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Deutsches Theater Berlin Was kann Literatur für die Verständigung über europäische Identitäten und Lebenswelten leisten? Mely Kiyak, Nicol Ljubić, Tilman Spengler und Antje Rávic Strubel ...
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haben Autorinnen zu einer Langen Nacht der Europäischen Literatur nach Berlin eingeladen.

“Die Zivilgesellschaft steht unter Druck”, sagt Khuon. In Europa schwinde die Freiheit, während ein überwunden geglaubter Chauvinismus an die Tröge der Macht zurückkehre. Nun dürfe niemand mehr schwanken zum Schaden der Demokratie. Jedes Vasallitätsverhältnis zu Totalitären sei unbillig, lasst uns Europa für die Ideen der französischen Revolution wieder erobern, ganz so wie Garibaldi 1860 Sizilien den Bourbonen entriss.

Na gut, ganz so flamboyant spricht er nicht, der DT-Intendant. Zumal Tilman Spengler unterbrecherisch vorprescht. Er gibt ungefragt den guten Mann als Übersetzer, schränkt in Wahrheit aber den verlässlich Deutsch sprechenden Hausherrn ein und setzt ihm eine Narrenkappe auf.

Khuon kommt also nicht unblessiert aus der Nummer. Ihm folgt Lidija Dimkovska aus Mazedonien auf die Bühne. Shelly Kupferberg stellt sie vor. Dimkovska tigert zwischen Mazedonien, Slowenien und Rumänien. Rumänien nach Ceaușescu, sagt Dimkovska, “das war ein Roman”, auf den sie mit Gedichten reagierte.

Sie kann sich vorstellen, überall zu leben, im Studium des Elends verschiedensprachig Gewinne erzielend. Neben mir sagt eine künstliche Mimose zu der gymnastisch graduierten Pilatespersönlichkeit, mit der sie gekommen ist: Misery makes strange bedfellows. Ursprünglich bedeutete Elend fern der Heimat zu sein. Bedenkt man die Etymologie gewinnt die Shakespearezeile Misery makes strange bedfellows - Das Elend schafft wunderliche Bettgenossen einen aufreizenden Wert. Der Elende legt sich zu der Alleinstehenden, siehe Fassbinders “Angst essen Seele auf”.

Der Elende legt sich zum Elend. Dimkovska entnimmt ihrer Weltläufigkeit die triste Einsicht, dass man in jedem Land Europas die gleichen Souvenirs angeboten bekäme, der ganze Ramsch made in Taiwan.

Barbara Schnitzler und Thorsten Hierse lesen Dimkovskas Gedichte auf Deutsch. Die Rede ist von einem Asylantenheim unter der Erde als Aufenthaltsraum für Selbstmörder. Sie müssen mit herabsetzenden Distanzierungen gewöhnlicher Toter leben (?) oder bloß wieder nur tot sein. In der morbiden Suada überlebt K.u.k.-Klingeling. Die Bilder sind mäßig originell, der Anspruch sitzt in verstaubten Spalten. Diese Poesie lebt von Einfällen, wie man sie in renovierungsbedürftigen Wohnungen haben könnte.

Dimkovska geht ab, Jaroslav Rudiš kommt. Der Tscheche hat die sagenhaft schwarze Novelle “Alois Nebel” geschaffen, er ist auch Bierexperte.

“In Tschechien findet das Politische in der Kneipe statt.”

Nach zehn Bier ist jeder Psychologe oder sonst ein Kenner. Der Autor kann mit einem schlimmen Fuß renommieren, Rudiš formuliert das so: “My Knöchel related to beer.”

Er liest selbst, kurz auf tschechisch. Seine Muttersprache findet Rudiš befremdlich. “Nationalstraße” heißt die Geschichte, sie handelt von Vandam, einem Plattenbausheriff, der zu Handarbeit rät. Sein Habitat ist ein Balkon, den bewohnt er bei jedem Wetter in Unterwäsche, ohne sich je zu erkälten. Im Auge behält er einen Wald hinter dem letzten Haus, den er zum Schauplatz seines wiederholt angekündigten, immer aufgeschobenen Selbstmords machen will. Vandam trinkt (Bier und) Myslivee, das ist “Alkohol mit menschlichem Antlitz”.

Kämpft das Sauerkraut in Vandams Bauch mit Schweinebraten, Knödeln und Bier, ist “Stalingrad” gefällig. Die Familie wird andächtig bei den Geräuschen des Darmkriegs.

Sigurjón Birgir Sigurðsson, kurz Sjón, kommt aus Island und war für einen Oscar nominiert. Ich habe ihn vor der Veranstaltung als dröhnende Zustimmungsmaschine erlebt. Minutenlang taktete sein emphatisches Ja ein Gespräch, von dem ich sonst nichts mitbekam.

Er lebt als Heimkehrer in Reykjavík. Er sagt: “Heimat, das ist die Saga, zu der man zurückkehrt.”

Morgen erzähle ich, was Sjón in “Der Junge, den es nicht gab” erzählt.

09:24 10.05.2016
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