Herkunftsscham II.

#Leben Aber die Leute in den Fabriken freuen sich über hohe Gehälter, günstigen Kantinenfraß, geregelte Arbeitszeiten und alle möglichen Vergünstigungen
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Der Anfang ist nicht schwer. Als Jill und Pat erst standesamtlich und dann in der größten Bausünde der Gegend kirchlich heiraten, ist das kleine Glück im Fabrikwinkel noch im Dutzend billiger zu haben. Braut und Bräutigam sind Produkte ähnlicher Prägung, vereint in der Bescheidenheit gemeinsamer Erwartungen. Soziolog*innen verdammen zwar schon die Fließbänder als Meilensteine einer seelenlosen Automatisierung. Aber die Jills und Pats in den Fabriken freuen sich über hohe Gehälter, günstigen Kantinenfraß, geregelte Arbeitszeiten und alle möglichen Vergünstigungen, die es die längste Zeit nicht gab und in den Klitschen auch immer noch nicht gibt. Sie haben ein geradezu ausschweifendes Privatleben, können Vermögen bilden, Eigentum erwerben und sich gesünder halten als ihre Eltern. Der Fortschritt steht außer Zweifel.

Jill und Pat haben es besser als ihre Eltern es hatten. Konsumtechnisch zählen sie zum Mittelstand. Sie erleben die Verstädterung einer Dorflandschaft, bis die Bauernschaft in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet fast verschwunden ist. Ackerbau und Kaninchenzucht hören auf bildbestimmend zu sein. Manche Eingesessene geben ihre Geschäfte und Höfe demonstrativ auf. Sie trollen sich wie trotzige Kinder. Jill und Pat machen den Exodus nicht mit. Sie haben keinen Sinn für das Pathos der Traditionalisten, die ihre Verluste zelebrieren. Die Habenichtse passen sich an und gehen auf in der neuen Hefe. Ihre Nachkommen wachsen in einem Ballungszentrum auf. Eine noch nie beschriebene Apartheid trennt sie von den Gewissheiten ihrer Eltern. Zwar verschlechtern sich die Verhältnisse auch für Jill und Pat. Jedoch geschieht dies im Takt schwindender Bedürfnisse. Jill ergattert sogar noch eine Stelle als verbeamtete Reinigungskraft. Davon kann ihre Tochter Jade nur träumen.

Alles lief auf ein Studium hinaus und nun das

Das Einfachste vom Einfachsten ist von Anfang an gut genug für Jade. Trotzdem hat auch ihre Familie eine Reise zum Mond vor, indem sie die begabteste Tochter Abitur machen lässt. Jade genügt den Einstiegsanforderungen von drei Universitäten, aber nur in ... entstehen für die Eltern keine weiteren Kosten.

Die Verhältnisse zeigen alle Facetten einer institutionalisierten Ungerechtigkeit, auf der in Hohnlettern Chancengleichheit steht. In überfüllten Hörsälen begreift Jade, dass ihr Ziel der Weg zum Studium war; dass sie allein auf dieser Strecke den größtmöglichen sozialen Abstand zu ihrer Herkunft gewonnen hat. Auch ihr Bruder steigt nach dem ersten Semester wieder aus und deklassiert sich als Melkassistent.

Jade sammelt Enttäuschungen, bis sie die Partystudentin und Möchtegern-Schriftstellerin Astra Seneca als Putzkolonnenkollegin kennenlernt. Bei der ersten Begegnung schiebt Jade einen Putzmitteltransporter über Gänge, während Astra einen Schrubber demonstrativ arbeitsverweigernd handhabt. Das ist als Ouvertüre natürlich etwas anderes als ein Flirt an der Bar. Das Paar teilt die Herkunftsscham, ohne sie wahrhaben zu wollen.

Bald mehr.

18:56 21.02.2021
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