Gravitationsterror

Hazel Brugger Nachrichten aus Neben- und Nebeltälern des helvetisch-juvenilen Ichselbst
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Gleich nach der französischen Revolution entdeckte man, dass Ansichten, die vorher den herausragenden, bei Hof zugelassenen Denker gemacht hatten, rasend volkstümlich geworden waren. Die Revolution habe den menschlichen Geist beschleunigt, meldet Karl August Varnhagen von Ense dem Freund Karl Georg Jacob. Ein anderer Autor reichte der Skepsis seine Feder: “Man treibt bei jedem Wetter Ideenkommerz, bläst sich auf und hat leichtes Spiel. Jeder Unfug vervielfältigt sich wie ein Blitz im Spiegelsaal.”

Hazel Brugger ergänzt die Kritik auf dem Hochsitz der Gegenwart. Sie nimmt den Leser mit ins Kino zu “Fifty Shades”. Da schwankt sie zwischen der Zusammenfassung und einer Vernichtung des Geschehens. Sie sitzt neben “klimakterische(n) ... Damen ... Modell: ein Mann kommt mir nicht ins Haus, die Katzen machen schon genug Dreck”. Bruggers Ekel terrorisiert die Autorin. Lieber möchte sie einem Gürtelttier zusehen, wie es sich suggestiv entkleidet, als diesen Sex-Legasthenikern auf der Leinwand. Sie fragt sich: “Und was denn ich für eine bin, mir über das langweilige Rumgevögel anderer Gedanken zu machen.”

Der altersgerechten Arglosigkeit verweigert die Dreiundzwanzigjährige die Gefolgschaft. Das hat natürlich auch etwas Abstoßendes, es stellt sich die Frage: Was soll da noch kommen?

Vielleicht übernimmt The Brugger bald die CH-Regierung und lässt alles Diverse vernichten, das an ihren Leichtsinn erinnert. Für ihren Ruhm schlachtet sie jetzt schon in formporöser Prosa den Kinderzimmerblues so wie das, was kommt, wenn man vierzehn ist und die “Blüte des Beschissenseins” sich an einem vollendet.

Brugger bestaunt die Allüren ihrer Generationsgenossen, ohne sich zu schonen. Sie macht jede madig, nicht ausgenommen die Gravitation. Ihr ist klar, was allgemein fehlt: ein grammatisch femininer Pornopenis, der in jeder Jungenumkleide dieser Welt eine naturrechtliche Vormachtsstellung garantiert.

Brugger plädiert gegen Bonobo-Soziallösungen. Sie weiß, was interessiert: Dass nur elf Prozent der zum Tod verurteilten US-Amerikaner Gemüse zum letzten Burger wollen.

Brugger wurde in San Diego geboren, sie unterrichtet slamming (poetisches). In Nebraska erkannte sie den Zusammenhang zwischen der deutschen Nationalmannschaft und einer Vorliebe amerikanischer Landjugendlicher für Germanistik: “Wenn Götze in der Verlängerung ... seinen Brustkorb und linken Fuß richtig vor dem Tor platziert, lernen vierzehn Monate später Armeen junger Farmerkinder den Konjunktiv II.”

Hazel Brugger, “Ich bin so hübsch”, Diverses einer Gefeierten, Kein & Aber, 176 Seiten, 10 ,-

09:51 12.05.2016
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