Harte Hände

SPD „If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, Infinite. For man has closed himself up, till he sees all things ...“ William Blake
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„Was ist Größe?“ fragte ich Xuan.

Wir betrachteten ein von Holzerntemaschinen gepflügtes Feld. Die forstwirtschaftliche Perspektive erschloss sich mir als Gemetzel.

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Es wurde ständig geschossen. Nichts war sorgfältiger ausgearbeitet, als die Schneisen zwischen so geschickt versetzten Hochsitzen, dass die Arglosigkeit von zwei, mitunter sogar von drei Seiten angegriffen werden konnte.

Man betrieb Massentierhaltung im Wald. Der Verbiss zeigte, worauf nicht geachtet wurde. Röhren zum Schutz junger Sprossachsen lagen wild abgeworfen herum und bildeten unschöne Halden.

Xuan entgegnete: „Fleiß.“

„Und wie verhält sich Begabung zu Größe?“

„Sie ist eine Sackgasse im schlechtesten Fall und im besten Fall ein Umweg.“

Wir machten uns wieder daran, die Hände zu härten. Ich hatte meine Vorbehalte – Hände sind Greif- und keine Schlagwerkzeuge – nach einem Traum aufgegeben und schlug nun täglich eine wie aus der Luft gegriffene, mich betörende Partitur auf elastisch resonierende Birken und solide gestapeltem Festmeter, der zur Absorption des Rückstoßes erzog.

Xuan blieb bei seinem Rhythmus. Er ließ die Vergangenheit ruhen, doch war mir zugetragen worden, dass er Saigon bereits im April 1975, wohl im direkten Zusammenhang mit dem amerikanischen Abzug und im Geleit einer großen Familie verlassen hatte. Die Familie war von der Besatzung eines deutschen Hospitalschiffs geborgen worden. Sie hatte in Kassel die Taekwondo Abteilung eines ursprünglichen Judovereins aufgebaut und in Lohfelden weit und breit das erste vietnamesische Lokal eröffnet.

Xuan war ein lachender Spuk. Er kam vom Gong-fu und war Taekwondo Danträger, doch nannte er sein Programm in unserer Zwiesprache Karate und noch heimlicher Okinawa Te. Das auf Okinawa im Mittelalter mutierte chinesische Boxen hat keine Verbindung mit der Kampfkunst der japanischen Kriegerkaste. Die Samurai trainierten keine Urform des Karate. Sie gingen von Waffen aus, die stets griffbereit waren und deren Verlust einem Todesurteil ziemlich nah kam. Auf dem schmalen Grat einer Begegnung zwischen einem Bewaffneten und einem Entwaffneten setzte man auf Techniken, die später im Judo und Aikido entschärft wurden.

Grundsätzlich lassen sich Kulturen unterscheiden, indem man der Frage folgt, ob sie Kampf primär vom Ringen oder vom Boxen her begreifen. Die klassischen Griechen waren eher Ringer als Boxer, Türken und Bulgaren sind bis heute Ringer. Auch die Hauptinseljapaner ziehen das Hebeln (Brechen) und Werfen traditionell vor. Karate bewahrt einen großen Apparat an Jiu Jitsu Techniken.

Die Kraft des Gegners gegen ihn einzusetzen und auf fremde Stärke andere als unwillkürliche Antworten in Erfahrung zu bringen, verspricht am Ende einen Rausch ohne Reue. Xuan ermahnte mich, einen Namen im Gedächtnis zu behalten: Morio Toyama.

Jahre später fragte mich Toyamas Tochter Tomoko:

„Glauben Sie an Wiedergeburt?“

Ich wusste nichts darauf zu sagen. Alle Entgegnungen waren billig zu haben.

Tomoko ergriff mich seltsam zudringlich an einem Ärmel.

„Ich sehe, dass Sie ihre Hände hart gemacht haben. Sie waren doch lange dagegen.“

Woher wusste sie das?

„Vor zehn Jahren hatte mein Vater einen Traum, indem Sie vorkamen. Und jetzt sagen Sie mir, dass Sie nicht vor zehn Jahren angefangen haben, ihre Hände im Style ancien zu trainieren.“

„Doch, damit habe ich vor zehn Jahren begonnen, nach einem Traum.“

„Und von da an sind Sie stetig besser geworden und konnten sich das nicht erklären.“

Ich war baff.

09:22 24.02.2019
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