riechst du, und deine Hände sind Blätter. Dünn, zart. Ich bin zornig auf dich, denn du bist tot. Du hast mir nicht Aufwiedersehen gesagt. In meinem Träumen zeigst du mir eine große, frisch verheilte Narbe auf deiner rechten Wange, schulterst Gepäck, Musikinstrumente. Läufst an mir vorüber, ich rufe nach dir. Ich bin in Eile, ich muss einkaufen gehen. Gib mir deine Hände! rufe ich. Du drehst dich um, kommst. Legst eine Hand in meine. Wie heißt du? frage ich. Piotr. Du ziehst die Schultern hoch und seufzt. Ist das dein richtiger Name? frage ich.

Hast rotgefärbte Schläfenlocken und einen kleinen Bart. Hängst bei dem Alten vor der Tür. Du bist den ganzen weiten Weg gefahren. Vielleicht gelaufen. Ich weiß nicht mehr.

Morgen mehr.

06:03 31.05.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Ausgabe 25/2018

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