Grammatik der Körper

Gymnastik Seit 1872 wird die Gymnastik von jeder politischen Strömung aufgenommen. Gleich welche Modellierung der Szenen Sie beobachten: Sie sehen stets das gleiche Bild ...
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Glasperlenspiele & Gymnastik

Wir identifizieren den Wilhelminismus der Belle Époque mit einem überspannten Regime, dem Wirtschaftswunder der Gründerzeit sowie einer Vorliebe fürs Militärische, dem Marsch, der Parade. Vom Straßenkehrer bis zum Professor affizieren den Untertanen die Uniform und das klingende Spiel. Das ist das eine. Das andere ist das Glasperlenspiel. In seine Umgebung gehört die Naturheilanstalt Vegetabile Cooperative Monte Verità. Zwar hat Kaiser Wilhelm II. in der Schweiz nichts zu melden, aber die deutschen Reformer*innen bleibt auch am Lago Maggiore Bürger*innen des Reiches; zumal es in Brandenburg schon die Oranienburger Obstbau-Kolonie Eden gibt. Alles dreht sich um gesunde Lebensführung im Einklang mit der Natur und im Zentrum dieser (vermeintlich antiautoritären) sozialen Großbaustelle steht die Gymnastik.

Ästhetische Winke

In meiner Verwandtschaft gab/gibt es keine markante Persönlichkeit, die nicht auf dem Gymnastiktrip war. Meine Großmutter schlug noch im hohen Alter juchzend Räder. Mein fünfundachtzigjähriger Vater turnt jeden Morgen. Die Akteure kamen/kommen aus unterschiedlichsten Winkeln des Lebens, überall brach/bricht sich Differenz Bahn, doch jeder hat(te) sein Übungsrepertoire, auf das er schwört.

Das deutsche Ding seit 1872 ist die Gymnastik. Es wurde von jeder politischen Strömung aufgenommen. Gleich welche Modellierung der Szenen Sie beobachten: Sie sehen stets das gleiche Bild und den gleichen Eros.

Carmen Baby Kerr wächst mit einer krankengymnastischen Praxis und im Geist der Reformbewegung auf. In diesem Milieu vermutet man in jedem Körper die reine Form. Das ist eine spirituelle Aufgabe. Über die Herstellung einer gesunden Haltung reicht sie weit hinaus. Die Debütantinnen trimmen sich nach Anweisungen der amerikanischen Fitness-Ikone Bess M. Mensendieck. Ihre Vorlage heißt „Körperkultur des Weibes“. Schön finde ich den Untertitel „Ästhetische Winke“. Mensendiecken steigt vorübergehend zum Verb auf.

Carmens Familie ist gerade aus der Oststadt aufgestiegen. Der Vater garantiert als Papierfabrikant die bürgerliche Spielart im eleganten Vorderen Westen. Das erlaubt der Tochter eine beinah spleenige Freiheit zwischen Wandervogel-Erlebnissen und Körperarbeit in der Regie von Frau von Suppé, eine dem Schematischen abholde, aufs Fühlen hinführende Lehrerin.

Solche Yoga-Derivate haben Konjunktur zu allen Zeiten. Obwohl die wenigsten zur Meditation und der bewussten Atmung genug Geduld mitbringen, bleiben Wellness-Spots attraktive Ziele. In Spezialturnerriegen sind sie das, was die Bahamas für den deutschen Touristen um 1920 sind. Kaum einer kommt dahin, aber viele halten den atlantischen Archipel für verlockend.

Carmen geht nach Künzell und verbessert sich in der Kunst der Leibesübungen nach dem auf Eurythmie und Anthroposophie basierenden, nicht athletischen Loheland-Konzept.

Bald mehr.

08:00 06.02.2021
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