Gunship Boogie

Secret Service Blues Michael hat das Springergen. Wenn andere mit Psychotechniken ihre Angst in Schach halten und für sie sich gerade alles darum dreht, den Mut nicht zu verlieren, juchzt ...
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Michael Müller aka Michael Miller aka Martin Cooper hat das Springergen. Wenn andere mit Psychotechniken ihre Angst in Schach halten und für sie sich gerade alles darum dreht, den Mut nicht zu verlieren, juchzt Michael in den höchsten Tönen seelisch-sexueller Erfüllung.

Max Claro, „Der Rausholer“, Roman, Heller Verlag, 365 Seiten, 19,90 €

Der Tote im Zug

Paradoxe Reaktionen erlauben kein stromlinienförmiges Leben. Sie gestatten aber einen Avantgardismus in eigener Sache. Einzelkämpfer Michael bietet sich der CIA als Idealbesetzung in der Rolle eines Agenten an, war es ihm doch möglich, in einem Worstcase-Szenario binnen achtundvierzig Stunden zweimal die Identität zu wechseln und als Gesuchter nahezu mittellos zigtausend Flugmeilen abzureißen. Man trimmt ihn auf der Farm, dem CIA-Ausbildungszentrum. Da verbessert Michael seine Nahkampf-Skills auch mit Krav Maga-Lektionen.

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Als Escape Agent betreibt er von München aus Fluchthilfe auf Honorarbasis mit Erfolgshonorar. Einmal bringt ihn ein Kollege der Konkurrenz um die Prämie, indem er den von Michael Betreuten erschießt. Michael versucht trotzdem, etwas herauszuschinden. Immerhin hat er die Leiche (übrigens in der Rolle eines Schlafwagenschaffners) durch den Eisernen Vorhang geschmuggelt. Die Fokussierung zeigt den Charakter.

Stay tough & tight. Stay focused. Stay in shape.

Plötzlich erscheint Barry auf der deutschen Bildfläche. Sie erinnern sich.

Rückblende/Gunship Boogie

Da Nang im Dezember 1971. Captain Winslow „Barry“ Meeker ist einer von den Feuerfesten. Fast zwei Meter lang, raucht und trinkt der polyglotte, bereits zweimal angeschossene, mit einem donnernden Ego gesegnete Hubschrauberpilot alle Teufel unter den Tisch, um „auch noch nach zehn Dosen Bier stocknüchtern“ aus dem „Steppenwolf“ zu zitieren.

Die Unsterblichen

Immer wieder aus der Erde Tälern/Dampft zu uns empor des Lebens Drang: Wilde Not, berauschter Überschwang,/Blutiger Rauch von tausend Henkersmählern,/Krampf der Lust,/Begierde ohne Ende,/Mörderhände ... Angst- und lustgepeitschter Menschenschwarm/Dunstet schwül und faulig, roh und warm,/Atmet Seligkeit und wilde Brünste,/Frisst sich selbst und speit sich wieder aus,/Brütet Kriege aus und holde Künste,/Schmückt mit Wahn das brennende Freudenhaus …

Der minderjährige Fallschirmjäger und Sanitäter (der Screaming Eagles aka 101st Airborne Division) Michael lernt Barry in einem Zelthospital kennen. Jetzt evakuieren Barry und Michael für die CIA interessante Leute in einem Hubschrauber aus dem Ostblock. Sie fliegen unter dem feindlichen Radar.

Nebenbei absolviert Michael drei Ausbildungen. Er arbeitet kurz in der Münchner Universitäts-Nervenklinik, begeistert vom Wahnsinn der anderen. Aber dann kommt das wieder, was man als Empathie-Leck beschreiben könnte.

„Wenn man so ziemlich alle Fallvarianten erlebt hatte, wurde es langweilig.“

Michael hat jedenfalls kein Helfersyndrom. Sympathisch finde ich, dass er erst gar nicht versucht, sein abenteuerliches Herz unter einem Phrasenbeet zu begraben.

Eros & Thanatos poussieren gern in Krankenhäuserhinterzimmer. Kaum mischt Michael in einer Schwabinger Notaufnahme mit, schenkt ihm OP-Schwester Birgit „das schönste Lächeln, das ich je bei einer Frau gesehen habe“.

Birgits Küsse haben die Intensität von Internal Force. Sie gehen durch und durch und erledigen all das, was normalerweise nur durch die Manipulation von Geschlechtsteilen erreicht werden kann. Der Autor beschreibt die Einheit von Action & Akteur auf der Stufe höchster Perfektion. Im Gegenzug bringt der Begünstigte Birgit in Kontakt mit der Mühelosigkeit des Freifallspringens in den Saumseligkeiten der Angstbefreiten.

Gleich mehr.

Screaming Eagles

"Wir haben nur den Menschen geholfen."

Da Nang im Dezember 1971. In einer Bar lernt der deutsche GI Michael Miller einen Landsmann kennen, der als Krankenpfleger auf dem Hospitalschiff Helgoland arbeitet.

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Ohne Einsicht in seine Verlorenheit strebt Captain Winslow „Barry“ Meeker dem Krieg entgegen. Fast zwei Meter lang, raucht und trinkt der polyglotte, bereits zweimal angeschossene, mit einem donnernden Ego gesegnete Hubschrauberpilot alle Teufel unter den Tisch, um „auch noch nach zehn Dosen Bier stocknüchtern“ aus dem „Steppenwolf“ zu zitieren.

Die Unsterblichen

Immer wieder aus der Erde Tälern/Dampft zu uns empor des Lebens Drang: Wilde Not, berauschter Überschwang,/Blutiger Rauch von tausend Henkersmählern,/Krampf der Lust,/Begierde ohne Ende,/Mörderhände ...

Michael Miller (ursprünglich Müller), ein in München geborener Fallschirmjäger, Einzelkämpfer und Sanitäter der 101st Airborne Division, lernt Barry in einem Zelthospital kennen.

Aus der Ankündigung

Um einer Gefängnisstrafe wegen Fahnenflucht zu entgehen, verpflichtet sich Michael Miller für die CIA dubiose Zielpersonen aus Ostblockländern und dem Mittleren Osten in den Westen zu schleusen. Sein größter Coup wird jedoch die Befreiung von 141 deutschen Geiseln aus der Islamischen Republik Iran im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland. – Packender Agententhriller nach wahren Begebenheiten.

Da Nang im Dezember 1971 - Michael zeigt sich beeindruckt von Barrys widersprüchlicher Vielfältigkeit. Für einen Schlepperlohn begleitet er den überbordenden Hasardeur in eine Bar. Da lernt das Greenhorn Ulf Peterson kennen, der als Krankenpfleger auf dem Hospitalschiff Helgoland arbeitet. Außerdem erfährt Michael, dass viele Animierdamen verdeckt operierende Offiziere des Vietcongs sind, denen die US-Military Intelligence Desinformationsspezialisten zuführt.

„Uncle Sam zahlt denen jeden Tag fette Zulagen.“

Am nächsten Tag landet Michael zum ersten Mal in einer heißen Zone. Ehe er sich versieht, quillt ihm ein „Darminhalt in sämtlichen Verdauungsstufen“ entgegen. Der Gestank ist bestialisch. Nach zwanzig Minuten auf dem Schlachtfeld erlebt der Debütant die Versorgung eines glatten Durchschusses als heilsame Erholung. Dann wird er selbst zum Gefecht herangezogen. Er plagt sich mit dem biblischen Tötungsverbot und verspricht sich, in jedem Fall am Feind vorbei zu schießen. Als der Feuerbefehl die Soldaten aus der Deckung zieht, sieht Michael eine Baumschule auf sich zukommen. Die Vietcong-Kombattanten tragen „abenteuerliche Pflanzen und Sträucher auf ihren Köpfen“. Neben Michael bricht Bill zusammen. Er hat ein Loch im Kopf. Blut- und Hirnwasser treten aus. Trotzdem spricht der Verletzte. Er beklagt eine höchst irritierende Sehstörung.
Michael hält auch die psychisch Eingeschnappten für kampfunfähig. Er macht den Fehler, sich entsprechend zu äußern. Ein Sergeant kontert: „Wer noch eine Waffe halten kann, kann auch noch kämpfen.“
Michael entzieht sich dem Regime. Er desertiert im Rettungshubschrauber und steigt bald in begleitender Funktion in ein Ambulanzflugzeug, das nach Korea fliegt. In der Luft nimmt er die Identität eines gerade Verstorbenen an.
„Ich tauschte unsere Dog Tags.“

Demolition Lessons

Ich schenke mir die Details der Verwandlung vom Deserteur zum CIA-Agenten. Michael sitzt halbwegs auf dem Kackeimer in einer Militärarrestzelle, als man ihn mit einem Angebot ködert, dass der Delinquent nicht ausschlagen kann. Jetzt heißt er Martin Cooper. Also nenne ich ihn auch so.

Martin durchläuft das Programm auf der Farm in Camp Peary. Sie erinnern sich. Das wurde gründlich besprochen. Siehe Amaryllis Fox, „Life Undercover. Als Agentin bei der CIA“, Hanserblau …

Den Feinschliff gibt es auf der Farm. Das rurale Refugium liegt irgendwo in Virginia. Da bildet die Agency solche Agent*innen aus, die mehr können müssen, als in der Rolle einer zivilen Botschaftsangehörigen nicht durchzufallen. Auf der Farm bringt man Fox Bump bei. So nennt man die Herbeiführung einer Begegnung unter den Anzeichen des Zufälligen.

„Wir investieren in eine Beziehung mit unseren Gegnern“, schreibt Fox.

Die Agent*innen gewinnen Vertrauen und bauen Beziehungen auf. Gegebenenfalls organisieren sie dissoziative Identitätsstörungen. Fox behauptet, im Waffenkampf verlöre man jene „subtilen Fertigkeiten“, die es einem erlauben, von einer Cocktailparty in eine Terrorzelle zu wechseln, ohne auffällig zu erscheinen.

„Es ist unsere Deckung (Tarnung), nicht unser Waffenarsenal, das uns davor bewahrt, getötet zu werden.“

Zurück zu Martin. Besonders genießt er in Demolition Lessons den Umgang mit Dynamit, Plastiksprengstoff und hausgemachte Explosives. Während er lernt, K.O. Tropfen zu destillieren und Leute mit Hokuspokus zu verwirren, nimmt die Watergate-Affäre* Gestalt an.

*„Die Watergate-Affäre ist benannt nach dem im Zentrum der amerikanischen Hauptstadt Washington gelegenen Watergate-Gebäudekomplex, in dem sich Anfang der 1970er Jahre das Hauptquartier der Demokratischen Partei befand. In ihm verhaftete die von dem Wachmann Frank Wills verständigte Polizei in der Nacht zum 17. Juni 1972 fünf Einbrecher, die offenbar versucht hatten, Abhörwanzen zu installieren und Dokumente zu fotografieren.“ Wikipedia

CIA-Direktor Robert Helms fragt seine Schüler*innen: „Was haben die Einbrecher … falsch gemacht.“

Die Antwort lässt er sich nicht nehmen:

„Sie haben sich erwischen lassen.“

05:12 24.11.2020
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