Handfester Traumtänzer

Kino Ruhrgebietsansichten eines Clowns - Caroline Link hat Hape Kerkelings Autobiografie „Der Junge muss an die frische Luft“ idyllisch verfilmt.
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2014 erschien Hape Kerkelings Autobiografie „Der Junge muss an die frische Luft - Meine Kindheit und ich“. Den Titel motivierte der Ausspruch eines Großvaters, der vor Stalingrad seine Zehen im Frost verloren und dennoch einen kolossalen Heimweg zu Fuß bewältigt hatte. Die Transformation der Wanderung in eine Erzählung weitete sich zum mythischen Text und zu einem familiären Glaubensbekenntnis. In einer Szene der nun von Caroline Link verfilmten Lebensgeschichte eines Komödianten sieht man den Alten und das Kind im Gebirge am Lagerfeuer: in einem Triumpf der Toleranz und eines Glücks der Gegensätze. Kerkelings queeres Potential fand bis dahin schon viele Manifestationen: im Rahmen der rustikal-libertären Ruhrpottigkeit seiner Angehörigen.

Der Junge muss an die frische Luft, Spielfilm/D 2018. Regie: Caroline Link. Mit Julius Weckauf, Luise Heyer, Sönke Möhring, Joachim Król, Ursula Werner, Hedi Kriegeskotte, Rudolf Kowalski

Nicht nur dieser Großvater hält den Mut des Nachkommen mit Binsen hoch. Auch die „für Krawall zuständige“ Oma Änne (Hedi Kriegeskotte) liebt die Parolen der Autonomie.

„Wenn du weißt, watt de willst, dann machet.“

Oma Änne rettet ein Pferd vor dem Abdecker, indem sie es Hape schenkt. Er macht im Sattel nicht gleich eine gute Figur, dient aber geschickt die Lächerlichkeit einer kalkulierten Komik an.

Kerkelings parodistisches Begabung zeigt sich früh. Das Kind erkennt den Witz von Kalenderspruchweisheiten. Es beherrscht das ABC der geistigen Armut nicht nur zu seinem Vergnügen. Hemmungslos ahmt es Leute nach und erntet noch unbedarft das Gelächter seiner Verwandten. Vor allem die depressive Mutter versucht es auf andere Gedanken zu bringen. Sie begeht trotzdem Selbstmord, ohne eine letzte Liebesbezeugung für den (im Verein mit einem älteren Bruder und dem Vater) Zurückgelassenen. Der Junge wacht neben der Toten auf.

Julius Weckauf spielt Hans-Peter Kerkeling als handfesten Traumtänzer. Hans-Peter kriecht unter die Fittiche von Oma Bertha (Ursula Werner). Sie verteidigt das Kind und gibt ihm die Liebe, um stark zu werden.

Bären- oder Freundschaftsdienst? fragte die WELT zwanzig Jahre nach Rosa von Praunheims aktivistischem Paukenschlag in der RTL-Arena „Explosiv – Der heiße Stuhl“. Praunheim hatte die Homosexualität des „Sympathieträgers“ Hape Kerkeling ohne dessen Zustimmung preisgegeben. Kerkeling erklärte später, er habe das Zwangsouting zunächst als Hinrichtung empfunden, dann aber den Übergriff als Entlassung in die Freiheit verstanden.

Im Kreis der Familie kann Hans-Peter sein, wie er will. Der Spagat zwischen Anpassung und Abweichung gelingt aber auch außerhalb der Trutzgemeinschaft in Willy Brandts und Ilja Richters Disco-Deutschland der 1970er Jahre. In der Schultheater-AG erschafft Hans-Peter seine erste Spielfigur am Beispiel der Pott-Legende Jürgen von Manger, einem Vorgänger von Kerkelings krachlederndem Horst Schlämmer. Am Ende des Films sieht man Leute in einer Recklinghäuser Pilsstube sich wegschmeißen angesichts der medialen Erscheinung von Horst Schlämmer. Alle erkennen den Horst aka Hans-Peter als einen der Ihren (Irren).

11:56 04.01.2019
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