Hausbesuch bei Ugur-Bright

Angehörige einer Klasse Die Leute in Salem nannten Partys Hausbesuche.
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Es gab gefrorene Erdnussbutter zum Nachtisch.

Amerikanischer Nachtisch - Peanut Butter Cup

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Mir erzählte Varina die Geschichte so.

Ich war noch fremd in Salem und ging nur mit, weil ich nicht schon wieder allein sein wollte. Ich gehörte zum Tross, wie ein halbes Dutzend Eleven. Ugur-Bright Longstreet schien es egal zu sein, wer die Vorräte seiner Eltern plünderte und im Pool badete. Sicherheitsleute sorgten dafür, dass die Party nicht aus dem Ruder lief, ohne sich groß bemerkbar zu machen. Es fand das Übliche statt. Limitierter Exzess.

Den allgemeinen Aufbruch verschlief ich in einem Liegestuhl. Als ich aufwachte, war sonst kein Gast mehr da. Ugur-Bright saß zu meinen Füßen wie ein junger Gott. Er sagte:

„Wir hatten noch keine Gelegenheit, uns zu unterhalten.“

Vielleicht machte es ihm Spaß, förmlich zu sein und den Gentleman in der Badehose herauszukehren. Wir stammen beide aus Geschichtsbuchfamilien. Ugur-Brights berühmtester türkischer Vorfahre ist Samsun Tok (1873 - 1952) - Spezialist für Parasitologie, Staatssekretär im Gesundheitsministerium unter Kemal Atatürk, Großmeister der Freimaurer, Vertrauter von Mustafa Edip Servet und in den Dreißigerjahren Chef der landesweiten Malariabekämpfung. Der berühmteste amerikanische Vorfahre ist James Longstreet (1821 - 1904), den Robert E. Lee seinen begabtesten General nannte. Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 – 1865) geriet Longstreet in die Kritik. Lee revidierte sein Urteil, vermutlich, um selbst besser dazustehen. Bei uns zuhause hielt man es in Generationen für ausgemacht, dass Longstreet den Sündenbock abzugeben hatte für Lees Fehler in Gettysburg 1863. Es herrschte eine feste Formulierung, die von den Meinungsführern verwandt wurde: Longstreet was a scapegoat for Lee‘s folly at Gettysburg.

Ich hörte diesen Satz so oft, dass ich als Kind glaubte, wir seien mit James Longstreet verwandt und erachteten Lee für einen schlechten Mann. So war das nicht. Meine Leute hielten Lee trotz allem für den größten Konföderierten.

Ugur-Bright wohnte neben dem Alexander McNish House, das elf Jahre nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft gebaut worden war und ein nationales Denkmal ist.

1794 – Mein Gastgeber kannte das Jahr der Grundsteinlegung. Vergeblich suchte er eine Pose, die seinen Willen zur Zurückhaltung unterstrich. Sein Kiefer erinnerte an einen Hammerhai. Falls ihr wieder einen braucht, bei dem jede Geste manspreaded, nehmt Ugur-Bright.

Wir begegneten uns am Beckenrand als zur Paarung und Ehe geeignete Angehörige einer Klasse. Wir waren uns sicher, nicht nur die Zustimmung unserer Eltern, sondern ihren Beifall für die Konstellation zu ernten.

Ich erzählte Ugur-Bright von dem guten Ruf, den General Longstreet in meiner Familie genießt. Ugur-Bright nahm das zum Anlass, mich gefangen zu nehmen unter dem freundlichen Firnis eines gemeinsamen Abendessens. Es gab Wildschwein mit Honigkruste.

Ugur-Bright lebte mit seinen (verreisten) Eltern und Geschwistern im Yankee Staat New York und war überhaupt nicht daran gewohnt, Gerechtigkeit für die Sache des Südens oder auch Gerechtigkeit für die verlorene Sache zu erfahren. In den Versionen des Nordens war Lees Rebellenarmee so etwas wie ein Kinoindianerstamm, mit dem man alles anstellen konnte, was die Dramaturgie verlangte. Ugur-Bright behauptete, sich politisch nie aus dem Fenster zu lehnen. Seine Mutter schilderte er als militant amerikanisierte Türkin aus Trabzon am Schwarzen Meer. In ihrer Ehe verkörpere sie zunehmend drastischer die Yankee-Siegerposition. So triumphiere sie über ihren Mann.

Ugur-Bright genoss es aufrichtig, dass sein Longstreet-Erbe von mir zu einem polierten Gegenstand von Erörterungen gemacht wurde. Er verriet mir, dass eine Frau aus dem Norden als Ehefrau für ihn nicht in Betracht käme. Kurz, Bright war sofort verliebt und nannte mich Varina-Belle-Sevgili.

Ich komme Jefferson Davis (1808 – 1889) nach. Davis war der einzige Präsident der Konföderierten Staaten von Amerika. Er sah Lincoln gar nicht so unähnlich. Vielleicht sahen zu seiner Zeit alle geltungsstarken Männer wie Old Abe aus. Davis hatte wenig Glück als Politiker, Geschäftsmann und Autor. Er verfasste Streitschriften gegen den Abolitionismus. Die Sklaverei nannte er einen Segen für die Sklaven. Ihre Lebensbedingungen beschrieb er auf einer Geraden zwischen betreutem Wohnen und geschützten Werkstätten.

Davis war eine ramponierte Galionsfigur, nicht weit weg von einer Notlösung. Vermutlich war das im allgemeinen Desaster nach 1865 nicht sonderlich ins Gewicht gefallen. Einer meiner Urtanten, Davis‘ jüngste Tochter Varina (1864 – 1898), verbrachte Jugendjahre in Karlsruhe. Varina baute ihre Verwandtschaft mit dem Ex-Präsidenten zu einem Ehrenamt aus. Sie amtierte als „Tochter der Konföderation“ mit deutschem Akzent.

Es gab gefrorene Erdnussbutter zum Nachtisch

Ich glaube, dass Longstreet auch deshalb aus dem Heiligenkalender des Südens gestrichen wurde, weil er mit Ulysses S. Grant (1822 - 1885) befreundet war. Darüber könnte man forschen. Grant (18. US-Präsident) isolierte eine Reihe vormals konföderierter Persönlichkeiten, indem er sie an sich band. Womöglich war das eine Fortsetzung der Kriegsführung mit anderen Mitteln. Man kannte sich aus West Point und hatte vor dem Bürgerkrieg manches gemeinsam erstritten. Daran ließ sich anknüpfen, auch wenn William Tecumseh Shermans verheerender Durchmarsch, siehe die Atlanta- und Savannah-Feldzüge (Mai bis Weihnachten 1864), das politische Betriebsklima frostig hielt und als ungesühnte Überschreitung der Grenzen des Zulässigen katalogisiert blieb.

Es gab gefrorene Erdnussbutter zum Nachtisch. Ugur-Bright fehlte das historische Wissen, um zu mir aufzuschließen. Ich war in der Stimmung, ihm heimzuleuchten. Es entbehrt doch jeder Vernunft, zu ignorieren, dass die Darstellung einer Angelegenheit Verhältnisse schafft. Wäre der Sezessionskrieg an den Süden verloren worden, würde die Schlacht von Gettysburg ganz anders erzählt. Longstreet erschiene als Genie bei der Verschiebung von Kräften. Er hatte so oft einem materiell überlegenen Gegner getrotzt, dass man die Siege seiner Person magisch zuschrieb, anstatt sie sich rational aus den Umständen zu erklären. Die Konföderierten blieben deshalb so lange auf ihren Höhen, weil sie so zueinanderstanden, dass sie sich ersetzen konnten. Sie spielten Mühle mit dem Feind.

Morgen mehr.

14:25 31.03.2018
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