Heiliger Sandkasten

Sumō Angeblich war Sumō ursprünglich ein shintōistisches Ernte-Ritual
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„Im Ring liegt alles für dich bereit“, sagt Koto Shōgiku. Verwechseln Sie den Zitierten bitte nicht mit Kotoshōgiku, der die japanische Suprematie restituierte, als er nach Dekaden überseeischer Dominanz in der Königsklasse des Sumō, der Makuuchi-Division, die ausländische Konkurrenz deklassierte.

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Vermutlich ist Koto Shōgiku ein Nom de guerre, mit dem der Novize die magische Verbindung zu dem japanischen Herkules herstellt.

Was ist alles?

In der Halbgötterwelt, mit der wir uns gerade die Zeit vertreiben, ist das lediglich Status und Geld. Das ist natürlich langweilig. Interessant ist der Nachsatz: „Du kannst alles haben und brauchst dafür nur dich selbst. Du musst dir einen Körper schaffen, der nie verliert.“

Das liest sich prosaischer als es der Wahrheit entspricht. Körper bedeutet in diesem Kontext nicht ausschließlich, aber eben auch etwas Metaphorisches. Das Wesen des Sumō umkreist einen zentralen Punkt: das Gleichgewicht des Menschen. Alles dreht sich darum, das eigene Gleichgewicht zu wahren, und das Gegnergleichgewicht zu stören.

Ausgangspunkt meiner Betrachtung ist die heutige Anzeige eines neuen Rebel Girls-Bandes. Siehe meinen Text mit dem Titel Mädchenmut und artifizielle Kognition.

Beeindruckend finde ich die Biografie von Doreen Sylvia Simmons, der weltweit ersten Sumō-Kommentatorin. Vor Doreen gab es keine professionelle Vermittlung, die dem Publikum das sportlich-spirituelle Geschehen in einem „heiligen“ Sandkasten verständlich machen konnte.

„Die erste Erwähnung des Sumō findet sich in einer Schrift aus dem Jahr 712 … (die überliefert), wie der Besitz der japanischen Inseln im Kampf zwischen den Göttern Takemikazuchi und Takeminakata entschieden wurde.“ Wikipedia

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Sumō-Suppe und Bushi-Dutt

Die Gaijin-Wahrnehmung unterschlägt die religiöse Dimension. Westliche Beobachter*innen tendieren zu einer reduzierten Auffassung des shintōistisch konnotierten und ritualisierten Ringkampfs, den man wiederum nicht isoliert betrachten kann. In ihm fusionieren koreanische und chinesische Stile. Die Vergleiche fanden zuerst auf den Marktplätzen von Weilern und an den Fürstenhöfen regellos statt. Sie endeten mit dem Tod des Unterlegenen. Die Abkehr von dieser Praxis fällt zusammen mit dem Verzicht auf scharfe Waffen zu Trainingszwecken. Heute erinnert der Bushi-Dutt an die höfische Sonderstellung der Sumōtori. Das japanische Gesetz verbietet die antike Kriegerfrisur allen Nicht-Sumōtori.

Die Halbgötter zum Anfassen leben in hierarchisch gegliederten Wohngemeinschaften. Besonders gern stärken sie sich mit der Sumō-Suppe Chankonabe, einem Eintopf aus Gemüse, Geflügel und Meeresfrüchten. Kartoffeln, Reis, Nudeln und Tofu gehören zur Ringerdiät.

Eben rief Jörg Steinacker an, getrieben von der Idee, er habe etwas begriffen. Begriffen haben wollte er die zunehmende Überlegenheit ausländischer Sumō-Divisionäre als Folge des Umstands, dass sie größer und schwerer seien als die japanischen Athleten. Ich wiederhole meinen Einwand. Größe und Gewicht müssen im Verhältnis zum Schwerpunkt optimiert werden. Das ist aussichtsreicher bei einem 1.80 m großen und 150 Kilo schweren Ringer als bei einem hawaiianischen Bulldozer, mit über zwei Meter Länge und 250 Kilo Gewicht. Als Hausaufgabe biete ich Folgendes an. Will nicht jemand recherchieren, ob die Hypertrophen (im Verhältnis zum japanischen Standard) eine größere Verletzungsanfälligkeit aufweisen?

11:55 30.11.2020
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